Abstimmung
«Bahnhofcorso»-Gegner Raoul Rosenmund: «Das wirft Liestal aus der Balance»

Alle politischen Parteien stehen hinter dem Quartierplan Bahnhofcorso. Der Abstimmungskampf verläuft bis jetzt trotz der Bedeutung der Vorlage eher mässig. Vor allem um die «Bahnhofcorso»-Gegner wurde es ruhig.

Andreas Hirsbrunner
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Für Raoul Rosenmund und seine Gruppe «Starkes Liestal» ist der Bahnhof-Quartierplan eine Riesenkröte, die sie nicht schlucken wollen.

Für Raoul Rosenmund und seine Gruppe «Starkes Liestal» ist der Bahnhof-Quartierplan eine Riesenkröte, die sie nicht schlucken wollen.

Juri Junkov

Am 26. November stimmt Liestal über das Jahrhundertgeschäft Quartierplan Bahnhofcorso ab. Dieser Quartierplan, hinter dem alle politischen Parteien stehen, ermöglicht den SBB, auf ihrer Parzelle am Bahnhof ein neues Bahnhofgebäude, ein Bürogebäude und ein Hochhaus zu bauen. Der Abstimmungskampf ist bis jetzt trotz der Bedeutung der Vorlage eher lau. Vor allem die Gegner, die Gruppe «Starkes Liestal», sind überraschend ruhig geworden. Was ist los? Das wollten wir von deren Kopf, dem Architekten Raoul Rosenmund, wissen.

Herr Rosenmund, ihre Gruppe ist im Frühsommer wie ein Tornado ins Vorgeplänkel um den neuen Bahnhof eingefahren. Jetzt, da es ernst gilt, ist von Ihrer Seite mit Ausnahme von Plakaten kaum noch etwas zu sehen und zu hören. Haben Sie kalte Füsse bekommen?

Raoul Rosenmund: Überhaupt nicht. Wir haben von Anfang an auf Argumente und nicht auf Meinungen gesetzt. Das macht die Gegenseite eher umgekehrt und darunter leidet die Diskussion. Wir haben vor der Einwohnerratsdebatte vergeblich versucht, unsere Argumente einzubringen. Der Einwohnerrat war von der Drohgebärde der SBB zu stark eingeschüchtert und wollte sich nicht den kleinsten «Fehltritt» leisten. Wir informieren im «Liestal aktuell» und im «Lima», mit weiteren Leserbriefen und einzelnen Artikeln, sowie an samstäglichen Ständen im Stedtli. An öffentlichen Anlässen gibt es noch das Podium vom nächsten Montag (s. Box, Anm. der Redaktion).

Streitgespräch

bz lädt zu einzigem Bahnhof-Podium

Am kommenden Montag diskutieren Gegner und Befürworter zum einzigen Mal auf einem öffentlichen Podium, ob das geplante Bahnhofszentrum Fluch oder Segen für Liestal ist. Auf der Pro-Seite stehen Stadtpräsident Lukas Ott und KMU-Vizepräsident Michael Bischof, auf der Contra-Seite Architekt Raoul Rosenmund und alt Stadtrat Heiner Karrer. Moderiert wird der Anlass vom stellvertretenden bz-Chefredaktor Bojan Stula. Die Podiumsdiskussion startet um 19.30 Uhr im Kulturhotel Guggenheim am Wasserturmplatz. Im Anschluss offeriert KMU Liestal einen Apéro.

Was macht für Sie die Vorlage so komplex?

Bis jetzt ging es in Liestal um überschaubare Quartierpläne, die ein eingeschränktes Gebiet etwas veränderten, aber Liestal als Ganzes nicht störten. Das aber, worüber wir jetzt abstimmen, hat einen ganz anderen Einfluss und würde Liestal aus der Balance werfen. Heikel macht die Abstimmung auch, dass die SBB kürzlich über ihren Vierspur-Ausbau informierten.

Viele Leute verwechseln nun das Infrastrukturprojekt, gegen das wir nichts einzuwenden haben, mit dem Immobilienprojekt Bahnhofcorso. Dazu kommt, dass die Befürworter die Verwechslung mit ihrem Plakat bewusst fördern. Darauf steht «ein guter Zug» und «Ja zum neuen Bahnhof» sowie ein Bild von einem vorbeifahrenden Zug. Kein Wort von Hochbauten oder Immobilien.

