Ernährungssicherheit
Baselland verbaut zu viel Ackerland – «Wir haben völlig versagt»

Der Baselbieter Chefbeamte für Landwirtschaft Lukas Kilcher kommentiert den Landmangel. In der Vergangenheit habe man im Baselbiet mehr Ackerboden als im schweizerischen Durchschnitt überbaut.

Daniel Haller
Merken
Drucken
Teilen
Baselbiet unter Beton: Auch an der Hülftenschanz umzingeln Wohn- und Gewerbebauten sowie Verkehrs-Infrastruktur die wenigen Ackerflächen.

Baselbiet unter Beton: Auch an der Hülftenschanz umzingeln Wohn- und Gewerbebauten sowie Verkehrs-Infrastruktur die wenigen Ackerflächen.

Nicole Nars-Zimmer niz

Nähme man die eidgenössische Vorlage zur Ernährungssicherheit ernst, über die wir am 24. September abstimmen, müsste man aufhören, Landwirtschaftsland zu überbauen. Dies gilt gerade für das Baselbiet, wo in der Vergangenheit prozentual sogar mehr Ackerland zubetoniert wurde als im Rest der Schweiz.

Doch zeigt sich diesbezüglich Lukas Kilcher, Leiter des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain, pessimistisch: Rückzonungs-Forderungen seien aussichtslos. Quantität und Qualität des Kulturlands zur Sicherung der Ernährung müssen für Lukas Kilcher auf andere Weise bereit gestellt werden.

Lukas Kilcher, Baselbieter Chefbeamte für Landwirtschaft

Lukas Kilcher, Baselbieter Chefbeamte für Landwirtschaft

zvg

Herr Kilcher, Ernährungssicherheit bedeutet, dass die Schweizer Bevölkerung jederzeit Zugang zu einer ausreichenden Menge gesunder und bezahlbarer Lebensmittel hat. Wenn man das Angebot in den Läden anschaut, scheint dies heute der Fall zu sein. Warum soll nun ein neuer Verfassungsartikel den Bund beauftragen, dafür zu sorgen, dass dies langfristig so bleibt?

Lukas Kilcher: Das ist nicht einfach der Fall. Unser Selbstversorgungsgrad beträgt netto nur rund 55 Prozent. Je mehr Land wir verbauen und je mehr Menschen wir sind, desto geringer wird unser Selbstversorgungsgrad. Genau das passiert in der Schweiz und weltweit. Es braucht in dieser Frage unbedingt einen weitsichtigen regionalen und globalen Blick.

Hebt deshalb der neue Artikel den Schutz des Kulturlands hervor?

Im winzigen Zeitraum der Menschheitsgeschichte zwischen 1985 und 2009 hat die Schweiz die enorme Fläche von 850 Quadratkilometern Landwirtschaftsland verbaut für Wohnen, Industrie und Verkehr. Das entspricht 5,4 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Im Baselbiet haben wir in dieser Zeit gar überdurchschnittlich viel, nämlich 5,9 Prozent der Agrarfläche verbaut; das sind 1300 Hektaren. Wir haben völlig versagt beim Ziel, haushälterisch mit unserer Fläche umzugehen.

Braucht es, um dies zu korrigieren, einen Verfassungsartikel?

Tatsache ist: Wir machen weiter so. In der Schweiz werden pro Sekunde 1,1 Quadratmeter verbaut. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung in der Schweiz und weltweit. Die verfügbare Ackerfläche pro Kopf sinkt laufend: 1950 standen pro Kopf gemäss Zahlen der UN-Agrarorganisation FAO noch 5100 Quadratmeter zur Verfügung, 2050 werden es nur noch 2000 Quadratmeter sein. Es ist also alles andere als gesichert, dass wir jederzeit eine ausreichende Menge gesunder und bezahlbarer Lebensmittel haben. Im Gegenteil, es braucht enorme Anstrengungen, dass die Ernährung weiterhin gesichert bleibt.

Aber kann man das, was fehlt, nicht einfach importieren?

Das macht man derzeit: Die Ernährung ist bereits heute nur deshalb gesichert, weil wir zusätzlich zur Agrarfläche in der Schweiz dieselbe Fläche nochmals im Ausland beanspruchen. Doch auch diese schrumpft und wird von immer mehr Menschen beansprucht.

Heisst das, dass nicht nur ein neuer Verfassungsgrundsatz, sondern auch konkrete Massnahmen und Gesetze nötig sind?

Die Raumplanung muss das Kulturland besser schützen, damit der Verbrauch des Agrarlands nicht wie bisher weiter geht. Wie die vergangene Entwicklung zeigt, braucht es einen stärkeren Schutz des Kulturlands. Der Boden ist die wichtigste Produktionsgrundlage, deshalb müssen wir diesen für kommende Generationen schützen. Und zwar braucht es nicht nur einen quantitativen Schutz des Bodens, wir müssen mit nachhaltiger Bewirtschaftung auch die Bodenfruchtbarkeit sicherstellen und Erosion verhindern.

Sind im Kanton Baselland genügend Fruchtfolgeflächen ausgewiesen, die raumplanerisch geschützt sind?

Ja, der Kanton liegt mit dem Fruchtfolgeflächen-Bestand aktuell knapp über dem Sollwert von 9600 Hektaren.

