Verkehrte Welt
Biel-Benken geht es gut: Die Gemeinde im Baselbiet senkt ihre Steuern

Baselland ächzt unter dem Spardiktat – nicht aber Biel-Benken: Dort gönnt man sich tiefere Steuern. Auch für neue Sportplätze und die Vereine ist noch Geld drin – Gemeindepräsident Peter Burch gibt an der Gemeindeversammlung ein wenig Gegensteuer.

Benjamin Wieland
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Die Idylle trügt nicht: Biel-Benken gehts prächtig. (Archiv)

Die Idylle trügt nicht: Biel-Benken gehts prächtig. (Archiv)

Roland Schmid

Peter Burch ist wohl ein wenig flau im Magen. «Seine» Biel-Benkemer haben soeben drei Millionen Franken für neue Sportplätze gesprochen, ebenso mehr Geld für die Vereine. Und sie haben sich selber ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk gegönnt: Sie haben die Steuern gesenkt.

Da denkt sich der Gemeindepräsident, es wäre gut, ein wenig Gegensteuer zu geben. Er will den Teilnehmern der Gemeindeversammlung in Erinnerung rufen, dass ihre Situation nicht selbstverständlich ist. Gerade in Zeiten, in welchen andernorts die Steuern erhöht werden und der klamme Kanton seinen Angestellten in die Lohntüte greift. Und so schliesst Peter Burch die «Gmeini» in der Turnhalle Kilchbühl am Mittwochabend mit einem Witz. Er geht so: Der alte Geizkragen MacDonalds geht mit seinem Sohn an eine Weihnachtsfeier. Er schaut die Schuhe des Sohnemanns an und fragt ihn: «Hast du etwa schon heute die neuen Schuhe angezogen?» – «Ja», antwortet dieser. – «Dann mach wenigstens grosse Schritte!» Kurzes Gelächter. Dann gehen die Teilnehmer zum Apéro über, tauschen Finanzplan und Budgetunterlagen gegen Salzstängeli und Weisswein. Er habe den Witz kurz vor der Versammlung irgendwo gelesen, sagt Burch zur bz. Eine pädagogische Wirkung habe er damit nicht erzielen wollen. «Ich wollte den einfach erzählen. Politik soll doch auch lustig sein.»

Nur Bottmingen ist günstiger

Grund zur Fröhlichkeit herrscht in Biel-Benken auch ohne Witze. Der Gemeinde geht’s prächtig. Sie ist schuldenfrei, das Eigenkapital beträgt stolze 12,8 Millionen Franken. Finanzchef Christoph Müller könnte sämtlichen 3416 Einwohnerinnen und Einwohnern je drei Feinunzen Gold schenken – es bliebe immer noch ein schöner Batzen übrig.

Fast einstimmig votierten die 153 Teilnehmer der Gemeindeversammlung für die Entlastung ihres eigenen Portemonnaies: Die Gemeindesteuern sinken im 2016 von 49 auf 46 Prozent. Im Kanton ist nur noch Bottmingen günstiger. «Hier Finanzchef zu sein», sagte Christoph Müller kurz zuvor bei der Präsentation des Finanzplans 2016 – 2020, «macht Spass.»

Auch Voten wie diese dürften bei Peter Burch ein flaues Gefühl im Magen hinterlassen. Er sieht sich zumindest zur Relativierung gezwungen. Man dürfe auf keinen Fall den Eindruck erhalten, seine Gemeinde gebe das Geld mit vollen Händen aus, sagt er zur bz: «Die Biel-Benkemer sind sparsame, aber auch anspruchsvolle Leute.» Wenn sie sich etwas leisten würden, dann müsse es gut sein – oder wie er es in seinem Obwaldner Dialekt sagt (Burch wuchs in Stalden auf): Es müsse «vrthäbä».

Die kritisch-anspruchsvolle Haltung macht das Beispiel der Sportanlage deutlich. Zwar kommt auch sie, wie das Budget, fast einstimmig durch. Zuvor jedoch haben die Biel-Benkemer insgesamt drei Vorgängerprojekte an der Urne versenkt. Diese sahen allesamt ein Kunstrasenfeld vor, doch der Plastik kam nicht gut an beim Stimmvolk – dieses wollte echtes Gras. Das neue Feld wird nun erheblich teurer, doch das ist es der Gemeindeversammlung offensichtlich wert. Das neue Feld hat seinen Preis. Aber es «vrthäbt».

«Reformierte Sparfüchse»

Die Mentalität der Biel-Benkemer hat wohl auch mit ihrer Konfession zu tun, vermutet Burch. Biel-Benken ist – neben Binningen – die einzige reformierte Gemeinde im katholisch geprägten Leimental. «Reformierte Sparfüchse» seien die Dorfbewohner, sagt Burch. «Da ist nichts mit barocker Verschwendungslust».

Mit Sparsamkeit allein ist Biel-Benken aber kaum reich geworden. Für Elisabeth Schneider-Schneiter steht fest: Die Fusion war eine entscheidende Ingredienz für das Erfolgsrezept ihrer Heimatgemeinde. 1972 schlossen sich Biel und Benken zusammen. Die CVP-Nationalrätin leitete von 2000 bis 2010 die Gemeindeverwaltung. «Mit der Fusion konnte die Infrastruktur zusammen gelegt werden», sagt Schneider-Schneiter. «So wurden schlagkräftige, schlanke Strukturen geschaffen. Das wiederum sorgte dafür, dass man die Steuern tief halten konnte.»

Der tiefe Steuersatz wiederum zog gute Steuerzahler an. Die Bevölkerung hat sich seit der Fusion mehr als verdoppelt. Biel-Benken ist begehrt, trotzdem konnte das Dorf hinter dem Löliwald seinen ländlichen Charakter bewahren. Auch dies ein Erfolgsfaktor, wie Schneider-Schneiter betont: «Wir sind nicht zu schnell gewachsen, die Neuzuzüger wurden integriert.» Das würde Peter Burch sofort unterschreiben. Er kam 1987 nach Biel-Benken, als 29-jähriger Posthalter und integrierte sich rasch. An einer seiner ersten Gemeindeversammlungen, die er besuchte, standen Steuersenkungen zur Debatte. Burch stimmte, als einer der wenigen, dagegen. Er glaubte damals offensichtlich noch nicht an das Erfolgsrezept Biel-Benkens. Doch er lernte rasch, dass es funktioniert. Oder wie er sagen würde: Dass es «vrthäbt».