Flüchtlinge in Seenot
Baselbieter Retter auf dem Meer im Visier von Piraten

Der Baselbieter Raphael Brodbeck war zwei Wochen lang Besatzungsmitglied eines privaten Flüchtlingsrettungsschiffs vor der libyschen Küste. Dabei geriet seine «Sea-Eye» ins Fadenkreuz von Seepiraten.

Bojan Stula
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Raphael Brodbeck
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Raphael Brodbeck nimmt zuvorderst im Beiboot Kurs auf die befreundete«Astral».
Diese Sicht bot sich dem Baselbieter nach dem Überfall auf das Schiff von «Ärzte ohne Grenzen»: Die «Bourbon Argos» (2.v.l.) wird von Kriegsschiffen in Geleit genommen.
Der Therwiler Raphael Brodbeck vor seinem Abenteuer Anfang August.

Raphael Brodbeck

zvg

Weitgehend unbeachtet von der medialen Aufmerksamkeit ist es am 17. August zu einem schweren Zwischenfall im südlichen Mittelmeer gekommen. Unbekannte beschossen vor der libyschen Küste von einem Schnellboot aus das Flüchtlingsrettungsschiff «Bourbon Argos» von «Ärzte ohne Grenzen» und enterten dieses. Obschon niemand zu Schaden kam – Flüchtlinge waren keine an Bord, und die Schiffsbesatzung verschanzte sich während des 50-minütigen Überfalls in einem Sicherheitsraum, bis die Seepiraten wieder abzogen –, war dies der erste dokumentierte Überfall auf ein Rettungsschiff einer NGO im Mittelmeer.

In Sichtweite der «Bourbon Argos» befand sich an diesem Tag das private Rettungsschiff «Sea-Eye» mit dem Besatzungsmitglied Raphael Brodbeck an Bord. Der 23-jährige Sozialpädagogik-Student aus Therwil, der sich freiwillig für zwei Wochen der gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation angeschlossen hat (bz berichtete), schildert die dramatischen Ereignisse.

Raphael Brodbeck, was ist genau an diesem 17. August passiert?

Raphael Brodbeck: Es war ein Mittwoch mit viel Schiffsaktivität in unserem Seegebiet. Wir patrouillierten rund 24 Meilen vor der libyschen Küste. Beim Beschuss und Überfall auf das Schiff von «Ärzte ohne Grenzen» befanden wir uns in Sichtweite.

Was geschah dann?

Nachdem die Angreifer von Bord der «Bourbon Argos» gegangen waren, nahm ihr Piratenboot Kurs auf uns und verfolgte die «Sea-Eye». Sie kamen bis auf 0,7 nautische Meilen (ca. 1,3 Kilometer; die Red.) an uns heran. Dann wurden sie von einem Helikopter der Marine abgedrängt. Es hat mich beeindruckt, wie gut die Zusammenarbeit mit dem Militär und den Kriegsschiffen der Operation Sophia geklappt hat. Innert 20 Minuten nach unserem Notruf war der Hubschrauber da. Ein deutsches Schiff, die «Werra», hat uns dann aus dem Seegebiet begleitet.

Wie erklären Sie sich den Angriff?

Das ist schwierig zu sagen, gesicherte Erkenntnisse habe ich keine. Offenbar waren die Täter auf die Crew aus und wollten Geiseln nehmen. Auf der «Bourbon Argos» haben drei Bewaffnete systematisch die Räume durchsucht, aber alle Wertsachen ignoriert. Zur Besatzung konnten sie dann nicht durchdringen, da die soliden Stahltüren des Sicherheitsraums den Angreifern standhielten.

Welche Folgen hat dieser Angriff für die Arbeit von Hilfsorganisationen wie Sea-Eye?

Es hat im Anschluss darauf eine Krisensitzung aller Organisationen auf Malta gegeben. Man war sich einig, dass die Angreifer einen sehr professionellen Eindruck gemacht haben, und dass sich solche Angriffe wiederholen könnten. Jede Organisation zieht ihre eigenen Lehren. Für uns war klar, dass wir nicht näher an die libysche Küste herangehen wollen, als es die Sicherheitszone vorsieht. Andere Organisation verstärken ihre Sicherheitsräume auf den Schiffen. Aber alle wollen weitermachen.

