Elterntaxis
Baselbieter Gemeinden sagen dem Chaos vor den Schulen den Kampf an

Laut einer neuen Studie des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS) wird in der Deutschschweiz jedes zehnte Kind mit dem Auto in die Schule gefahren. Dies führt zu einem gefährlichen Chaos auf dem Schulplatz. Oberwil initiierte nun zusammen mit den Gemeinden Reinach und Bottmingen die Aktion «Geben Sie Ihren Kindern mehr Raum», um das Verkehrsproblem zu minimieren.

Rebekka Balzarini
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Nicole Nars-Zimmer

Verkehrs-Chaos auf dem Schulhausplatz. Autos stehen hupend Schlange, Kinder quetschen sich zwischen ihnen hindurch und weichen rückwärtsfahrenden Fahrzeugen aus. Solche Szenen spielen sich vor Schweizer Schulen immer häufiger ab. Laut einer neuen Studie des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS) wird in der Deutschschweiz jedes zehnte Kind mit dem Auto in die Schule gefahren, in der Romandie gar jedes zweite. Diese Entwicklung gibt auch in Baselland zu reden. Einige Gemeinden haben sich bereits im Sommer zusammengeschlossen, um gegen den Verkehr vor ihren Schulhäusern zu kämpfen. Nun zeigt sich: Die Aktion hatte eine Wirkung – allerdings nur kurzfristig.

Dreissig Gemeinden machen mit

«Solange die Gemeindepolizei vor dem Schulhaus aufpasst, nimmt der Verkehr ab. Sobald sie weg ist, kommen die Autos wieder zurück.» So beschreibt Lorenzo Vasella, Sprecher der Gemeinde Oberwil, das Geschehen vor den Schulhäusern. Oberwil initiierte zusammen mit den Gemeinden Reinach und Bottmingen die Aktion «Geben Sie Ihren Kindern mehr Raum». Die Aktion wird von rund dreissig Baselbieter Gemeinden mitgetragen. Oberwil druckte Plakate und Flyer, die sie rund um die Schule verteilte und aufstellte. Grundsätzlich sei die Idee erfolgreich gewesen, erklärt Vasella. Viele Eltern hätten ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn die Gemeindepolizei sie auf die Probleme aufmerksam gemacht habe. Einen Monat dauerte die Aktion. Nach den Sommerferien wurde sie wiederholt, um die Eltern nochmals dafür zu sensibilisieren, dass viel Verkehr vor dem Schulhaus gefährlich ist für die Kinder.

Für Vasella ist klar: Verkehr vor dem Schulhaus ist ein ewiges Thema: «Es ist ein Teufelskreis. Wenn ein paar Eltern ihre Kinder wieder in die Schule fahren, dann bekommen andere Angst und fahren ihre Kinder ebenfalls zur Schule.» So schaukle sich der Verkehr immer wieder hoch. Die Aktion werde in Oberwil deshalb wiederholt. «Wir haben aber keinen fixen Zeitplan, sondern reagieren je nach Situation.» Auch in Reinach und Bottmingen war die Aktion erfolgreich. «Wir fürchten aber, dass der Verkehr jetzt im Herbst wieder zunimmt wegen des schlechten Wetters», sagt Reinachs Kommunikationsverantwortliche Barbara Hauser.

Dass der Verkehr vor den Schulen auch in anderen Gemeinden für Ärger sorgt, zeigt das grosse Interesse an der Aktion. «Wir erhalten auch Anfragen aus anderen Kantonen und sogar aus Deutschland, weil Gemeinden das Material der Kampagne gerne verwenden möchten», erklärt Vasella. Der VCS bleibt ebenfalls nicht untätig, um den von ihm beklagten Verkehr vor Schulen zu bekämpfen. Derzeit findet schweizweit die vom VCS organisierte Aktion «Walk to School» statt. Dabei können die Schüler einer Klasse zwei Wochen lang Punkte sammeln, wenn sie zu Fuss in die Schule gehen. In Füllinsdorf machen gleich alle zehn Schulklassen aus dem Schulhaus Dorf mit.

«Danke, gehe lieber zu Fuss»

Lea Schiess unterrichtet eine der beiden ersten Primarklassen und ist zufrieden. «Vorher gab es immer viel Verkehr vor dem Schulhaus, das ist jetzt schon viel besser.» Zu Beginn seien einige Eltern ein bisschen ängstlich gewesen, «aber das hat sich jetzt gelegt», sagt Schiess.

Die Kinder und Eltern haben sich organisiert und spazieren teilweise gemeinsam in die Schule. «Für die Kinder ist das toll. Jeden Tag erzählen sie, was sie auf dem Schulweg erlebt haben», erzählt Schiess. «Es war einmal sogar so, dass ein Elternteil mit dem Auto vor der Schule wartete und das Kind dann sagte: ‹Danke, aber ich geh lieber zu Fuss heim.›»