Die Kernfrage der Abstimmung scheint uns nicht so komplex: Wollen wir ein Hochhaus am Bahnhof oder nicht?

Nein, das ist nicht die Kernfrage. Das Hochhaus ist nur das Zeichen dessen, was falsch läuft. Das frühere Projekt Eurocity wies im jetzigen Bahnhofcorso-Perimeter nur zwei Hochhäuser von 36 Metern Höhe mit einem viel schlankeren Körper als das jetzt geplante SBB-Hochhaus mit einer Maximalhöhe von 57 Metern auf. Diese hätten sich ins lebendige Gewusel namens Liestal integriert. Zum Vergleich: Das Uno-Gebäude misst knapp über 20 Meter. Aber wir müssen weiter vorne anfangen.

Wo denn?

Der Bahnhofcorso-Quartierplan provoziert ein neues Zentrum. Und zwar ein massives, wenn es so ausgebaut wird, wie es geplant ist. Wir wollten die Ladenflächen begrenzen. Einwohner- und Stadtrat wagten es nicht, den SBB die Stirn zu bieten. Wenn man alles zusammenzählt, was bereits steht und geplant ist rund um den Bahnhof, also Uno 1, 2, 3, Post, neuer Bahnhof und Hochhaus, so kommt man auf eine mögliche Dienstleistungsfläche von 6000 Quadratmetern. Die ganze Rathausstrasse weist eine solche von 3200 Quadratmetern auf.

Dazu kommt, dass sich das neue Bahnhofquartier isoliert: nach Norden mit dem Hochhaus, nach Süden Richtung Altstadt mit dem wuchtigen Post-Neubau. Und verkehrsmässig, indem die Poststrasse für den Durchgangsverkehr gesperrt werden soll. Damit nabelt man das Stedtli ab. Es gibt wegen dem Post-Klotz und McDonalds, das stehenbleibt, auch keine Sichtverbindung zur Altstadt mehr, mit der Folge: aus den Augen, aus dem Sinn.

Jetzt wird es aber noch komplizierter: In Ihren Abstimmungskampf spielt also auch das geplante Postgebäude hinein?

Ja. Der Stadt- und der Einwohnerrat wollen diese beiden Projekte nicht zusammen diskutieren, dabei hängt das eine vom anderen ab. Das macht es den Behörden einfach und für uns schwierig. Diese Zusammenhänge sind im Abstimmungskampf schwer zu vermitteln. Es entsteht am Bahnhof ein kompaktes, abgeschlossenes Zentrum. Da ändert das politische Zückerchen Elefantenbrückli ins Stedtli wenig. Der geplante Post-Klotz ist aber nicht das Problem der Architekten, die den Wettbewerb gewonnen haben; das sind gute Architekten. Das Problem war die Wettbewerbs-Formulierung, sodass die auswärtigen Architekten die Post bewusst nur auf den Bahnhof ausrichteten.

Sie haben mit Ihrem Büro auch am Post-Wettbewerb teilgenommen. Man kann Ihnen jetzt vorwerfen, Sie seien ein schlechter Verlierer.

Ja, ich war in einem Dilemma. Wenn ich nicht teilgenommen hätte, hätte man mir vorwerfen können, ich fordere zwar die Verbindungen, zeige aber keine Lösung.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Wir müssen den Quartierplan Bahnhofcorso ablehnen. Denn was wir von diesem wahrnehmen können, ist nur die Spitze des Eisbergs einer Fehlplanung, die Liestal aus der Balance bringen wird. Wenn wir hier nicht stopp sagen, werden wir es bereuen, denn Liestal wird dadurch zu einer beliebigen Agglo-Stadt mit einem grösseren Hochhaus. Liestal hat aber eine identitätsstiftende Lebensqualität, die sich über die Jahrhunderte gebildet hat. Diese Marke ist mit einer qualitätsvollen Planung zu stärken. Das Stedtli soll nicht von einem neuen, zweiten Zentrum links liegengelassen werden. Viele haben sich nun in eine Euphorie hineingesteigert, wie damals, als wir die Strasse A 22 über die Ergolz bauten. Niemand würde das heute mehr vorschlagen.