Dialekt
Baselbieter SVP schaut Kindern genau auf den Mund

Die Baselbieter SVP wacht, dass Kindergärtler nur «in Sequenzen» in Standardsprache unterrichtet werden. Sollten die Kinder zur Hälfte in der Standardsprache unterrichtet werden, würde das die Partei nicht akzeptieren.

Jürg Gohl
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Hochdeutsch-Sequenz im Kindergarten. Hamilton/bz-Archiv

Hochdeutsch-Sequenz im Kindergarten. Hamilton/bz-Archiv

Die deutlichen Erfolge an den Urnen in den beiden grössten Deutschschweizer Städten bringen die SVP vollends auf den Geschmack. Sie will der identitätsstiftenden Mundart, welche die Partei von der Standard-Sprache bedroht sieht, in den Kindergärten endgültig wieder zur alten Achtung verhelfen. Sie, die Mundart, soll auf der untersten Schulstufe die Nummer eins bleiben.

Liestal setzt stärker auf Standard

Halbe-halbe An den Kindergärten in Liestal wird bereits seit dem Schuljahr 2007/2008 gleich viel in Hochdeutsch unterrichtet wie in Mundart. Dies ist die direkte Folge eines vierjährigen Versuchs der Fachhochschule Nordwestschweiz in Liestal. Dabei wurde im einen Kindergarten in Mundart mit einzelnen Sequenzen in Hochdeutsch unterrichtet, was der offiziellen Handhabe in den Baselbieter Kindergärten entspricht. In einem zweiten Kindergarten wurde hälftig zwischen Dialekt und Standardsprache abgewechselt und im dritten nur Hochdeutsch gesprochen.

Alle drei Schulen wiesen einen hohen Anteil an Kindern mit ausländischen Wurzeln auf. Die pädagogische Hochschule begleitete den Versuch. Dabei schloss das Modell mit der Standardsprache im gesamten Unterricht klar am besten ab. Vor allem Kinder einer anderen Muttersprache schnitten weit besser ab als die Vergleichsgruppe in den anderen Schulen. Sie erarbeiteten sich einen Vorsprung, der auch noch in der zweiten Primarklasse klar nachzuweisen war. Auch einheimische Kinder profitierten, wenn auch in geringerem Masse, von Hochdeutsch im Kindergarten.

Nach den klaren Ergebnissen der Studie wurde in Liestal beschlossen, dass an allen Kindergärten «mindestens fünfzig Prozent» in Standardsprache unterrichtet wird, wie Schulleiterin Dorothée Brian erzählt. An negative Reaktionen von Eltern kann sie sich nicht erinnern. «Und um den Fortbestand der Mundart muss man sich keine Sorgen machen.» (jg)

Während deshalb, angetrieben von der Mutterpartei, in weiteren Kantonen eifrig Unterschriften gesammelt werden, kann sich die Baselbieter SVP bequem zurücklehnen. «Wir haben in dieser Sache unsere Hausaufgaben längst gemacht», sagt Thomas Courten, der Fraktionschef der Baselbieter SVP, «wir können für uns sogar in Anspruch nehmen, die Vorreiter im Kampf für die Mundart gewesen zu sein.»

Tatsächlich begehrte die SVP bereits vor zwei Jahren aufgrund eines bz-Artikels zur Standardsprache in den Kindergärten auf. Denn darin behauptete eine Kindergarten-Lehrerin, dass sie im Unterricht neu ausschliesslich Hochdeutsch spreche. Die Baselbieter Partei drohte darauf bereits damals, eine Initiative zum Schutz der Mundart zu lancieren.

Mundart, aber auch Hochdeutsch

So musste Regierungsrat Urs Wüthrich als Bildungsdirektor den Lehrpersonen in Erinnerung rufen, wie mit Standardsprache und Mundart umgegangen werden muss, nämlich ein Nebeneinander: «Im Kindergarten werden sowohl die mundartliche Sprachkompetenz wie auch die Bereitschaft, die deutsche Standardsprache zu erlernen, gefördert.» So steht es im Protokoll des Baselbieter Bildungsrats von 2009. Und weiter: «Es findet täglich eine längere Unterrichtssequenz in der deutschen Standardsprache statt.»

Karl Willimann, SVP-Landrat und Bildungspolitiker, findet, dass die Mundart im Kindergarten dominierend sein müsse. Das habe, seiner Meinung nach, Urs Wüthrich aufgrund der Willimann-Motion und -Drohung den Lehrpersonen auch so zu verstehen gegeben. Dass in Liestal bereits seit 2008 für Kindergärten die 50:50-Regel gilt (siehe Kasten), überrascht Willimann. «Das würden wir nicht akzeptieren», warnt er, «wir haben ein Auge drauf.»

Kinder reden eh meistens Dialekt

Bei der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion wird mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass nach dem Abstimmungs-Wochenende die Diskussionen, wie im Kindergarten gesprochen werden soll, wieder aufkeimen könnten. «Wir bleiben auf der bewährten Spur», sagt Generalsekretär Roland Plattner. Er könne sich der Auffassung anschliessen, dass es in der Schweizer Bildungslandschaft weit Wesentlicheres zu erledigen gebe, als das ganze Land mit einer Initiativ-Flut zum Mundart-Gebrauch zu überschwemmen. «Die Harmonisierung des Bildungswesens ist für uns jetzt die grosse und vordringliche Herausforderung. Diese wollen wir möglichst ohne Nebengeplänkel bewältigen.»

Gabriele Weber, die sich beim Amt für Volksschulen um die Anliegen der Kindergarten-Stufe kümmert, schätzt aufgrund von Rückmeldungen, dass in der Praxis die Sprach-Glaubensfrage weder bei Lehrpersonen noch bei Eltern ein dominantes Thema ist. Sie weist darauf hin, dass die Kinder ohnehin die meiste Zeit ausserhalb des Kindergartens kommunizieren, also eine Gefährdung der Mundart durch zu viel Standard-Sprache unbegründet sei. Zudem würden Kinder beim Spielen ausserhalb der Schule – wie immer wieder zu beobachten ist – oft, gerne und freiwillig ins Hochdeutsche wechseln. «Unsere Lehrerinnen und Lehrer», sagt Gabriele Weber, «sind sehr geschickt im Umgang mit den beiden Sprachen.»