Baselbieter Wahlen
Bei den Grünen sorgen Reber und Wiedemann für Unruhe

Die grössten Verlierer der Gesamterneuerungswahlen vom Sonntag sind die Grünen. Während die SP im Landrat ihre 21 Sitze und ihren Stimmenanteil von 22 Prozent halten konnte, brachen die Grünen von 13,7 auf 9,6 Prozent ein und verloren vier Sitze.

Michael Nittnaus
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Welche Nationalrätin hatte am Sonntag Trost nötig? Bei der Regierungswahl Susanne Leutenegger Oberholzer (SP, r.), beim Landrat Maya Graf (Grüne).

Welche Nationalrätin hatte am Sonntag Trost nötig? Bei der Regierungswahl Susanne Leutenegger Oberholzer (SP, r.), beim Landrat Maya Graf (Grüne).

Nicole Nars-Zimmer niz

Der Rauswurf der Sozialdemokraten aus der Baselbieter Regierung mag historisch bedeutsamer sein, die grössten Verlierer der Gesamterneuerungswahlen vom Sonntag sind aber die Grünen. Während die SP im Landrat ihre 21 Sitze und ihren Stimmenanteil von 22 Prozent halten konnte, brachen die Grünen von 13,7 auf 9,6 Prozent ein und verloren vier Sitze (von 12 auf 8) – so viel wie keine andere Partei. Nimmt man die Parteistimmenzahlen, aus denen die Landratsmandate errechnet werden, so verloren die Grünen dort kantonsweit ein Drittel. In keinem der zwölf Wahlkreise konnte die Partei ihr Niveau von vor vier Jahren auch nur annähernd halten.

Politisiert Reber zu weit rechts?

Eine Katastrophe. Darüber kann auch der triumphale dritte Rang von Isaac Reber im Regierungsratsrennen nicht hinwegtäuschen. Zu offensichtlich ist, dass Reber vor allem dank vieler bürgerlicher Stimmen so gut abschneiden konnte. Noch am Wahlsonntag stritt dies zwar die grüne Nationalrätin Maya Graf ab: «Isaac verdankt seinen Erfolg sicher nicht den Bürgerlichen, sondern seiner Persönlichkeit.» Doch bei Parteipräsidentin Florence Brenzikofer klingt es am Tag danach bereits etwas anders: Reber hätte zwar seinen eigenen Wahlkampf geführt, doch «er hat sicher viele bürgerliche Stimmen geholt – und das musste er auch. Die grünen Stimmen alleine hätten nicht gereicht».

Die Frage ist, ob alle klassisch grünen Wähler Reber die Stimme gegeben haben. «Für gewisse unserer Wähler dürfte Isaac Reber eine zu wenig linke Politik verfolgen», sagt Christoph Frommherz zur bz. Der Münchensteiner wurde in seinem Wahlkreis als Bisheriger abgewählt. Die FDP mit ihrer Parteipräsidentin Christine Frey schnappte den Grünen dort ihren einzigen Sitz weg. Frommherz spricht offen über die Probleme seiner Partei. Für ihn ist der Regierungssitz nicht nur ein Vorteil. «Für die Zukunft müssen wir uns intern die Frage stellen, wie weit rechts Reber politisieren darf.» Von rechts werde man keine Stimmen gewinnen, von links aber sehr wohl verlieren. Brenzikofer schlägt logischerweise mildere Töne an, sagt aber auch: «Natürlich ist es bei uns ein Thema, wie wir wieder vermehrt grüne Themen in die Regierung einbringen können. Das ist Isaac auch bewusst.» Man tausche sich seit je regelmässig aus. Sie glaube jedoch nicht, dass grüne Wähler Reber dessen Politik verübeln. Reber war für eine Stellungnahme gestern nicht erreichbar.

Mehr Gemeinderäte mobilisieren

Weit dringlicher als die «Akte Reber» dürfte bei den Grünen jedoch die «Akte Wiedemann» sein. Frommherz: «Während des Wahlkampfes haben sich linke Wähler bei mir über Jürg Wiedemann beklagt.» Der wiedergewählte Grünen-Landrat aus Birsfelden hätte mit seiner Bildungspolitik und der Unterstützung der Freisinnigen Monica Gschwind links-grüne Wähler verärgert. Das weiss auch Brenzikofer. Sie sieht das «uneinheitliche Auftreten bei Bildungsfragen» mit als Grund für die Verluste vor allem im Unterbaselbiet. «Wir müssen Jürg Wiedemanns Rolle in unserer Partei überdenken», sagt sie.

Wiedemann selbst dreht den Spiess um: «Die Wähler haben möglicherweise jene – auch grüne – Kandidaten abgestraft, die die Bildungspolitik der SP und von Urs Wüthrich stützten.» Von der Parteileitung wünscht er sich in Zukunft weiterhin Unterstützung. «Wir Grüne sind zwar heterogen, Meinungsvielfalt wird aber gefördert und ist bei uns ein hohes Gut.»

Auffallend ist, dass die Grünen just in ihren ehemaligen Hochburgen im Unterbaselbiet massiv Stimmen und drei der vier Sitze verloren haben. Hier übt Brenzikofer Selbstkritik: «Unsere Listen waren insgesamt zu schwach.» Die Spitzenkandidaten erzielten gute Resultate, doch dann klaffte eine Lücke zum Rest. Ihre Erklärung: «Uns fehlten mehr bekannte Gesichter. Wo wir mit Gemeinderäten antreten konnten, haben wir unsere Sitze gehalten.» In Oberwil etwa verlor man über die Hälfte aller Stimmen von 2011, doch Gemeindepräsidentin Lotti Stokar hielt dank gutem persönlichen Resultat ihren Sitz. In Arlesheim (Wahlkreis Münchenstein) hingegen stellen die Grünen – beziehungsweise ihr lokaler Ableger Frischluft – zwar Gemeindepräsident und zwei Gemeinderäte, diese verzichteten aber auf eine Landratskandidatur. «Ich hatte versucht, sie zu überzeugen», sagt Brenzikofer enttäuscht. Nun werde man ein Analyse-Team aufstellen und vor allem etwas tun: «Ganz viel arbeiten.»