Integrationsprojekt
«Bei uns treffe ich Ausländer, dort Menschen»

Lehrer der Sekundarschule Margelacker gehen dem mazedonischen Schulsystem auf den Grund. Viele Lehrer haben auf emotionaler Ebene Mühe mit Schülern und Eltern aus dem Balkan. Darum warfen die Lehrer einen Blick hinter die Ausländer-Fassade.

Bojan Stula
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Gemessenen Schrittes näherte sich die Frau dem kosovarisch-mazedonischen Grenzposten bei Globocica. Offensichtlich eine Einheimische auf dem Weg zum Wochenmarkt, ganz in Schwarz in langen Mantel und Kopftuch gehüllt. Vom Grenzposten zur Ausweiskontrolle aufgefordert, zückte sie einen Schweizer Pass mit dem weissen Kreuz.

Es war eine Szene, die den zufällig anwesenden Beobachtern, 14 Lehrerinnen und Lehrern der Sekundarschule Margelacker in Muttenz, im Gedächtnis haften geblieben ist. Die ebenso unverhoffte wie verblüffende Begegnung zeigte, wie viele unvermutete Verbindungen zwischen dem Balkan und der Schweiz bestehen. Genau aus diesem Grund hat sich die Gruppe Muttenzer Seklehrer über die Ostertage ins nah-ferne Mazedonien aufgemacht. Wer sind sie eigentlich, die Kinder und Jugendlichen aus Südosteuropa, die in Muttenz rund 5 Prozent der Sek-Schülerschaft ausmachen und in der Schweiz immer wieder unangenehm auffallen? Was bewegt deren Eltern, welche die hiesige Lehrerschaft immer wieder mit Ansprüchen und dreist empfundenen Forderungen konfrontieren?

«Ganz viele Lehrpersonen haben auf emotionaler Ebene Mühe mit Schülern und Eltern aus dem Balkan», gibt Andreas Berger (63), Schulleiter der Sek Margelacker, zu. Für Berger und sein Team war gerade dies der Anstoss, einen Blick hinter die Ausländer-Fassade zu werfen – vor Ort, im Ausland, auf dem Balkan; genauer gesagt in der Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien.

Brücke dank «Friedensbrugg»

Die Brücke zur hierzulande weitgehend unbekannten Balkan-Republik hat der Muttenzer Sekundarlehrer Daniel Martin (63) geschlagen. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Basler Entwicklungshilfeorganisation «Friedensbrugg» (siehe Kasten) arbeitet er schon seit sieben Jahren an einem Schulprojekt in der mazedonischen Stadt Tetovo mit. Martin war es, der dank seiner Ortskenntnisse sowie seiner Kontakte zu lokalen Schulen und Privatpersonen die ungewöhnliche Bildungsreise einfädelte. Die Kosten berappten die Lehrerinnen und Lehrer vorwiegend aus der eigenen Tasche; einen Zustupf und Unterstützung für das Projekt gabs vom Schulrat und der Fachstelle Erwachsenenbildung Baselland.

«Bei uns treffe ich Ausländer, dort Menschen.» Der lapidare Ausspruch von Martin traf viele seiner Kolleginnen und Kollegen unvermittelt. Erst in Skopje wurde vielen bewusst, dass mazedonische Jugendliche und Schüler «ganz normal» sein können. Keine Spur von den aufgeblasenen Gockeln und muskelbepackten «Gel-Köpfen», welche die Muttenzer Schulhöfe bevölkern und ihre Schweizer Mitschüler derart befremden. Im Gegenteil sahen die Bildungsreisenden aus der Schweiz – fast schon neidisch – in mazedonischen Schulstuben äusserst disziplinierte Schülerinnen und Schüler am Werk, oftmals in Schuluniform gekleidet, auf den kleinsten Wink der Lehrkräfte reagierend und äusserst motiviert, den Unterrichtsstoff zu verinnerlichen.

«Es sind eben die ‹Gockel›, die zuerst in die Schweiz drängen», weiss Andreas Berger, der als Wahlbeobachter für den Bund schon in fast allen Balkanländern gewesen ist. «Es braucht Wagemut und Stärke, seine Heimat zu verlassen und in der Ferne neu anzufangen.»

