Konflikt
Bericht zur Reinacher Asylheim-Affäre liegt vor: Es hätte nie soweit kommen müssen

Die Reinacher Asylheim-Affäre könnte bald beigelegt sein. Der Gemeinderat und die freigestellte Mitarbeiterin Farideh Eghbali sind dazu bereit, ihren Konflikt zu bereinigen. Das machte der Gemeinderat am Donnerstag an einer Medienkonferenz publik.

Benjamin Wieland
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Das Asyl-Wohnheim in Reinach: Hier begann die Liaison fatale zwischen Betreuerin und 17-Jährigem – mit schwerwiegenden Folgen für Farideh Eghbali, die ihre Beobachtungen meldete, aber nicht ernst genommen wurde.
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Urs Hintermann trat am 6. September 2017 per sofort zurück.
Farideh Eghbali, die Ex-Betreuerin des Reinacher Asylheims beobachtete, wie eine damals 29-jährige Kollegin einen 17-Jährigen Bewohner anmacht.
Asylaffäre Reinach PK
Peter Meier
Melchior Buchs

Das Asyl-Wohnheim in Reinach: Hier begann die Liaison fatale zwischen Betreuerin und 17-Jährigem – mit schwerwiegenden Folgen für Farideh Eghbali, die ihre Beobachtungen meldete, aber nicht ernst genommen wurde.

Nicole Nars-Zimmer niz

Bei der Reinacher Asylheim-Affäre sind der Gemeinde Fehler unterlaufen. Zahlreiche Mitarbeiter, aber auch Mitglieder des Gemeinderats litten unter einem «Wahrnehmungsfilter» – doch der Begünstigung und der Vertuschung machten sich die Gemeindebehörden nicht schuldig. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse des Expertenberichts zu den Ereignissen, die in den vergangenen zwei Jahren die Gemeinde durchschüttelten. Die Affäre gipfelte im Rücktritt von Gemeindepräsident Urs Hintermann im September 2017.

Ein vierköpfiges Team hat sechs Monate lang Akten gesichtet, Interviews geführt sowie Reglemente und Verordnungen studiert. Das Resultat ist ein 135-seitiger Bericht. Am Donnerstag präsentierte der Leiter der externen Projektgruppe, der frühere Kantonsgerichtspräsident Peter Meier, eine Kurzform des Berichts den Medien. Meier skizzierte in Reinach eine fatale Kaskade von Fehlern.

Von Polizisten herausbegleitet

Ihr zugrunde liegt offensichtlich ein Arbeitskonflikt zwischen der Asylwohnheim-Mitarbeiterin Farideh Eghbali und ihren Vorgesetzten – der springende Punkt ist: Dieser Arbeitskonflikt nahm seinen Anfang Jahre vor den eigentlichen Ereignissen.

Die Affäre ins Rollen brachte eine sexuelle Beziehung zwischen einer Sozialpädagogin und einem 17-jährigen Bewohner. Eghbali war es, die das Verhältnis zwischen ihrer Kollegin und dem Afghanen dem Heimleiter meldete. Doch Eghbali wurde kein Glauben geschenkt – stattdessen wurde ihr unterstellt, sie wolle die jüngere Kollegin mobben. Die Spannungen zwischen Eghbali und ihren Chefs gehen auf das Jahr 2012 zurück: Die Betreuerin erkrankte schwer, kämpfte sich danach in den Job zurück. Offenbar hatte sie das Gefühl, das Team wolle sie rasch wieder loswerden.

Im Herbst 2016 erfuhr der Gemeinderat, dass die «Basler Zeitung» von der intimen Beziehung Wind bekommen hatte. Er warf Eghbali vor, sie habe der Zeitung die Informationen gesteckt. Am 3. Mai 2017 berief der Gemeinderat eine weitere Medienkonferenz ein. Im Anschluss wurde Eghbali freigestellt, Polizisten begleiteten sie aus dem Asylwohnheim. Von da an eskalierte die Auseinandersetzung vollends.

