Bizarrer Fall
Baselbieter Strafgericht spricht zu dienstwilligen Spitalpfleger frei

Ein Pfleger im Kantonsspital Liestal befriedigte einen 80-jährigen dementen Patienten sexuell. Das sei zwar unprofessionell, aber nicht strafbar, befand das Baselbieter Strafgericht in Muttenz.

Patrick Rudin
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Das Strafgericht in Muttenz sprach den Spitalpfleger frei.

Das Strafgericht in Muttenz sprach den Spitalpfleger frei.

Kenneth Nars

Es geschah während der Spätschicht um 21 Uhr: Im Januar 2014 beobachtete eine Pflegefachfrau im Kantonsspital Liestal, wie ein Arbeitskollege seine Hand am Penis eines 80-jährigen Patienten hatte und eindeutige Bewegungen machte. Danach stellte sie ihn zur Rede, er gab die Sache zu und verlor anschliessend seinen Job. Heute arbeitet er in einem Altersheim, sein Arbeitgeber weiss nichts von der Geschichte.

Strafrechtlich wurde die Angelegenheit vergangenen Dienstag im Strafgericht in Muttenz aufgearbeitet. Der heute 24-jährige Fachangestellte für Gesundheit sagte vor Gericht, der 80-Jährige habe den Wunsch nach sexueller Befriedigung selbst geäussert. «Er sagte jeweils auch klar, wenn er etwas trinken wollte. Der Patient hat Wünsche und Sehnsüchte geäussert. Und ich bin dem nachgekommen.» Nach ungefähr zwei bis drei Minuten habe er die Sache aber abgebrochen, weil ihm erst dann bewusst geworden war, was er eigentlich angestellt hatte. Allerdings wusste er auch, dass der 80-Jährige oft verwirrt war.

Der 80-jährige Patient befand sich wegen einer fortgeschrittenen Demenzerkrankung in der Psychiatrischen Klinik, wurde aber nach einer Lungenentzündung für ein paar Tage ins Kantonsspital verlegt. Wenige Tage nach dem Vorfall kehrte er zurück in die Psychiatrie. Befragt werden konnte er allerdings nicht mehr zu dem Vorfall, weil er wenige Wochen später verstorben ist. Ein Gutachten der zuständigen Oberärztin spricht davon, dass der 80-Jährige während der gesamten Dauer urteilsunfähig gewesen war.

Tadel vom Gerichtspräsidenten

Der Sohn des Verstorbenen verfolgte den Prozess mit, von den Vorwürfen erfuhr er aber erst nach der Beerdigung, als die Baselbieter Staatsanwaltschaft die Familie kontaktierte. «Für mich ist unerträglich, dass dieser Mensch jetzt in einem Altersheim arbeitet», bemerkte er am Rande des Prozesses.

Staatsanwältin Stephanie Münger beantragte eine Bewährungsstrafe von 14 Monaten wegen Schändung, dazu sei ein Berufsverbot für zwölf Monate zu verhängen. «Übt er die Tätigkeit weiterhin aus, ist zu befürchten, dass es zu weiteren Übergriffen kommt», so Münger. Verteidiger Philippe Häner hingegen betonte, für eine Verurteilung wegen Schändung sei nicht nur eine sexuelle Handlung mit einer urteilsunfähigen Person, sondern explizit ein «Missbrauch» nachzuweisen. «Wie soll er ihn auf eigenes Verlangen hin missbrauchen können?», fragte der Anwalt.

Das sah auch das Dreiergericht so und sprach den 24-Jährigen frei. «Sie haben falsch und unprofessionell gehandelt», tadelte Gerichtspräsident Adrian Jent. Doch beim Tatbestand der Schändung gehe es um konkreten Missbrauch, und dieser sei hier nicht eindeutig nachgewiesen. Jent betonte, die Abgrenzungen wären durchaus heikel. «Es würde sich dann auch die Frage stellen, ob jegliche sexuellen Kontakte von urteilsunfähigen Personen zu professionellen Berührerinnen strafrechtlich zu verfolgen wären.»

Da der 24-Jährige das ganze Verfahren durch die Verletzung seiner Berufspflichten ins Rollen gebracht hatte, muss er trotz des Freispruches die Verfahrenskosten von über 10'000 Franken übernehmen, dazu kommt das Honorar für den eigenen Verteidiger. Die Staatsanwältin kann den Freispruch noch weiterziehen.