Irre Verfolgungsjagd
Barracuda-Raser kommt nach Handgemenge mit Polizisten glimpflich davon

Die filmreife Verfolgungsjagd auf der H18, die 2009 schweizweit für Schlagzeilen sorgte, geht vor Gericht für den Autonarr glimpflich aus: Der 58-Jährige ist der versuchten vorsätzlichen Tötung freigesprochen worden.

Hans-Martin Jermann
Merken
Drucken
Teilen
Tatort Angenstein: Hier haben die Polizisten den Lenker des Plymouth Barracuda ausgebremst. Danach kam es beim Wagen zur Schiesserei. ZVG/ Polizei BL

Tatort Angenstein: Hier haben die Polizisten den Lenker des Plymouth Barracuda ausgebremst. Danach kam es beim Wagen zur Schiesserei. ZVG/ Polizei BL

ZVG/ Polizei Baselland

Szenen wie diese kennen wir aus amerikanischen Roadmovies, aus Auto-Action-Filmen wie «Bullitt» mit Steve Mc Queen – doch auf den Baselbieter Strassen sind sie zum Glück selten. Der heute 58-jährige Peter S.* hatte wohl nichts anderes als eine coole Sonntagsfahrt im selbst restaurierten Plymouth Barracuda Cabrio, Baujahr 1971, im Sinn. Irgendwann artete die Spritztour an dem schwülen Nachmittag im August 2009 zu einer filmreifen Verfolgungsjagd aus – und endete in einem Albtraum.

Bierbüchse aus Auto geworfen

Der Autonarr fiel einem zivilen Polizeifahrzeug auf, wie er mit bis zu 170 Stundenkilometern, nacktem Oberkörper und offenem Verdeck im Muscle Car über die H 18 Richtung Delémont bretterte. Zwischendurch soll er eine Bierbüchse aus dem Auto geworfen haben. Zwar konnten die beiden Polizisten den angetrunkenen Raser bei Angenstein ausbremsen, doch kam es anschliessend beim Cabrio zu einem Handgemenge. Aus einer Polizeiwaffe fielen unkontrolliert drei Schüsse, die zum Glück niemanden trafen. Wer hat abgedrückt?

Das Baselbieter Strafgericht verurteilte Peter S. im Februar 2014 wegen diverser Delikte – Gewalt und Drohung gegen Beamte, Fahren mit stark überhöhter Geschwindigkeit und in angetrunkenem Zustand – zu einer bedingten Freiheitsstrafe. Vom Hauptanklagepunkt, der versuchten vorsätzlichen Tötung, wurde der Basler angesichts vieler Unklarheiten und widersprüchlicher Aussagen freigesprochen. Dagegen hat ein Polizist Berufung eingelegt.

Gestern versuchte das Kantonsgericht unter dem Vorsitz von Enrico Rosa zu rekonstruieren, was während des eine Minute dauernden Gerangels mit den Polizisten vorgefallen war. Es blieb beim Versuch. Nicht bestritten wird, dass der noch immer angegurtete Raser die zwischen Fahrersitz und Türschwelle liegende Pistole zur Hand genommen hatte. Damit habe er, der zuvor von einem der beiden Gesetzeshüter gewürgt worden sei, «sich irgendwie bemerkbar machen wollen». Letztere versuchten ihrerseits, den Mann an der Schussabgabe zu hindern. Trotzdem gingen drei Schüsse los. Peter S. beteuerte gestern, den Abzug nicht betätigt zu haben.

Hatte er den Finger am Abzug?

Das sieht der 38-jährige Polizist, dem zuvor die Dienstwaffe aus dem Holster gefallen war, anders. «Ich sah deutlich, dass Peter S. die Finger am Abzug hatte». Er wollte den Angeklagten bloss am Handgelenk gepackt haben, womit er keine Kontrolle über die Richtung der abgefeuerten Schüsse gehabt hätte. Zwischen dem zweiten und dritten Schuss habe Peter S. den Polizisten zudem zugerufen: «Jetzt bringe ich euch beide um.» Der Angeklagte bestreitet dies. Der zweite Polizist hatte in einer ersten Einvernahme die Version seines Kollegen bestätigt, konnte sich später aber nicht mehr an eine solche Drohung erinnern.

Das Gericht konnte trotz detaillierter Befragungen und ballistischer Untersuchungen nicht klären, wer geschossen hat. «Zudem lässt sich nicht beweisen, dass der Angeklagte den Willen gehabt hatte, die Waffe auf die Polizisten zu richten und sie zu verletzen», sagte Rosa. Das Gericht bestätigte gemäss dem Grundsatz «in dubio pro reo» das Urteil der Vorinstanz: keine versuchte vorsätzliche Tötung. Aber: Rosa geisselte das Verhalten des Oldtimer-Liebhabers scharf: Eine Waffe in einer solch heiklen Situation schon nur zu behändigen, sei äusserst gefährlich gewesen. «Weshalb lösten Sie nach dem ersten Schuss nicht Ihre Finger vom Abzug?», fragte Rosa den Angeklagten. Dieser hatte zuvor in der Einvernahme erklärt, er sei verkrampft und in Panik gewesen. «Mir ist das wie ein Überfall vorgekommen.» Seiner Ansicht nach hatten sich die Gesetzeshüter unprofessionell verhalten, indem sie nach der Vollbremsung aggressiv auf ihn eingeschrien hätten, anstatt ihn ruhig zu bitten, das Auto zu verlassen.

Keine Gewalttaten in den Akten

«Ihr Verhalten war inakzeptabel», belehrte ihn der Gerichtspräsident. In einer solchen Situation bleibe kein Raum für eine Auseinandersetzung mit der Polizei, die das Gewaltmonopol innehabe. «Wenn ein Polizist ‹Halt› sagt, dann ist ‹Halt›», veranschaulichte Richter Rosa. Es gebe andere Wege, sich Gehör zu verschaffen, als eine Waffe zu behändigen. Zugute hielt Rosa dem Verkehrsrowdy, dass er zuvor nicht gewalttätig in Erscheinung getreten war. «Aber so etwas darf sich nie mehr wiederholen», mahnte Rosa.

Für den alternden Rocker ist die Wildwest-Irrfahrt glimpflich ausgegangen. Ganz zu Ende ist die gerichtliche Auseinandersetzung freilich noch nicht: Über den vierten Schuss ins Bein des Rasers, mit dem der Polizist das Handgemenge beendet hat, muss ein Gericht separat urteilen. Peter S. kann wegen des Schusses weder joggen noch lange Spaziergänge unternehmen. Der Carrosseriespengler hat seither keinen Job mehr gefunden. Er ist nach eigenen Angaben abstinent und in psychotherapeutischer Behandlung. «Ich bereue, was damals passiert ist, und möchte neu anfangen.» Am liebsten würde er wieder in einer Oldtimer-Garage arbeiten – und an den geliebten Barracudas, Mustangs und Firebirds basteln.

*Richtiger Name der Redaktion bekannt