Für die Expertengruppe steht fest: Soweit hätte es nie kommen müssen. «Mehrere Vorgesetzte haben das Potenzial des Arbeitskonflikts massiv unterschätzt», sagte Meier. Die Vorgesetzten hätten unter einem Tunnelblick und unter einem «Wahrnehmungsfilter» gelitten – und deshalb Eghbali lange nicht geglaubt.

Ein weiteres Problem: Der Konflikt konnte schon zu einem frühen Zeitpunkt nicht mehr «nach oben» weitergegeben werden – dafür ist laut Bericht auch ein Konstruktionsfehler in der Struktur der Personalhierarchie verantwortlich: Urs Hintermann war als Gemeindepräsident auch oberster Personalchef. Er nahm sich rasch persönlich der Sache an. «Das geschah wahrscheinlich aus gutem Willen», sagte Meier. «Aber ab dann war die De-Eskalation nach oben nicht mehr möglich.»

Der Bericht entlastet den Gemeinderat und das Verwaltungspersonal von mehreren Vorwürfen, welche die «BaZ» erhoben hatte. So sei die Anzeige gegen die Sozialpädagogin rechtzeitig erfolgt, sagte Meier. Eine Pflichtverletzung sei nicht festzustellen.

Ein anderer Vorwurf betraf die Austrittsvereinbarung mit Eghbali: Sie hätte eine Entschädigung erhalten, sich aber auch zu Stillschweigen verpflichtet – die «BaZ» nannte das Schweigegeld. Meier entkräftete den «Maulkorbvorwurf»: Derartige Klauseln seien üblich.

Gemeinderat sagt Sorry

Im Bericht wird der Gemeinde empfohlen, die Mitarbeiter besser in der Konfliktbewältigung zu schulen, die Kommunikationsstrategie zu überarbeiten und die Zuständigkeiten fürs Personal neu zu verteilen. Buchs sagte, der Gemeinderat sei bestrebt, die Empfehlungen umzusetzen. Buchs war es auch, der am Donnerstag die grösste Überraschung verkündete: «Farideh Eghbali wird ihre Arbeit im Asylwohnheim wieder aufnehmen, sobald die Heimleitung verstärkt worden ist.» Auch entschuldigte er sich im Namen des Gesamtgemeinderats mehrfach bei Eghbali.

Offenbar ist Eghbali ebenfalls daran interessiert, die Angelegenheit rasch abschliessen zu können. Laut Buchs hat sie ein Sistierungsgesuch zu den von ihr eingereichten Strafverfahren gestellt.

Reinacher Asyl-Affäre: Die Chronologie

- 4. Juni 2016: Farideh Eghbali, Betreuerin im Asylwohnheim Reinach, beobachtet, wie eine heute 29-jährige Kollegin einen 17-Jährigen Bewohner anmacht. Eghbali berichtet von vulgären Ausdrücken und Gesten.

- 7. Juni 2016: Nachdem Eghbali um ein Treffen mit der anderen Betreuerin und dem Heimleiter Christian Magni gebeten hatte, findet eine Aussprache statt. Die Beschuldigte bezeichnet die Anmache als Scherz, später verlässt sie die Runde unter Tränen.

- 9. Juni 2016: Eghbali erhält eine schriftliche Ermahnung. Im Schreiben, das der bz vorliegt, heisst es unter anderem: «Sie (...) mischten sich ungefragt in Themen ein, hielten sich nicht an Vereinbarungen und überschritten somit Ihre Kompetenzen.»

- 13. Juni 2016: Eghbali wendet sich an Gemeindeverwalter Thomas Sauter und Gemeindepräsident Urs Hintermann (SP). Sie schreibt: «Mein Problem ist, dass ich nicht weiss, wie ich mich (...) kompetenzgerecht, aber auch gesetzlich und moralisch korrekt verhalten soll.»

