Rheinschifffahrt
Bereits 400 Mal Basel-Rotterdam retour

Beim Essen oder am Computer sitzt er still. Doch kaum nimmt er auf dem Steuersitz Platz, beginnt der Schiffsführer der «Grindelwald» mit dem Oberkörper zu wippen: Kapitän Tom Smits.

Daniel Haller
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Ton Smits kocht zu Hause in Holland ab und zu auch Älplermagronen.

Ton Smits kocht zu Hause in Holland ab und zu auch Älplermagronen.

«Er will das Schiff anschieben», flachsen die Kollegen. «Eine Gewohnheit von Kindsbeinen an», wehrt er ab. Die Bergdörfer, nach denen die Schiffe seiner Karriere benannt sind, hat Ton Smits alle besucht. «Wir haben oft in der Schweiz Ferien gemacht. Ich wandere gern. Doch seit wir Kinder haben, komme ich nicht mehr dazu.» Und in Maasbracht, Tons Wohnort in Holland mit 5500 Einwohnern, 21 Meter über Meer, fährt man auch eher Velo. Dort verdient jeder Zehnte sein Leben auf Schiffen. Weitere arbeiten in Werften, Schleusen oder anderen von der Schifffahrt abhängigen Betrieben.

Erblich vorbelastet

«Mein Grossvater hatte ein eigenes Schiff, mein Vater war Schiffsführer, und der ältere meiner beiden Söhne möchte auch diesen Beruf ergreifen.» Auch für Ton – Taufname Antonius – stand ab dem sechsten Lebensjahr fest, dass er Schiffer wird. So trat er direkt nach der Schule mit 16 Jahren die Lehre an. Vier Jahre später heuerte er auf der «Lenk» an und fuhr seither auf dem halben Berner Oberland: «Auf der ‹Adelboden› machte ich jeden Job, vom Schiffsjungen bis zum Schiffsführer.» Zudem fuhr er auf der alten «Grindelwald», der «Mürren», der «Wengen» und der «Interlaken» und transportierte Getreide, Kohle, Zellulose, Kaolin für die Porzellanherstellung, Schrott, gepresste Schrottautos, den roten Lavalit für Tennisplätze, Kaffee lose und in Säcken, Stahlrohre, Erdnüsse, Backmehl, Maschinenteile, Kies... «Es war eine schöne Zeit. Doch wenn ich die Wahl habe, ziehe ich Container vor.» Daran reizt den 46-Jährigen nicht zuletzt «das Spiel mit dem Stau-Plan»: Dass das Schiff gut liegt, dass möglichst wenig Container versetzt werden müssen, dass alles stimmt.

Vier-Wochen-Turnus

Auch Tons Frau stammt aus einer Schifferfamilie. «Frauen, die diesen Arbeitsrhythmus nicht von Kind auf kennen, haben Probleme damit», meint er. Er sieht hingegen im Vier-Wochen-Turnus vor allem Vorteile: «Zwar komme ich nicht jeden Abend nach Hause und bin nicht jedes Wochenende da. Aber meine Jungs haben mehr von mir, wenn ich vier Wochen zu Hause bin, sie zur Schule bringen kann oder zum Arzt – Aufgaben, die sonst in der Regel die Mütter übernehmen.» Wenn er zu Hause ist, baut er das alte Haus um, das die Familie vor zehn Jahren gekauft hat, oder macht den Haushalt: «Wenn meine Frau dann von der Arbeit kommt, haben wir gemeinsam frei.»

Doch die Schifffahrt lässt ihn auch in der Freischicht nicht los: Ab und zu fährt er bei Schiffern aus der Verwandt- und Bekanntschaft ein paar Tage als Gast mit. «Man will ja schliesslich auch andere Gebiete kennenlernen.» Und für seine dereinstige Bestattung hat er konkrete Vorstellungen: «Sie können meine Asche in Basel von der Mittleren Brücke streuen. Dann mache ich meine letzte Rheinreise.»