Geschlecht
Beim Namen Salathé stand ein Sultan Pate

Die Namen der Nordwestschweiz: Familiennamen entstehen auf verschlungenen Pfaden. Bei einigen führt die Erklärung bis ins Morgenland.

Benjamin Wieland
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Heinzelmänner und singende Eisen: Wappen und Namen von Liestaler Bürgergeschlechtern an einem Nachbargebäude des Rathauses.

Heinzelmänner und singende Eisen: Wappen und Namen von Liestaler Bürgergeschlechtern an einem Nachbargebäude des Rathauses.

Benjamin Wieland

Typische Familiennamen und was sie bedeuten: BASELLAND (Teil 2)

Buess

Mehrdeutiger Name: Entweder Berufsname zu schweizerdeutsch Buess(n)er «Beamter, der die vom Rate verhängten Bussen einzog». Formal ist auch ein Vatername zu einer Koseform von Burkhard möglich. Solche zweigliedrigen Rufnamen wurden häufig gekürzt und mit kosenden Ableitungssilben erweitert (vergleichbar wäre Deiss zu Matthias).

Bürgin

Vatername zu einer Kurzform von Burkhard mit dem älteren Verkleinerungssuffix -in (vergleichbar sind Bürki, Bürgi, Bürke, Bürkli, Bürkle, Bürky). Im Baselbiet stark verbreitet, heute in Gelterkinden am häufigsten, wo auch ein prominenter Namensträger herkommt: Sänger Sebastian Bürgin – besser bekannt als «Baschi».

Mangold

Vatername zum Rufnamen Managolt, jünger Mangold, bestehend aus den althochdeutschen Teilen manag «manch, viel» und waltan «herrschen».

Salathé

Übername zum Rufnamen Salatin arabischen Ursprungs nach dem Sultan Sālah ad-Dīn; dieser Rufname wurde vereinzelt auch in der christlichen Namengebung aufgenommen. Er könnte – ähnlich wie Sarasin – auch einem Teilnehmer an einem Kreuzzug gegeben worden sein. Die Schreibung ohne Akzent Salathe ist im Historischen Lexikon vorherrschend; die Schreibung mit accent aigu «é» ist wohl jüngeren Datums und romanisiert den Namen. Ist in der Schweiz nur in beiden Basel alteingesessen.

Spinnler

Berufsname zu mittelhochdeutsch spinneler «Spindelmacher» für den Spindeldreher, also den Hersteller von Spindeln. In der Schweiz kommt er fast nur im Baselbiet vor – vor 1800 in Seltisberg, Frenkendorf, Liestal.

Jermann

Vatername, der aus Jeri, Järi, einer dialektalen Kurzform von Georg und Mann zusammengesetzt ist; Mann hat in so einer Fügung meist kosende Funktion. Spitzenreiter: Dittingen.

Cueni

Der Name ist ein Vatername, eine Kurz- und Diminutivform auf -i zum Rufnamen Kuonrat, einer älteren Form von Konrad; Varianten, die ebenso erklärt werden, sind: Cuoni, Cuony, Kuni, Kuny, Kuoni. Ist im Laufental, vor allem in Laufen und Röschenz, stark verbreitet – im Kanton Jura wären die Cueni alteingesessen, dort gibt es laut Telefonbuch jedoch keine Namensträger mehr.

Karrer

Ein Berufsname, abgeleitet mit der Silbe -er zu Mittelhochdeutsch karre «Karre, Kutsche, Lastwagen» für den Karrenführer bzw. jemanden, der im Fuhrwesen tätig ist wie der Fuhrmann. Ein «Nest» ist Röschenz.

Vorreiter im Tragen eines zweiten Namens waren der Adel sowie die Bevölkerung in den Städten. Es dauerte bis ins 16. Jahrhundert hinein, bis Familiennamen bei allen Bevölkerungsschichten üblich und verbreitet waren. Der Gebrauch und vor allem die Schreibung der Namen schwankte noch lange. Da es keine Vorgaben zur Schreibung gab, existierten vom selben Namen verschiedene Schreibweisen, etwa bei Schmid/Schmidt/ Schmitt und so weiter oder Fuchs/ Fux. Ein prominentes Beispiel ist die Familie von Johann Wolfgang von Goethe – von deren Name sind auch die Varianten Göthe und Goethé überliefert, bis sich die bis heute gebräuchliche Form durchsetzte. Zumindest in der Schweiz konnten Namenformen theoretisch – und auch praktisch – noch bis ins Jahr 1876 geändert werden: Erst dann wurden die Familiennamen fixiert, und zwar mit der Erfassung der Personen- und Zivilstandsdaten im sogenannten Zivilstandsregister.