- 16. Juni 2016: Es kommt zu einer Krisensitzung mit Eghbali sowie Vertretern von Heim und Gemeinde. Gemäss Protokoll lautet das Thema «Kompetenzüberschreitungen». Eghbalis Beobachtungen kommen auch zur Sprache. Es heisst jedoch, die Gerüchte hätten sich «in keiner Weise bestätigt». Sauter berichtet, die beschuldigte Betreuerin sei krankgeschrieben und habe von sich aus gekündigt.

- Juli 2016: Der 17-jährige Flüchtling wird in ein Jugendheim versetzt. Dieses meldet der Gemeinde, dass die Betreuerin und der Minderjährige weiterhin miteinander gechattet hätten. Die Gemeinde spricht ein Kontaktverbot aus. Die Mitarbeiterin setzt sich darüber hinweg und wird freigestellt.

- September 2016: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen gegen die Betreuerin auf.

- 14. Dezember 2016: Die Gemeinde macht die Angelegenheit publik.

- 3. Mai 2017: Die Gemeinde informiert, dass Eghbali freigestellt worden sei. Man plane deren Kündigung. Begründet wird dies mit jahrelangen Arbeitskonflikten.

- 5. Mai 2017: Eghbali erklärt in der bz, sie wolle nicht ihren Parteikollegen Hintermann persönlich angreifen, sondern nur verheimlichte Missstände ans Licht bringen.

- 9. Mai 2017: SP-Präsident Markus Huber sagt in der bz: «Auch wir sind daran interessiert, dass die Sache aufgeklärt wird.»

- 10. Mai 2017: Zwei Einwohnerräte gehen juristisch dagegen vor, dass vertrauliche Dokumente rund um Vorfälle im Asylheim an die Medien gelangt sind.

- 13. Mai 2017: Die «Basler Zeitung» schreibt über weitere angebliche Missstände und wirft Hintermann «Vertuschung» vor. Die Missstände betreffen das Verhalten von Nachtwächtern. In der Folge berichten in der bz Asylheimbewohner anonym über unprofessionelle Zustände im Heim.

- 26. Juni 2017: Die Gemeinde macht publik, dass das Strafverfahren gegen die Betreuerin eingestellt worden ist. Ermittlungen gegen einen weiteren Betreuer laufen weiter.

- 27. Juni 2017: Hintermann kündet in der bz an, dass der Gemeinderat die Vorkommnisse zusammen mit einer externen Firma untersuchen lassen will. Dabei soll es insbesondere um Konfliktmanagement gehen.

- Juli 2017: Die Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission (GRPK) des Einwohnerrats kündet eine eigene Untersuchung der Geschehnisse an.

- 4. August 2017: Eghbali reicht gegen drei Gemeinderäte (darunter Hintermann) und einen leitenden Gemeindeangestellten Strafanzeige ein, wegen Amtsgeheimnisverletzung gegenüber den Medien am 3.Mai.

- 30. August 2017: Im Einwohnerrat wird in Abwesenheit Hintermanns dessen Stellvertreterin Béatrix von Sury d’Aspremont (CVP) mit Fragen zur Asylaffäre bombardiert. Von Sury liefert mit Hinweis auf den Persönlichkeitsschutz kaum Antworten, was für Unmut sorgt.

- 2. September 2017: Medien berichten, dass die SP Reinach nicht mehr geschlossen hinter Hintermann steht.

- 6. September 2017: Urs Hintermann und Gemeinderat Silvio Tondi (SP) treten per sofort zurück.

- September 2017: Die Interims-Gemeindepräsidentin Béatrix von Sury gibt bekannt, dass das "Dosier Asyl" an eine externe Stelle ausgelagert werde. Es werde zudem eine externe Untersuchung der Ereignisse in Auftrag gegeben.

- 28. Juni 2018: Die Ergebnisse des Berichts "Proficio" liegen vor.

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