Nähkästchen
Balz Stückelberger im Mittelpunkt: «Ich bekam viel Aufmerksamkeit»

Balz Stückelberger, FDP-Landrat und Geschäftsführer Arbeitgeber Banken, plaudert über Geltungsdrang, die Wahlen in Basel – und Isolation.

Rahel Koerfgen
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Strahlemann Balz Stückelberger hat den Begriff Mittelpunkt aus dem Nähkästchen gefischt..

Strahlemann Balz Stückelberger hat den Begriff Mittelpunkt aus dem Nähkästchen gefischt..

Kenneth Nars

Herr Stückelberger, was ist das Thema?

Balz Stückelberger: Mittelpunkt. Ohje (lacht)! Ich stehe schon gerne – und oft – im Mittelpunkt. Aber es geht mir nicht um mich als Person. Ich möchte etwas bewirken.

Als Politiker muss man im Mittelpunkt stehen wollen. Wie sieht es privat aus? Wenn Sie sich zum Beispiel mit Freunden treffen?

Dann auch. Ich erzähle gerne Geschichten, bin nicht der, der am Rand sitzt und zuhört. Stets überlege ich: Was kann ich zur Diskussion beitragen?

Woher kommt dieser Drang? Haben Sie zehn Geschwister und mussten sich stets durchsetzen?

Nein, zwei. Aber ich bin der Jüngste. Und als Kleinster bekam ich zuhause schon viel Aufmerksamkeit.

Sie sagen, Sie sind nicht der, der am Rand sitzt und zuhört...

...was nicht bedeutet, dass ich kein guter Zuhörer bin. Im Gegenteil.

Gibt es Situationen, in denen Sie nicht gerne im Mittelpunkt stehen?

Nein. Man muss auch hinstehen, wenn es unangenehm wird. Zum Beispiel in der Politik, wenn man Wahlen oder auch Abstimmungen verloren hat.

Vergangenes Jahr haben Sie den Einzug in den Nationalrat verpasst. Was für Ambitionen haben Sie noch?

Keine. Ich werde mich bei nationalen Wahlen wohl nicht mehr zur Verfügung stellen. Das ist okay. Erstens sagt mir Lokalpolitik sehr zu, im Landrat kann ich viel bewegen. Andererseits gehe ich beim Arbeitgeberverband Banken voll auf. Im Mittelpunkt steht für mich also der Beruf. Wenn ich national aktiv wäre, bliebe nicht viel Zeit dafür.

Apropos Wahlen: Die Basler FDP droht, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Morgen könnte Ihr einziger Regierungsrat, Baschi Dürr, abgewählt werden...

Es ist ein Wechselbad der Gefühle – einerseits stehen die Chancen einer bürgerlichen Mehrheit in der Regierung so gut wie schon lange nicht mehr. Andererseits ist die Basler FDP tatsächlich eingebrochen. Ich drücke Dürr beide Daumen.

Was ist in Ihren Augen das Problem der Basler FDP?

Dazu möchte ich mich nicht äussern. Die Situation in der Stadt ist speziell, weil es zwei liberale Parteien gibt. Mich würde noch wundernehmen, gäbe es die LDP auch auf dem Land, wer von der FDP wechseln würde.

Sie vielleicht?

Mein politisches Profil ist jenem der LDP schon sehr nahe... Ja, es wäre eine Überlegung wert.

Im März standen Sie ziemlich im Mittelpunkt. Sie hatten sich als einer der Ersten in der Region mit Corona infiziert – und gingen damit an die Öffentlichkeit. Warum haben Sie das getan?

Nun, ein Journalist hatte davon erfahren und ist auf mich zugekommen. Die Überlegung war: Gerade weil ich einer der Ersten bin, ist es wichtig, zu zeigen, wie man damit umgehen kann. Und ich hatte auch das Bedürfnis, darüber zu reden.

Und wenn Sie sich jetzt infizieren würden?

Dann würde ich nicht damit an die Öffentlichkeit gehen. Heute weiss man genug übers Virus.

Das im März ist also nicht aus purem Geltungsdrang passiert?

Nein.

Corona bestimmt gerade unser aller Leben. Wie nehmen Sie diese Zeiten wahr?

Mittlerweile stelle ich bei allen eine gewisse Müdigkeit fest. Und viele haben das Homeoffice langsam satt. Der Arbeitgeberverband Banken stellt national eine deutliche Zunahme von psychosozialen Belastungen fest. Die entsprechenden Beratungsstellen der Banken werden stark beansprucht. Viele Angestellte fühlen sich isoliert, der Austausch mit dem Team fehlt.

Und wie kommen die Bankenchefs mit dem Kontrollverlust klar, der das Homeoffice mit sich bringt?

Gut, denn Homeoffice ist in der Branche nichts Neues. Aber es gibt – wie überall – Unterschiede. Chefs, die auf Leistung und Eigenverantwortung der Mitarbeiter fokussieren, und solche, die auch den Hundespaziergang reglementieren wollen.

Wie absurd.

Fakt ist: Führung wird immer anspruchsvoller. Man muss über Ziele führen, und nicht über Anwesenheit. Corona beschleunigt den «New Work»-Gedanken.

Sie arbeiten in der Stadt, wohnen und politisieren auf dem Land. Die beiden Exekutiven reagieren ziemlich unterschiedlich auf die Krise. Wer macht’s besser?

Ich stelle mir gerade die Frage, was es bringt, wenn in der Stadt die Beizen geschlossen sind und auf dem Land nicht. Ich begrüsse die Zurückhaltung der Baselbieter, weil auf dem Land eine andere Situation vorherrscht – keine Ausgehmeile, weniger Leute. Ich denke aber, in diesen Zeiten muss man Vertrauen haben in die jeweilige Exekutive. Dass sie gute Gründe für ihre Entscheide hat.

Sorgt Corona dafür, dass der Graben zwischen Stadt und Land wieder tiefer wird?

Das glaube ich nicht. Es gibt auch tolle Beispiele, etwa, wie die Spitäler zusammenarbeiten. Diese Krise hat das regionale Bewusstsein vielmehr gestärkt.