Erwerbstätigkeit
Baselbieter Gleichstellungsbericht: Frauen bleibt die Chefetage oft verwehrt

Im Kanton Basel-Landschaft sind Frauen weniger erwerbstätig als Männer. Der Frauenanteil am Total des Beschäftigungsvolumens beträgt 35 Prozent. Dies ist im kantonalen Vergleich das drittschlechteste Resultat, wie der erste Baselbieter Gleichstellungsbericht aufzeigt.

Michael Nittnaus
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Bei Kaderpositionen macht der Männeranteil im Baselbiet 70 Prozent aus. (Symbolbild)

Bei Kaderpositionen macht der Männeranteil im Baselbiet 70 Prozent aus. (Symbolbild)

/AP dapd/NIGEL TREBLIN

Ein Kommentar von Finanzdirektor Anton Lauber bringt das Problem auf den Punkt: «In der Kantonsverwaltung wollen wir Teilzeitarbeit fördern, aber in Kaderpositionen ist das schwierig.» Das ist denn auch die Haupterkenntnis aus dem ersten Baselbieter Gleichstellungsbericht, der gestern in Liestal präsentiert wurde: Die Gleichstellung von Mann und Frau ist noch längst nicht in allen Lebensbereichen Realität. Die bz beantwortet die wichtigsten Fragen zum 152 Seiten starken Bericht, den die Baselbieter Gleichstellungsfachstelle zusammen mit dem Statistischen Amt in über einem Jahr erarbeitet hat.

1. Sollte die Gleichstellung von Mann und Frau im Jahr 2016 nicht selbstverständlich sein?

Das sehen alle Beteiligten auch so. Und doch stellt der Bericht «klare Defizite» fest. Sabine Kubli, Leiterin der Fachstelle Gleichstellung für Frauen und Männer, sagt: «Unser Auftrag ist nach wie vor brandaktuell.» Und Lauber betont, dass man in den Köpfen der Menschen nicht einfach einen Schalter umlegen könne. Der Bericht könne aber helfen, denn: «Jetzt ist es kein Bauchgefühl mehr, sondern statistisch erhärtet.»

2. Wo liegen in Baselland denn die grössten Defizite?

Am stärksten fällt auf, dass zwar immer mehr Baselbieterinnen arbeiten gehen und sich die Erwerbsquote von 45 Prozent 1970 auf 74 Prozent in den dem Bericht zugrundeliegenden Jahren 2011 bis 2013 erhöht hat (siehe Grafik unten). Doch nimmt man den Anteil der Frauen am gesamten Beschäftigungsvolumen (auf 100-Prozent-Stellen umgerechnet), so betrug dieser 2013 lediglich 35 Prozent. Im kantonalen Vergleich liegt Baselland damit auf dem 24. und drittletzten Platz. Begründet wird dies damit, dass 56 Prozent der erwerbstätigen Baselbieterinnen nur Teilzeit arbeiten. Bei den Männern sind es rund 12 Prozent. Zudem leisteten Frauen oft unbezahlte Haus- und Familienarbeit.

bz

3. Weshalb arbeiten Frauen in Baselland mehr Teilzeit als anderswo?

Im Baselbiet ist das traditionelle Familienmodell, bei dem der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau gar nicht erwerbstätig ist, noch immer verbreitet. Sind die Kinder unter sieben Jahre alt, folgten 2013 gut 26 Prozent der Haushalte diesem Modell. Der Schweizer Schnitt liegt bei 28 Prozent. Der Trend ist aber klar abnehmend: 1992 arbeitete die Frau in 60 Prozent der Haushalte nicht. Kubli bemängelt, dass in Baselland erst vergangenes Jahr das Gesetz über die familienergänzende Kinderbetreuung (FEB) verabschiedet wurde. In Kraft treten soll es voraussichtlich 2017. Im Vergleich zu anderen Kantonen sei Baselland deshalb bei der Schaffung von Krippenplätzen noch nicht so weit.