So wie Sie die Situation schildern, trampeln sich im übertragenen Sinne die vielen NGO-Rettungsschiffe vor der libyschen Küste gegenseitig auf den Füssen herum.

Vor der libyschen und tunesischen Küste sind zehn NGO mit ihren Schiffen im Einsatz. Eindeutig besteht ein Wettbewerb zwischen den NGO um die meisten Flüchtlingsrettungen. Es geht hier auch um Spendengelder. Kapitäne mit Profilneurose oder Pressevertretern an Bord dringen bis zwölf Meilen vor die libysche Küste vor; bloss deshalb, um als Erste ein Flüchtlingsboot zu bergen. Das betrifft allerdings nicht die «Bourbon Argos». Diese bewegte sich stets entlang der 24-Meilen-Zone.

Und die «Sea-Eye»?

Wir haben uns entschlossen, dieses Spiel ebenfalls nicht mitzumachen und nicht näher an die Küste ranzugehen. Wenn dies alle Rettungsschiffe täten, würden die Schlepper die Flüchtlinge künftig mit noch schlechterer Ausrüstung und noch schlechteren Booten aufs Meer rausschicken. Aber vielleicht setzt jetzt nach dem Überfall auf die «Bourbon Argos» auch bei anderen NGO ein Umdenken ein.

Trotzdem werden Ihre Schilderungen all jene bestätigen, die solchen Rettungsaktionen sehr skeptisch gegenüberstehen.

Dies war bei unseren Gesprächen an Bord ein Dauerthema: Letztlich spielen wir das Spiel der Schlepper mit. Die Schlepper können den Flüchtlingen inzwischen sogar zusichern, dass sie nahe der Küste aufgefischt werden. Aber was ist die Alternative? Bevor die NGO kamen, ertranken viel mehr Menschen, und jetzt sterben immer noch durchschnittlich mindestens 15 Menschen am Tag. Die Schlepper würden die Flüchtlinge auch ohne NGO weiter hinausschicken. Dabei werden die Zustände in Libyen immer schlimmer, und die Überfahrt immer gefährlicher.

Am Tag nach dem Überfall hatten Sie selbst Ihren ersten direkten Kontakt mit Flüchtlingen.

Ja, überraschenderweise wurde ich als Kommunikator auf unserem Beiboot eingesetzt, als wir zu einem Holzboot mit 60 Flüchtlingen fuhren. Nachdem ich sie angerufen hatte, versorgten wir die Insassen mit Rettungswesten und brachten sie dann zur «Astral» hinüber, einem befreundeten Rettungsschiff der spanischen Organisation Proactiva Open Arms. Am gleichen Tag sichteten wir ein Schlauchboot, das schnell auf uns zufuhr. Zuerst dachten wir an einen ähnlichen Überfallversuch wie am Vortag. Es stellte sich dann aber heraus, dass es Fischer waren, die auf ein weiteres, gekentertes Flüchtlingsschiff aufmerksam machen wollten, dessen Insassen dann von anderen NGO geborgen wurden.

Konnten Sie mit den Flüchtlingen sprechen?

Nicht sehr viel. Die waren alle völlig erschöpft. Die meisten waren Syrer, aber auch viele aus Bangladesch, die vielleicht als Sklaven auf Baustellen in den arabischen Ländern gearbeitet hatten. Eritreer gab es keinen einzigen an Bord. Mir wurde in diesem Moment bewusst, dass so eine Reise niemand freiwillig unternimmt. Viele an Bord waren verletzt. Das waren bestimmt keine Wirtschaftsflüchtlinge.

Sie waren auf eigene Kosten zwei Wochen im Einsatz. Manche Umstände Ihrer Mission hinterfragen Sie. Haben Sie jetzt genug von Rettungseinsätzen im Mittelmeer?

Nein, wenn man mit eigenen Augen gesehen hat, was dort abgeht, muss man helfen. Wir waren eine derart eng verbundene Crew, dass wir spontan beschlossen haben, kommendes Jahr noch einen Einsatz zu fahren.

Trotz den Gefahren, die Sie erlebt haben?

Natürlich nur, wenn es die Sicherheitslage in einem Jahr zulässt. Aber das Militär war ja schnell vor Ort, als es darauf ankam.