Fluglärm
Ballmer: «Es gibt keinen Flughafen ohne Fluglärm»

Finanzdirektor Adrian Ballmer weist die Aussagen von Schutzverband-Präsidentin Madeleine Göschkes als sachlich falsch zurück - und will klarstellen, was wirklich stimmt.

Michael Nittnaus
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Finanzdirektor Adrian Ballmer kontert Schutzverband

Finanzdirektor Adrian Ballmer kontert Schutzverband

Michael Nittaus

Herr Ballmer, die Schutzverbands-Präsidentin Madeleine Göschke hat sie im bz-Interview vor einer Woche hart kritisiert. Sie würden als zuständiger Regierungsrat und Mitglied des Euro-Airport-Verwaltungsrates die Bedürfnisse der lärmgeplagten Bevölkerung ignorieren. Oft würden Sie auf Briefe von Betroffenen nicht oder nur salopp antworten.

Adrian Ballmer: Das ist schlicht falsch. Ich antworte immer. Und ich antworte seriös, nicht oberflächlich. Wir nehmen die Beschwerden aus der Bevölkerung sehr ernst. Natürlich gibt es notorische Schreiber, denen ich dann beim dritten Brief mit der gleichen Frage kürzer antworte.

Für Göschke zeugt dieses Auftreten von Arroganz.

Ich bin sicher nicht arrogant. Wer eine andere Meinung vertritt, ist noch lange nicht arrogant. Ich muss beim Thema Euro-Airport (EAP) und Fluglärm immer das Gesamtbild betrachten: Kosten und Nutzen. Wir alle wollen den Nutzen mit möglichst geringen Immissionen, aber letztlich gibt es keinen Flughafen ohne Fluglärm. Die Frage ist, ob man den EAP in der Region will oder nicht. Und da hat das Stimmvolk klar Ja gesagt. Frau Göschke spielt auf den Mann. Ihre Angriffe stören mich aber nicht. Anderer Meinung darf sie sein, bloss die Fakten müssen stimmen. Und die Fakten stimmen bei ihr nicht.

Wo zum Beispiel?

Sie hat behauptet, dass nur das elsässische Dorf Hésingue stärker lärmbelastet sei als Allschwil. Das stimmt nicht. Die Lärmkarten beweisen, dass mehrere französische Dörfer stärker betroffen sind. Wir hängen das aus Rücksicht auf unsere Nachbarn nicht an die grosse Glocke. Doch Frankreich übernimmt wesentlich mehr Lärm vom EAP als die beiden Basel.

Also finden Sie, Allschwil soll sich weniger beschweren?

Bezeichnend ist ja, dass Allschwil die Flughafennähe in seiner Broschüre als Standortattraktivität hervorhebt und sich die Gemeinde auch dank dem EAP gewaltig entwickelt hat. Ich wehre mich nur gegen Pauschalisierungen. Frau Göschke sprach von 60000 bis 80000 betroffenen Menschen im Baselbiet. Dabei sind das einfach die Einwohnerzahlen aller Gemeinden in Flughafennähe. Es leiden sicher einige, aber nicht alle unter dem Fluglärm. Die Hälfte der 30000 Reklamationen im Jahr 2010 wurden von drei Personen geschrieben, 90 Prozent von 20 Personen. Ich möchte hier auch festhalten, dass im Baselbiet die Immissions-Grenzwerte des Bundes vom Euro-Airport – im Gegensatz zum Flughafen Zürich – nie überschritten werden.

Die schweizerische Lärmkommission bemängelt aber in einem Bericht, dass diese Grenzwerte veraltet sind. Sie müssten nach unten korrigiert werden. Göschke wirft Ihnen vor, diese Erkenntnis unter Verschluss zu halten.

Der Regierungsrat verheimlicht nichts. Wir spielen nicht mit gezinkten Karten. Wer mich kennt, der weiss das. Der angesprochene Bericht wurde von der eidgenössischen Kommission noch nicht publiziert. Darauf haben wir keinen Einfluss. Ich muss mit den Grenzwerten arbeiten, die aktuell gültig sind; ob sie einst geändert werden, wissen wir nicht. Ausserdem sieht der Bericht die Lärmbelastung durch andere Verkehrsmittel wie Zug und Auto als grösser an.