4. Wie wirkt sich dies auf die Jobposition von Frauen aus?

Seit mittlerweile zehn Jahren besetzen Männer im Baselbiet rund 70 Prozent der Kaderpositionen. Dieses Verhältnis scheint festgefahren. Daten der ganzen Nordwestschweiz zeigen, dass 64 Prozent der erwerbstätigen Frauen keine Vorgesetztenfunktion innehaben (Männer 49%), 16 Prozent haben eine (Männer 25%) und nur 4 Prozent sind in einer Unternehmensleitung (Männer 8%). Besonders brisant ist, dass die ewige Forderung nach Lohngleichheit noch immer nicht erreicht ist. 2014 betrug der Medianwert des monatlichen Bruttolohns bei Frauen 6014 Franken und derjenige der Männer 6934 Franken. Dies ergibt eine Differenz von 13 Prozent. Der Blick auf die verschiedenen Kaderstufen zeigt zudem , dass die Lohnunterschiede zunehmen, je höher die Position ist. Beim mittleren, oberen und obersten Kader beträgt die Differenz 22 Prozent (siehe Grafik).

5. Wirken sich diese Unterschiede auch auf die Rente aus?

Das Positive vorweg: Die AHV-Rente ist gemäss einer Schweizer Statistik von 2012 beinahe gleich hoch. Ganz anders bei der zweiten Säule, der beruflichen Vorsorge: Hier erhalten Männer eine fast doppelt so hohe Altersrente wie Frauen. Der jährliche Medianwert liegt bei 30 900 gegenüber 16 700 Franken. Dies hängt direkt mit den oben beschriebenen Unterschieden bei den Erwerbseinkommen zusammen. Zudem – und das kritisiert Kubli explizit – passt nicht jede Pensionskasse den Koordinationsabzug vom Lohn relativ an die Höhe der Arbeitspensen an. Dadurch haben Teilzeitlöhne einen anteilsmässig höheren Abzug, was sich negativ auf die 2. Säule auswirkt. Alles zusammengenommen sind deshalb Frauen im Alter auch stärker von Armut betroffen. Während bei den Männern nur 9 Prozent der AHV-Rentner Ergänzungsleistungen beziehen, sind es bei den Frauen 14,9 Prozent (Stand 2012). «Das ist alarmierend», hält Kubli fest.

6. Zeichnet sich die Ungleichbehandlung schon in der Ausbildung ab?

Laut Jana Wachtl, die bei der Fachstelle das Projekt leitete, sei in der Primar- und der Sekundarschule nicht das Geschlecht für die Leistungen prägend, sondern die sozioökonomische Herkunft. Klare geschlechterspezifische Unterschiede gibt es aber bei der Berufs- und Fächerwahl, wo junge Männer weiterhin eher zu technischen und junge Frauen eher zu pädagogischen und pflegerischen Berufen tendieren. Erfreulich sei, dass sich der Bildungsstand annähere. Weisen noch 41 Prozent der Baselbieterinnen über 65 die obligatorische Schulzeit als höchsten Ausbildungsabschluss auf (Männer 17%), hat sich der Bildungsstand von Menschen zwischen 25 und 44 deutlich angenähert. Grosse Ungleichheit herrscht noch bei der akademischen Laufbahn: An der Universität Basel hielten Männer 2015 ganze 78 Prozent der Professuren.

7. Was für Gegenmassnahmen ergreift Baselland nun konkret?

Vorerst noch keine. Erst kommt der Bericht Ende September in den Landrat, danach soll es Fachtischrunden geben, an denen die einzelnen Dienststellen der Baselbieter Verwaltung konkrete Massnahmen erarbeiten. Diese sollen in den kantonalen Aufgaben- und Finanzplan für die Jahre 2017 bis 2019 einfliessen. Kubli spricht von einem ganzen «Massnahmen-Paket», das nötig sein werde. Ob Baselland damit das schon lange gesetzte Regierungsziel, beim Schweizer Gleichstellungsindex unter die besten acht zu kommen, erreichen kann, muss offen bleiben: Der Index wird unterdessen nicht mehr erhoben.