Ärztehochburg
«Binningen hat gefühlt Europas grösste Dichte an Psychiatern und Gynäkologen»

Binningen ist für seine hohe Ärztedichte bekannt. Der langjährige Binninger Hausarzt Dieter Frei relativiert, Binningen ziehe zwar viele Spezialisten an, habe aber im Vergleich zu anderen Basler Agglomerationsgemeinden nicht mehr Hausärzte.

Yann Schlegel
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Praxen-Schild an der Binninger Haupstrasse die als "Ärztemeile" bekannt ist.

Praxen-Schild an der Binninger Haupstrasse die als "Ärztemeile" bekannt ist.

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Als Mike Keller das Wort «Ärztehochburg» hört, lacht der Binninger Gemeindepräsident laut. «Ja, Sie haben recht. Und die Ärztedichte ist in den vergangenen Jahren weiter gestiegen.»

Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Erst im Februar gab die Psychiatrie Baselland bekannt, 2020 von Münchenstein an die Binninger Hauptstrasse umzuziehen. An der zentralen Verkehrsader des Agglomerations-Ortes ist die Ärztedichte augenfällig. «Dr. Med.», «Praxisklinik» oder «Ästhetische Chirurgie»: Unzählige Schilder säumen die Hauseingänge an der Hauptstrasse. Im Telefonbuch ergibt die Suche nach «Dr. Med.» in Binningen 177 Treffer. In vergleichbaren Gemeinden wie Allschwil (90), Reinach (84) oder Münchenstein (64) sind die Zahlen markant tiefer.

Nur Baselbieter geben Medis

Einer dieser «Dr. Med.» ist Dieter Frei. Er führt seit 18 Jahren eine Praxis in Binningen. Zudem ist er Leiter des Notfalldienstes, den die Gemeinde gemeinsam mit Bottmingen führt. Binningen als Ärztehochburg? Frei relativiert: «Binningen hat gefühlt Europas grösste Dichte an Psychiatern und Gynäkologen. Im Vergleich zu den anderen Baselbieter Agglomerationsgemeinden weist sie aber nicht mehr Hausärzte auf.»

Hohe Grundversorger-Dichten im Radius der Grossstädte sind ein schweizweites Phänomen. Im Raum Basel ist es wegen der Landesgrenzen eine besondere Konzentration. Bessere Bedingungen im Baselbiet verstärkten den Effekt, dass es an der Stadt-, die zugleich Kantonsgrenze ist, aussergewöhnlich viele Ärzte gibt. Vor zehn Jahren war der Taxpunktwert der Baselbieter Ärzte noch drei Rappen höher als in Basel-Stadt. Mittlerweile wurde er angeglichen.

Ein weiterer Vorteil der Baselbieter Ärzte ist die Selbstdispensation. Also das Recht, Medikamente abzugeben. Doch die Gewinnmarge sei aufgrund diverser Kosten in den letzten zwanzig Jahren stark gesunken, so Frei. 2008 wollte die SP den Baselbieter Ärzten das Privileg der Medikamentenabgabe nehmen. Apotheker seien dafür besser ausgebildet. Zudem sei es ein falscher finanzieller Anreiz für Ärzte, zur Diagnose auch noch die Medikamente selber zu verkaufen, argumentierte die SP. Der Baselbieter Landrat hielt an der Selbstdispensation fest. «In selbstdispensierenden Kantonen sind die Medikamentenkosten gemäss Santésuisse tiefer», sagt Frei.

Binningen ist bei den Ärzten wegen tieferem Steuersatz und vorzüglicher Anbindung an den öffentlichen Verkehr besonders beliebt. Doch Frei sagt: «Der klassische Hausarzt stirbt hier aus.» Zwar nahm in Binningen die Zahl der Grundversorger in den letzten 20 Jahren nicht ab. Aber der Altersdurchschnitt der Praxisbesitzer liegt deutlich über 50 Jahre.

Es gibt immer mehr Gruppenpraxen, in welchen vor allem jüngere Ärztinnen Teilzeit arbeiten. Frei bilanziert: «Der Mut und der Wille zur Selbstständigkeit ist in geringerem Masse da.» Auch die Bereitschaft, Notfalldienste zu leisten, nehme in seiner Gemeinde immer mehr ab. Das Lohnniveau der Grundversorger sei in etwa gleich geblieben, aber die Kosten steigen laufend an.

Dieter Frei reagierte vor sieben Jahren, als er den Alleingang aufgab und in eine Doppelpraxis eintrat. «Somit können wir die Infrastruktur teilen und brauchen zum Beispiel nur ein Röntgengerät.» Doch die Lohnschere zwischen Grundversorgern und Spezialisten ist immens. Auch dies ein Fakt, der gegen den Hausarztberuf spricht. Am Platz Binningen dürfte die Zahl der Grundversorger nicht zunehmen. Jene der Spezialisten schon.

«Wir haben die Konzentration des Ärztewesens als Gemeinde nicht gefördert», sagt Keller, «es hat sich auf dem freien Markt so entwickelt». Für die Gemeinde geht es dabei nicht um die Steuereinnahmen, da jene von juristischen Personen in Binningen eine untergeordnete Rolle spielen. 98 Prozent des Steuersubstrats stammt von privaten Personen. Und die Attraktivität der Gemeinde leide ob der hohen Ärztedichte nicht, meint Keller: «Wenn beispielsweise Leute die Augenklinik Vista besuchen, profitiert auch das übrige Gewerbe. Oftmals trinken Klienten nach der Behandlung noch einen Kaffee oder erledigen Einkäufe.»