Basler App-Wahnsinn
Basler Behörden lancieren Apps, die nicht funktionieren

Eine App, die zum Thema «Luft» informiert, ein Schrittezähler und eine «Info-Tax» App, das sind nur einige Beispiele von Smartphone-Apps, die die Basler Behörden lanciert haben. Das Problem: Sie funktionieren nicht und werden kaum benutzt.

Samuel Hufschmid
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Jedes iPhone ab Modell 5S zählt Schritte (links) – bei der Sportamt-App (rechts) funktioniert das (noch) nicht.

Jedes iPhone ab Modell 5S zählt Schritte (links) – bei der Sportamt-App (rechts) funktioniert das (noch) nicht.

«Eine super informative App rund um das Thema ‹Luft› in Basel», schreibt Android-Benutzer Tom Schoder über das schlaue Smartphone-Programm des Lufthygieneamts beider Basel. Und erteilt fünf Sterne.

So weit, so gut, aber Schoder ist nicht nur der einzige Nutzer, der die seit März 2015 verfügbare App bewertet hat, sondern auch Kadermitarbeiter im Amt für Umwelt und Energie (AUE), das sich die 22 000 Franken teure App zum 30-jährigen Jubiläum des Lufthygieneamts spendiert hat.

Ausserhalb der Verwaltung scheint die App, mit der «anhand von Bildern, Erklärungen und Grafiken an fünf Posten mehr zu Luft und Strahlung erfahren werden kann», noch nicht auf grosses Interesse zu stossen. «Bisher wurde die App total 221 mal heruntergeladen», sagt AUE-Sprecherin Brigitte Mayer.

Ähnlich verhält es sich mit der «Schritt-auf-Tritt»-App des Sportamts. Auch diese Android-App hat eine einzige Fünf-Sterne-Bewertung, verfasst von Nutzerin Agi Polgar, ihres Zeichens zuständig für Sportangebote in der Abteilung Breitensportförderung des Sportamts.

Im Gegensatz zur Lufthygiene-App ist beim digitalen Android-Helferlein des Sportamts aber seit Lancierung im September 2015 noch eine zweite Bewertung hinzugekommen, jedoch eine mit nur einem Stern und der Bemerkung «Schade, dass das Eingeben des Passworts nicht funktioniert».

Bei der Smartphone-App «Schritt auf Tritt» des Sportamts funktioniert der Schrittzähler nicht.
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Und dies obwohl jedes iPhone ab Modell 5S einen (funktionierenden) Schrittzähler automatisch installiert hat.
Die App des Lufthygieneamts wurde erst 221 mal heruntergeladen und erhielt im Play-Store eine Bewertung – von einer Mitarbeiterin.
Die Steuerverwaltungs-App hat 7500 Franken gekostet und ist nicht mehr als ein Link-Verzeichnis auf die Kantons-Website.
1333 Downloads in 7 Monaten für die 43810 fränkige Archäologie-App – das sind stolze 32 Franken pro Nutzer.
Die Polizei-App ist erfolgreicher und soll zusätzliche Funktionen wie etwa einen Alarm-Knopf für Notfälle erhalten.
Ebenfalls beliebt ist der Stadtplan mit 14 000 Downloads.
Noch Zukunftsmusik ist eine Basler Entsorgungs-App, wie sie Zürich bereits kennt. Ob die Basler App personalisierte Erinnerungen bietet, ist noch offen.

Bei der Smartphone-App «Schritt auf Tritt» des Sportamts funktioniert der Schrittzähler nicht.

Screenshot

Schrittzähler zählt Schritte nicht

Tatsächlich gibt es bei der «Schritt auf Tritt»-App noch einige nicht ganz unwesentliche Kinderkrankheiten, wie zum Beispiel, dass die iPhone-Version die Schritte nicht zählt. Und das, obwohl jedes iPhone ab Version 5S bereits einen (funktionierenden) Schrittzähler im Betriebssystem integriert hat.

Dass die Sportamt-App «noch kaum heruntergeladen wurde», wie Sprecher Simon Thiriet auf Anfrage sagt, habe damit zu tun, dass sie noch nicht beworben und noch während keiner «Schritt auf Tritt»-Aktion eingesetzt worden sei. Wie viel die App gekostet hat, kann das Sportamt nicht sagen, «weil die Entwicklungskosten zusammen mit der Website angefallen sind.»

