Baselbieter Strafgericht
Im Gefängnis bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt: Jetzt droht einem 30-Jährigen der Landesverweis

Der Mann ist wegen Mordversuchs angeklagt, weil er seinen Gefangenenbetreuer stranguliert hat.

Patrick Rudin
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Der Mann, der nach dem Aufschliessen der Zelle frei zwischen Spazierhof und Dusche pendeln durfte, wurde in der Haft gewalttätig.

Der Mann, der nach dem Aufschliessen der Zelle frei zwischen Spazierhof und Dusche pendeln durfte, wurde in der Haft gewalttätig.

Alessandro Della Valle

Der Angriff geschah im März 2020: Wegen der Pandemie hatte der heute 30-Jährige im Gefängnis Liestal einen Zellentrakt für sich alleine, und nach dem Aufschliessen der Zelle konnte er frei zwischen Spazierhof und Dusche pendeln. Dabei gelang es ihm, einen Schuhbändel in die Tasche seiner Jogginghose zu schmuggeln. Weil er sich von einem Betreuer gemobbt fühlte, griff er ihn an und strangulierte ihn.

Die Aufnahmen der Überwachungskamera wurden am Dienstag im Strafjustizzentrum in Muttenz abgespielt. Die Kamera war allerdings am anderen Ende des Zellentraktes angebracht, die Bildqualität ist bescheiden. Zu sehen war, wie der 30-Jährige den Betreuer von hinten anspringt. Schliesslich geht der Betreuer zu Boden, der Angeklagte drückt ihn mit seinem Gewicht runter. Es dauert zweieinhalb Minuten, bis ein weiterer Mitarbeiter zu Hilfe kommt, mit viel Mühe können sie den Angeklagten schliesslich in eine Zelle verfrachten.

Der Mann griff Passanten in Laufen an

Der Betreuer erlitt an dem Tag diverse Verletzungen am ganzen Körper, vor allem aber Stauungsblutungen im Kopfbereich sowie eine Strangmarke am Hals. Staatsanwältin Evelyn Kern sprach von einem versuchten Mord, der am Boden liegende Mann sei bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt worden. Verteidiger Johannes Mosimann hingegen betonte, man sehe immer wieder Armbewegungen des Betreuers, er könne zumindest nicht über längere Zeit bewusstlos gewesen sein.

Der 30-Jährige landete damals im Gefängnis, weil er beim Bahnhof Laufen Passanten angegriffen hatte. Zuvor fiel er durch Sachbeschädigungen bei einer Bank in Laufen auf. Im Frühling 2019 soll er in über 60 Fällen Hausfenster und Autoscheiben beschädigt haben. Forensiker Andreas Frei bezeichnete den Brasilianer, der in der Region aufgewachsen ist, als zur Tatzeit schuldunfähig wegen einer paranoiden Schizophrenie. Er hatte die Gefängnismitarbeiter damals vorgewarnt, der Mann sei akut psychotisch. Er hätte deshalb an jenem Tag in eine forensische Klinik verlegt werden sollen, wenige Stunden vorher kam es dann zum Angriff.

Das Gericht entscheidet diese Woche wegen der Schuldunfähigkeit nicht über ein Strafmass, sondern über die Verhängung einer Massnahme. Der Verteidiger liess bereits durchblicken, dass er eine ambulante Massnahme für möglich hält, die Medikamenteneinnahme würde durch eine Depotspritze sichergestellt. Die Staatsanwaltschaft hingegen beharrt auf einer stationären Massnahme. Die fünf Richter fällen ihr Urteil am Freitag. Der Mann muss mit einem Landesverweis rechnen.
Patrick Rudin