Und was ist mit der aktuellen Studie, die Göschke heranzieht? Sie belegt, dass das Herzinfarkt-Risiko in der Nähe eines Flughafens um 48 Prozent höher ist.

Die Studie der Uni Bern kommt tatsächlich zu diesem Schluss. Allerdings halten die Forscher fest, dass dies erst ab einer Lärmbelastung von 60 Dezibel zutrifft. Der Euro-Airport erreicht diesen Wert nicht. Ausserdem sollte man bei Prozentzahlen immer vorsichtig sein. 48 Prozent höher als eine geringe Anzahl ist immer noch gering.

Sie streiten also ab, dass der Fluglärm in der Region der Gesundheit schaden kann?

Nein, natürlich kann Lärm für einige Menschen auch gesundheitliche Folgen haben, verstehen sie mich nicht falsch. Aber Lärm ist – wie Steuern – ein Preis der Zivilisation. Immerhin führt diese zu einer höheren Lebenserwartung und mehr Wohlfahrt.

Kommen wir zu einem der Hauptanliegen des Schutzverbandes: die Ausweitung der Nachtflugsperre am EAP von 23 bis 6 Uhr. Göschke sagt, dass alle Fluggesellschaften damit leben könnten.

Das ist schlicht falsch. Ich weiss nicht, mit wem Frau Göschke geredet hat – vielleicht mit dem Reinigungspersonal – aber sicher nicht mit den Fluggesellschaften. Uns haben die Frachtunternehmen DHL, UPS, Fedex und TNT klar gesagt, dass eine Verlängerung der Nachtflugsperre für sie eine Katastrophe wäre. Und auch Swiss und Easyjet sagen uns, dass sie dann stark unter Druck geraten würden. Für uns ist klar, dass die Region einen grossen wirtschaftlichen Schaden davontragen würde.

Göschke vertritt aber auch die verbreitete Meinung, dass der Fluglärm wirtschaftlichen Schaden anrichtet, weil etwa Liegenschaften an Wert verlören.

Man muss nur die Liegenschaftspreise in betroffenen Gemeinden mit anderen vergleichen, um zu sehen, dass das so nicht stimmt. Ich denke etwa ans neue Allschwiler Ziegelei-Quartier. Ausserdem bestätigten mir auch Immobilienfachleute und die Bank, die in der Region die meisten Hypotheken gewährt, dass Fluglärm bisher keinen feststellbaren Einfluss auf die Immobilienpreise hatte.

Aber dass in Allschwil ein 80 Hektaren grosses Areal wegen der Lärmgrenzwerte nicht bebaut werden darf, ist doch auch ein Wertverlust?

Ja, das ist bedauerlich. Dort wird aber nicht der Immissions-, sondern der tiefere Planungsgrenzwert überschritten. Solche Nutzungseinschränkungen gibt es allerdings viel öfter wegen Eisen- oder Autobahnen. Allschwil ist da kein Sonderfall.

Was sagen Sie zum Vorwurf von Göschke, dass der EAP eine zweite Nord-Süd-Piste will?

Diese Behauptung ist frei erfunden. Der Platz für eine parallele Nord-Süd-Piste ist lediglich in der langfristigen französischen Raumplanung freigehalten, damit man sich diese Option nicht verbaut. Der Flughafen plant keine Parallelpiste. Ich persönlich denke auch nicht, dass sie sinnvoll wäre, weil beispielsweise gleichzeitige Starts nicht möglich wären.

Und die Verlängerung der Ost-West-Piste? Immerhin wird diese von ihren Allschwiler FDP-Parteikollegen gefordert.

Der entsprechende Vorstoss im Landrat war nicht mit mir abgesprochen und kam bei unseren französischen Kollegen gar nicht gut an. Der Député-Maire von St. Louis, Jean Ueberschlag, würde uns den Kopf abreissen, wenn wir ohne Absprache mit Frankreich den dortigen Hügel abtragen wollten, um Platz für die Piste zu schaffen. Das geht nicht. Nach den Ferien antworten wir auf den Vorstoss. Nur so viel: Er operiert mit falschen Kosten. Den Hügel abzutragen würde einen dreistelligen Millionenbetrag verschlingen.

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