Die «Info Tax BS»-App der Steuerverwaltung – 1200 mal heruntergeladen und bei Google Play einmal bewertet (mit fünf Sternen, von einem Kantonsangestellten) – ist gemäss Finanzdepartement-Sprecher Kaspar Sutter ein Pilotprojekt.

7500 Franken habe die Entwicklung der App durch eine St. Galler Firma gekostet. Wobei ein kurzer Test zeigt: Mehr als ein Verzeichnis mit Links auf die bereits bestehende Website der Steuerverwaltung bietet die App nicht.

Mit 43 810 Franken Entwicklungskosten die teuerste Kantons-App kommt vom Präsidialdepartement und widmet sich dem Thema archäologische Bodenforschung. 1333 Downloads wurden seit Lancierung vor sieben Monaten verzeichnet, gemäss Sprecherin Melanie Imhof ein «Resultat, mit dem wir sehr zufrieden sind.»

Zwei tatsächlich einigermassen erfolgreiche Apps haben Polizei und Vermessungsamt im Angebot. Die Polizei-App verzeichnete rund 25 000 Downloads, der Stadtplan 14 000.

Die Kosten der Basler Kantonsapps, wenn darüber überhaupt Auskunft gegeben wird, sind mit maximal 43 000 Franken überschaubar. Wobei in diesen Kosten amtsinterne Leistungen kaum verrechnet sind, wie beispielsweise das Lufthygieneamt auf Anfrage bestätigt. «Das Erstellen der Plattform kostete 22 000 Franken. Die Inhalte machte das Lufthygieneamt», sagt Sprecherin Meyer.

Dass die tatsächlichen Kosten für die behördlichen Smartphone-Programme weitaus höher liegen könnten, legt ein Bericht über die geplante Einführung einer anderen App des Kantons im Rahmen des Fussgänger-Orientierungssystems nahe. Im Bericht wurde die App-Idee fallengelassen, weil «eine zusätzliche Investition zur Projektierung und Umsetzung von rund 200 000 Franken nötig» gewesen wäre.

Nebst den bereits existierenden Smartphone-Applikationen laufen beim Kanton Projekte für zusätzliche Apps. In Diskussion war eine App zur Förderung der
Orchestermusik.

Diese Idee wurde von der Abteilung Kultur des Präsidialdepartements allerdings zugunsten «einer allgemeinen Homepage zum den Musikprogrammen» fallengelassen, wie Philippe
Bischof, Leiter Abteilung Kultur auf Anfrage sagt.

Ebenfalls nicht weiter verfolgt respektive in die bereits bestehende Polizei-App integriert werden sollen zwei Ideen, die 2013 von Grossräten gefordert worden sind. Dabei handelte es sich um eine Alarm-App für Notfallsituationen sowie eine Bezahl-App für Parksäulen.

Konkreter hingegen sind die Pläne beim Bau- und Verkehrsdepartement. Dort wird einerseits an einer App mit einem Verzeichnis von Ladestationen für Elektrofahrzeuge gearbeitet – andererseits soll bereits im Frühling oder Sommer 2016 ein elektronischer Abfuhrkalender lanciert werden.

Zürich: kostenlos und beliebt

Eine solche App existiert in vielen anderen Städten, etwa in Zürich, und ist äusserst beliebt. Gegen 50 000 Zürcherinnen und Zürcher nutzen die Sauberes-Zürich-App, die dank integrierter Push-Benachrichtigung hilft, an die nächste Abfuhr in der Strasse zu denken. Die App hat die Stadt Zürich übrigens kostenlos erhalten, denn sie wurde von Privatpersonen entwickelt, die Zugriff auf die offenen Daten der Stadtreinigung hatten.

Ob auch die Basler Abfuhr-App eine personalisierte Erinnerungsoption haben wird, muss leider bezweifelt werden – denn Baudepartement-Sprecher André Frauchiger sagt, dass «lediglich eine webbasierte Lösung im Rahmen des bereits bestehenden Stadtplans angeboten wird, die neben der Abfuhrdaten keine weiteren Dienstleistungen enthalten wird.»