Möglichst lange in die Schule

Auf den Strassen von Tetovo und Skopje bevölkern derweil Ströme von arbeitslosen Jugendlichen die Trottoirs und Cafés. Bei einer Arbeitslosenrate von 80 Prozent bei Jugendlichen und 60 Prozent bei Erwachsenen versprechen sich viele von der Flucht in die Schweiz eine bessere Zukunft. Jene aber, die dortbleiben, besuchen möglichst lange die Schule, damit sie die drohende Arbeitslosigkeit vor sich herschieben können. «Jetzt verstehe ich endlich diejenigen Eltern, die bei uns immer darauf beharren, dass ihre Kinder noch ein und noch ein Schuljahr anhängen», sagt Isolde Polzin (43), Niveau-A-Lehrerin im Margelacker: «Früher hat mich das immer befremdet. Jetzt weiss ich aber, dass diese Strategie in Mazedonien überlebenswichtig ist.»

Ebenso klar ist aber auch, dass die möglichst lange Schulausbildung trotzdem keinen wirklichen Ausweg aus der Misere bietet. Werden die Mazedonier nicht schon als Jugendliche arbeitslos, dann eben als Erwachsene. Zu wenige Berufsperspektiven bietet die dortige Wirtschaft den zahlreichen Schulabgängern. Für Daniel Martin liegt das Hauptproblem darin, dass in Mazedonien das duale Bildungssystem unbekannt ist. Akademische und Berufsbildung werden nicht getrennt, entsprechend garantiert ein Schulabschluss keinerlei spezifische Qualifikation. «Mit ihrer Ausbildung können sie in Mazedonien nicht Fuss fassen, deshalb flüchten sie zu uns, um eine bessere Ausbildung zu erhalten», fasst Niveau-A-Lehrer Alain Zurbuchen (61) das Dilemma zusammen.

Nichts vormachen lassen

Den sofort umsetzbaren Nutzen ihrer sechstägigen Reise erhoffen sich die Muttenzer Lehrerinnen und Lehrer bei der Bewältigung künftiger Elterngespräche. Margelacker-Schulleiter Andreas Berger macht die Erfahrung, «dass das Eis zu Eltern mazedonischer Herkunft sofort gebrochen ist, wenn man ihnen zeigt, dass man ihr Land kennt. Wenn wir sie dort abholen können, wo sie sich wohl fühlen, gestalten sich die Elterngespräche enorm einfach.» Auch Alain Zurbuchen wird sich von seinen Schülern aus dem Balkan nicht mehr so leicht etwas vormachen lassen: «Ich war dort und habe gesehen, dass unser duales Ausbildungssystem klare Vorteile bietet.» Gerade die Berufsausbildung sei für die balkanstämmige Schülerschar oftmals die bessere Lösung.

Den Menschen nahe gekommen

Derweil zeigte sich die Muttenzer Kleinklassen-Lehrerin Ursula Wirz (49) überrascht davon, wie nahe sie inzwischen den Menschen aus Mazedonien gekommen ist: «In unserer Schulstube trägt man täglich Kämpfe aus, sich gegenseitig zu verstehen. Vor der Reise wusste ich gar nicht, wie verbunden ich mit dieser Kultur bin.» Kleinklassenlehrer Beat Vosseler (63) bläst ins gleiche Horn: «Mazedonien ist ein ausserordentlich schönes und geschichtsträchtiges Land. Da ich das nun gesehen habe, gehe ich ganz anders auf diese Schüler zu. Meine Schülerinnen und Schüler werden das zu schätzen wissen.»

Was von dieser Reise als Erkenntnis bleibt, fasst Daniel Martin zusammen: «Integration ist keine Einbahnstrasse. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen wollen. Doch wir müssen den ausländischen Jugendlichen zuerst die Türen öffnen.» Dieses Fazit ist zwar weder neu noch originell. Aber für die Muttenzer Sek-Lehrerschaft seit ihrer Osterreise ein Stückchen wahrer geworden.