Kondom zu teuer
Baselbieter Teenies wollen sich gratis vergnügen

Das Jugendforum, das diese Woche im Landratssaal in Liestal tagte, fordert eine kantonale Abgabe von Kondomen und Pillen. Obwohl Politik und Schulen eher gegen den Vorschlag sind, unterstützt die Jugendberatung die Idee.

Leif Simonsen
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Für die klamme Jugend eine finanzielle Belastung: Verhütungsmittel wie Kondome.bz/archiv

Für die klamme Jugend eine finanzielle Belastung: Verhütungsmittel wie Kondome.bz/archiv

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Politikverdrossene Jugend? Mitnichten. Die Jungen wissen sehr wohl, wie sie die Welt verbessern könnten, wenn sie das Sagen hätten. Rund 70 Jugendliche fanden sich diese Woche im Landratssaal in Liestal ein, um über den Gripen, über den Mindestlohn – und über Sex zu debattieren. Wenig überraschend: Die Jugendlichen versenken den Gripen. Er ist ihnen zu teuer.

Wesentlich überraschender: Auch der Sex ist den Jungen zu teuer. Deswegen überwiesen die Jungpolitiker der Regierung am Dienstag eine Petition mit folgendem Wortlaut: «Wir fordern den Regierungsrat auf, sich für gratis oder allfällig vergünstigte Verhütungsmittel einzusetzen, welche anonym bezogen werden können.» Die Gesellschaft trage keinen Nutzen von ungewollten Schwangerschaften, argumentiert das Jugendforum.

Gespräch mit Eltern ist schwierig

Fabian Gürtler vom Jugendrat Baselland war an der Organisation des Jugendforums mitbeteiligt. Er räumt zwar ein, dass die ungewollten Schwangerschaften bei den Jugendlichen kein grosses Problem darstellten. Das belegt auch ein Blick auf die Statistik: 2012 kam es im Kanton Baselland zu 29 Abtreibungen von Teenagern, was in etwa dem langjährigen, tiefen Mittel entspricht. Die Schweiz steht im internationalen Kontext ebenfalls gut da: Auf tausend Teenies kamen vorletztes Jahr 4,4 Schwangerschaftsabbrüche. Negative Spitzenreiter sind gemäss einer Statistik der Schweizerischen Vereinigung für Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs Rumänien (18,5 pro 1000) und die USA (17,5).

Das Motiv der Jugendlichen dürfte bei dieser Sache eher finanzieller Natur sein. Gürtler glaubt, dass der erleichterte Zugang zu Kondomen und Anti-Baby-Pillen den Einstieg ins Erwachsenenleben erleichtern würde. «In diesem Alter ist man noch von den Eltern abhängig. Jeder Mensch sollte aber freien Zugang zu Verhütungsmitteln haben», findet er. Für den Jugendrat geht es indes nicht nur um den absoluten Betrag, sondern um eine Form von Gleichberechtigung. «Die Pille muss meist die Frau bezahlen», sagt Fabian Gürtler. Und gerade in diesem Alter bestünde eine Hemmschwelle, beim Elternhaus Geld für die Verhütung anzufordern. «Vielen jungen Frauen ist es schlichtweg peinlich», sagt der Jungpolitiker. Ihm schwebt daher vor, dass der Kanton eine Stelle einrichtet, wo man die Verhütungsmittel abholen kann.

Kaum Unterstützung von Politik und Behörden

Unterstützung kriegt das Jugendforum von Experten. Hans-Martin Steiner von der Familien- und Jugendberatung Birseck weiss, dass ein offener Umgang mit dem Thema vielen Heranwachsenden Mühe bereitet: «Der Zugang zu Verhütungsmitteln sollte nicht von solchen Gesprächen mit den Eltern abhängig sein», sagt er. «Daher würde es Sinn machen, Verhütungsmittel an Jugendliche beiden Geschlechts anonym und verbilligt abzugeben.» Es müsse ja nicht gratis und an jeder Ecke sein – Jugendliche zeigten in der Regel auf diesem Gebiet durchaus Selbstverantwortung.

Wenig Gehör finden die Jugendlichen mit ihrer Forderung nach kostenloser Liebe beim zuständigen Regierungsrat. «Mit Blick auf die Eigenverantwortung des einzelnen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen scheint uns das Ansinnen nicht wirklich unterstützungswürdig», sagt Gesundheitsdirektor Thomas Weber (SVP). Beat Lüthy, der Vorsitzende der Baselbieter Schulleiter, sieht auch die Bildungsinstitutionen nicht in der Pflicht. «Ich finde nicht, dass es Aufgabe der Schule ist, gratis Verhütungsmittel zur Verfügung zu stellen. Unsere Aufgabe muss die Aufklärungsarbeit sein.» Noch pointierter äussert sich Michael à Wengen, Schulleiter der Sek Reinach. «Wenn ein Mädchen in der Sek schwanger wird, dann liegt es selten am Geld. Oft haben sie ja genug, um sich regelmässig ein Päckchen Zigaretten zu kaufen.»

Regierungspräsident hat Gehör

Immerhin gibt für die jungen Erwachsenen auch positive Signale aus der Politik – und das von höchster Stelle. Der Baselbieter Regierungspräsident Urs Wüthrich, der die Petition am Dienstag entgegennahm, verspricht, das Anliegen ernst zu nehmen. «Allfällige Lösungen müssen aber unter Einbezug der Frauenärztinnen und Krankenkassen diskutiert werden», sagt er. Dazu komme, dass noch juristische Fragen im Raum stünden, etwa die Vertraulichkeit gegenüber Eltern von Minderjährigen. Und schliesslich sei auch zu überprüfen, ob bei «einer allfälligen Unentgeltlichkeit oder Verbilligung» die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu berücksichtigen sei – ob also der Jugendliche tatsächlich nicht in der Lage ist, die Verhütungsmittel selber zu bezahlen.

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