SCHWARZBUBENLAND

Häner

Wohl ähnlich wie Hähni, Hänni Vatername zu einer Kurz- oder Koseform des Rufnamens Johannes (hebräisch «Jahwe ist gnädig»). Die Endung -er kann Zugehörigkeit ausdrücken.

Hänggi

Kurz- oder Koseform zum Rufnamen Johannes (hebräisch «Jahwe ist gnädig») bzw. Hans. Die Formen Haenggi und Henggi sind grafische Varianten, Hänggeli ist die zum selben Namen gehörende Verkleinerungsform. Der Name ist ursprünglich im Bezirk Thierstein heimisch, kam aber vor 1800 auch auf der anderen Seite des Jura vor (Dulliken, Büren).

Borer

Wohl Berufsname zu mittelhochdeutsch born «bohren» für eine Person, die in der Schmuckherstellung mit dem Bohren von Edelsteinen betraut war (daneben gab es auch die Balierer und ähnliche, die mit dem Polieren betraut waren). Andere gelegentliche Deutungen in einschlägigen Namenbücher wie «Hersteller von Bahren»; «von einer Anhöhe herkommend’ usw. sind nicht ausgeschlossen, jedoch unwahrscheinlich. Ein typisches Thiersteiner Geschlecht.

Jeger

Berufsname zu mittelhochdeutsch jeger(e) «Jäger». Die Schreibung mit «e» statt «ä» ist in früherer Zeit verbreitet. Die Berufsgruppe der Jäger war oft in Zünften organisiert, wie überhaupt das gesamte Jagdwesen streng reglementiert war. Der Name ist heute vor allem in und um Meltingen, wo fast jeder Vierte so heisst, verbreitet.

  • Beruf (Müller, Becker, Jeger, Spinnler, Schmid in allen Varianten, also Schmidt, Schmitt etc.),
  • Herkunftsort (Zürcher, Berner, Walliser, Gutzwiller etc.),
  • Wohnstätte: Der Ort, wo jemand wohnt (Gasser, wohnhaft an einer Gasse; Amberg, Amoos, Rosenberg, Anthamatten und ähnlich).
  • Vorname, der zum Nachnamen wurde. In der Regel wird die Zugehörigkeit zum Vater aufgezeigt, zum Beispiel mit dem Namen Arnold oder Cueni (von Konrad). In skandinavischen Sprachen wird dies mit dem Zusatz -sohn, also -son oder -sen, bewerkstelligt, wie bei Anderson oder Jakobsen.
  • Übername, der zum Nachnamen wurde (Bissig, Fux oder Brogli, also «prahlend, sich rühmen, sich brüsten»).

FRICKTAL

Brogli (Variante Brogle)

Der Name leitet sich vom schweizerdeutschen Verb broglen mit der Bedeutung «prahlen, sich rühmen, sich brüsten, sich aufblähen» (Schweizerdeutsches Wörterbuch 5, 518) ab. Es handelt sich damit um einen ursprünglichen Übernamen für eine Person, die vielleicht mehr darstellen wollte, als sie war. Der Name ist auch im südbadischen Raum häufig. Ein bekannter Vertreter ist der Aargauer Regierungsrat Roland Brogli (Zeiningen).

9000 deutsche Namen

Der Bestand an deutschen Namen beläuft sich wohl auf rund 9000 Familiennamen. Diese Schätzung stammt von der Familiennamenforscherin und Linguistin Simone Berchtold von der Universität Zürich. Sie hat für die bz typische Nordwestschweizer Familiennamen gedeutet (siehe auch bz von gestern). Zusammen mit ihrem Kollegen Martin Graf bestückt sie eine Datenbank, die insgesamt 15'419 Namen aus der ganzen Schweiz enthält. Es ist der Namenbestand, der um 1800 via Bürgerrecht verzeichnet war. In dieser Datenbank werden vorläufig die deutschsprachigen Namen sprachlich analysiert und etymologisch gedeutet – das heisst, dem zugrundeliegenden Motiv zugeordnet.

Quelle:

Für die Namenserklärungen diente das Familiennamenbuch der Schweiz als Grundlage. Schulthess Polygraphischer Verlag, Zürich 1989. Dritte Auflage. Verzeichnet sind alle Familien, die 1962 in einer schweizerischen Gemeinde das Bürgerrecht besassen.