Überall wird, wie im Ergolztal oder in Salina Raurica, flaches Landwirtschaftsland überbaut. Dagegen befinden sich viele der für Ackerbau vorgesehenen Fruchtfolgeflächen in Hanglagen. Ist das nicht verkehrt?

Die meisten Zonenplanungen wurden zu einer Zeit gemacht, als der Schutz des Landwirtschaftslands und der Landschaft noch nicht den heutigen Stellenwert besass. Damals wurde die Eignung einer Fläche für die landwirtschaftliche Produktion und als Fruchtfolgefläche meist weniger gewichtet als deren Eignung für Wohn- oder Gewerbebauten. Einmal eingezont ist es extrem schwierig, die Flächen wieder der Landwirtschaftszone zuzuweisen; insbesondere wenn bereits Erschliessungen realisiert worden sind. Die Flächen im Ergolztal und in Salina Raurica sind schon seit langem Gewerbezone. Aus landwirtschaftlicher Sicht ist deren Überbauung zu bedauern. Eine Rückzonung zu fordern, ist aber aussichtslos.

Wäre – wie es in Bern und Zürich bereits geschehen ist – eine Initiative nötig , um im Baselbiet das Kulturland als Ernährungsgrundlage besser zu schützen?

In der Raumplanung laufen permanent Aktivitäten und gesetzliche Änderungen, welche auf einen besseren Schutz der Landschaft hinauslaufen. Aktuell hat der Bund die Vernehmlassung zur zweiten Etappe der Revision des Raumplanungsgesetzes lanciert. Es bleibt abzuwarten, wie viel davon umgesetzt werden kann, denn Kantone und Gemeinden kommen vor lauter Änderungen gar nicht mehr mit der Umsetzung neuer Vorgaben nach. Eine Konsolidierung auf Grundlage der heutigen Rechtsgrundlagen wäre wichtiger als eine zusätzliche Baselbieter Kulturland-Initiative.

Müsste man nicht statt des Ackerbaus die Gewerbebauten an die Hänge verweisen?

Wir werden in Zukunft auch unkonventionelle Ideen denken müssen. Gewerbebauten an entlegenen Hängen dürften schwierig zu erschliessen sein. Aber Gewerbezonen lassen sich sehr viel platzsparender nutzen, als wir das heute oft tun. Man müsste auch diese verdichten. Ich finde es zum Beispiel untragbar, dass auch heute noch einstöckige Supermärkte auf der grünen Wiese gebaut werden mit einem ebenerdigen Aussenparkplatz, der grad noch mal einen Acker verbaut. Ein anderes Beispiel: Landwirtschaftsland ist nicht nur durch Überbauung bedroht. Laufend geht auch landwirtschaftliches Kulturland an den Wald verloren, auch im Baselbiet.

Und was soll man dagegen machen?

Der Kanton Zürich zum Beispiel hat 2014 im Richtplan festgesetzt, dass die Waldfläche nicht mehr weiter zunehmen soll. Ziel ist eine fixe Waldgrenze. Nicht angerührt werden soll dabei der strikte Schutz des Waldes innerhalb seiner Grenzen. Es gibt auch Stimmen, welche einen Abtausch von Landwirtschafts- und Waldflächen ermöglichen möchten. So könnte an potenziell guten Standorten Wald gerodet werden zugunsten der Lebensmittelproduktion. Im Gegenzug müssten ungünstigere Landwirtschaftsflächen an den Wald gehen. Ein solches Modell wäre auch im Baselbiet denkbar.

Welche natürlichen Ressourcen ausser den Landflächen müsste man zusätzlich schützen?

Damit die Pflanzen wachsen, egal ob Gemüse, Obst, Ackerkulturen, Wiesen und Weiden, braucht es genügend Wasser. Auch dieses gilt es zu sichern. Mit dem fortschreitenden Klimawandel häufen sich Wetterextreme wie Trockenheit und Überschwemmungen, Spätfrost und Hitze. Das erleben wir auch in diesem Sommer, ganz besonders im Baselbiet, wo viele Gewitter vorbeiziehen. Um die Erträge in der Landwirtschaft zu sichern, braucht es aber künftig mehr Bewässerung. Wenn aber die Grundwasserpegel sinken sowie Gletscher und Firn wegschmelzen, sinkt die Verfügbarkeit von Wasser für die Bewässerung in weiten Teilen der Schweiz. Das wird die Produktion von Lebensmitteln vor grosse Herausforderungen stellen. Wir müssen uns jetzt darauf einrichten.

Im Baselbieter Karst stellen die Grundwasservorkommen die Reserven dar. Was bedeutet es für die Landwirtschaft, wenn die Bauzonen immer näher an die Grundwasserschutzgebiete rücken?

Solange die Vorgaben des Grundwasserschutzes eingehalten werden, gibt es dagegen nichts einzuwenden. Müsste man aber Grundwasserpumpwerke wegen zu naher Wohn- und Gewerbezonen ins unbebaute Gebiet verlegen, wäre das sehr heikel. Denn dann müsste man im Landwirtschaftsland und Wald neue Grundwasserschutzzonen festgelegen, mit entsprechenden Einschränkungen für die landwirtschaftliche Produktion.