Starker Auftritt
Beifall für den Überlebenden der Männergrippe

Sam Himself bewies im Parterre One mit viel Charisma, dass er nicht nur ab Konserve das Zeugs zum Popstar besitzt.

Stefan Strittmatter
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Sam Himself überzeugte das Publikum.

Sam Himself überzeugte das Publikum.

Stefan Tschumi

Es wird viel geklatscht am Freitagabend im Parterre One. So viel, dass es dem Beklatschten zuweilen fast zu viel scheint: Mehrfach blickt Sam Himself in den ausverkauften Zuschauerraum, sucht nach Worten, um seinen Dank auszudrücken. Er beginne sonst noch zu heulen, sagt er einmal, ehe er nahtlos das nächste Lied anstimmt.

Von Koechlin zu Himself

Man kann es dem Sänger und Songwriter, der seine Heimatstadt Basel als Samuel Koechlin verlassen hat und vor knapp zwei Jahren als Sam Himself aus New York zurückgekehrt ist, nicht verübeln, dass er sich so viel Zuspruch für seine Kunst noch nicht gewöhnt ist. Selten hat sich in der Schweizer Poplandschaft ein Act so schnell vom Neuling zum Aushängeschild gemausert.

Ansonsten aber ist der zottelhaarige Mann, der sein Alter für sich behält (aussehen würde er ja wie 93, sagt er kokettierend), Routinier und Rockrebell zugleich. Schon im eröffnenden Doppelschlag aus «Brando» und «Nothing Like The Night» schafft Sam Himself eine starke Verbindung zu seinem Publikum – mit konstantem Augenkontakt, Jim-Morrison-Verrenkungen und entwaffnendem Grinsen.

Er habe soeben eine dreitägige Männergrippe überlebt, sagt er und erntet auch dafür Beifall. Es ist kaum vorstellbar, wie der Sänger mit seiner sonoren Stimme wohl erkältet klingt.

Der Sänger ordnet sich seinen Songs unter

Das grösste Talent, das Sam Himself an diesem Abend unter Beweis stellt, ist jedoch nicht seine Stimme oder sein Charisma, sondern die Fähigkeit, beides in den Dienst der Musik zu stellen. Sich den Songs unterzuordnen.

Dass das countryeske «La Paz», das filigrane «Cry» oder das düstere «The Missing» zünden, ist aber auch Sams Band zuzuschreiben. Hatte der Bandleader das Album fast im Alleingang eingespielt, so stehen seine Begleitmusiker nun vor der Herausforderung, die Stücke vom Studio auf die Bühne zu hieven.

Während sich Keyboarder Cédric Vogel weitestgehend an den Sounds der Vorlage orientiert, müssen sich Benjamin Noti an der Gitarre und Georg Dillier am Bass ihren Platz in den Arrangements zuerst erarbeiten. Insbesondere im genannten «The Missing», das vom wuchtigen Bass und einem synthetisch anmutenden Gitarrenmotiv lebt, gelingt ihnen das vorzüglich.

Schlagzeuger mit schwierigstem Job

Den schwierigsten Job in dieser Hinsicht hat Philipp Gut abbekommen, muss er doch an seinem Schlagzeug die programmierten Beats reproduzieren, ohne dabei die Erdung eines echten Drumsets zu opfern. Und so geraten die Songs des an diesem Abend getauften Albums «Power Ballads» insgesamt vielfarbiger als auf dem Studiowerk, bleiben aber der Stimmung der Originale gerecht.

Im Zugabenblock wird mit «Dancing In The Dark» in schwerer Halftime-Version eine Verneigung vor Bruce Springsteen geboten. Erneut lautstarker Applaus, der nicht abbricht, bis sich der Bandleader für eine weitere Dreingabe nochmals auf die Bühne stellt und – niemand hätte nach dem geglückten Konzert damit gerechnet – den eigentlichen Höhepunkt fast beiläufig aus dem Ärmel schüttelt: Das solo dargebotene «Men In My Family» übertrifft alles bis dahin Dargebotene. Gross!

Ja, es wurde viel geklatscht am Freitagabend. Und wenn es in diesem Business so etwas wie Gerechtigkeit gibt, dann wird sich Sam Himself in den kommenden Jahren an dieses Geräusch gewöhnen müssen.

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