Frühfranzösisch
Binninger Drittklässler machen den Sprung ins kalte Wasser en français

Die Binninger Drittklässler werden schon nach den Ferien so richtig gefordert. Seit der Schulreform neu eingeführt, haben sie Frühfranzösisch und lernen die Fremdsprache in der Schule. Eine Umstellung, die nicht nur die Schülern herausfordert.

Leif Simonsen
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Keine Schonfrist: Lehrerin Kathrin Thommen beim Frühfranzösisch. Jun

Keine Schonfrist: Lehrerin Kathrin Thommen beim Frühfranzösisch. Jun

So richtig einschätzen können die Binninger Drittklässler ihre Lehrerin noch nicht, schliesslich ist es erst der zweite Schultag bei Frau Thommen. Aber etwas unorganisiert scheint sie schon. «Entschuldigt mich einen Moment, ich bin verwirrt. Ich bin gleich zurück», sagt Kathrin Thommen und stiehlt sich aus dem Klassenzimmer der Klasse 3b.

Kurz später kommt Claire Dubois herein, eine Pariserin, die nur Französisch spricht. Es dauert einen Moment bis zum Aha-Effekt. Abgesehen von der Hornbrille, der modischen Tasche und dem grünen Veston ist ihre Ähnlichkeit zu Frau Thommen unverkennbar. «Ich habs an den Zöpfchen erkannt», sagt eine Schülerin; ein anderer erkennt die Stimme.

Solche Diskussionen lässt die verkleidete Klassenlehrerin bei der ersten Französisch-Lektion gar nicht erst aufkommen. «Prenez vos chaises», fordert sie die Kinder auf. Ihre Worte untermalt sie mit klaren Gesten. «Wir müssen die Stühle mitnehmen und nach vorne gehen», deuten die Kinder richtig.

«Das versteht niemand in Thailand»

Die Französisch-Stunde ist nicht nur für die 3b im Binninger Neusatz-Schulhaus Neuland. Auch für Kathrin Thommen ist es eine Premiere. Zum ersten Mal werden im Baselbiet dritte Primarklassen in einer Fremdsprache unterrichtet. Baselland ist einer von sechs Kantonen, der sich im Zuge der Schulreform für Französisch als erste Fremdsprache entschieden hat. Nicht nur in der Politik schieden sich daran die Geister. Auch in der 3b ist man sich nicht einig. «Wenn ich mich entscheiden müsste, hätte ich lieber Englisch-Unterricht», sagt eine Schülerin. Denn: «In Thailand versteht niemand Französisch. Da muss man schon Englisch sprechen.»

Andere widersprechen. «Wir wohnen 10 Minuten von Frankreich entfernt, da will ich schon Französisch lernen», sagt einer ihrer Mitschüler. Seine Chancen stehen gut. In den nächsten Jahren wird er wöchentlich drei Lektionen Französisch haben – die heutigen Viertklässler haben nur anderthalb. Thommen räumt ein, dass sie sich nochmals in die Sprache «reinhängen» musste. Noch mehr gefordert sind aber diejenigen, die nun schon die zweite oder in einigen Fällen gar die dritte Sprache lernen – im Alter von nur neun Jahren.

Claire Dubois, Kathrin Thommens französisches Alter Ego am gestrigen Vormittag, kann darauf keine Rücksicht nehmen – denn sie ist nicht «bilingue». Sie erzählt die Geschichte des «monstre de l’alphabet», vom Alphabet-Monster, das sich von Buchstaben ernährt und in den nächsten Monaten sein Unwesen in der 3b treiben wird. Es ist einer der Protagonisten im neuen Französisch-Lehrmittel «Mille Feuilles», das die Schüler gestern zum ersten Mal in den Händen hielten. Das Buch wird nicht «Mileföiles» ausgesprochen, und die Kinder machen schon die ersten schmerzhaften Erfahrungen mit der romanischen Sprache. «Man spricht die Wörter leider nicht immer so aus, wie sie geschrieben stehen», erklärt die Klassenlehrerin.

Wie lange hält die Begeisterung?

Frau Thommen zeigt schliesslich Erbarmen und löst die Geschichten-Erzählerin aus der französischen Hauptstadt ab. Sie gönnt ihrer Klasse eine Verschnaufpause, nachdem sie nun fast eine halbe Stunde einer Sprache gelauscht haben, von der sie nichts verstehen. Thommen legt die Latte niedriger als Dubois. «Welche Wörter kennt ihr denn auf Französisch?» «Bonjour», «Oui», «Un, deux, trois» und «Le Parfait» prasseln auf die Klassenlehrerin nieder.

Thommen zeigt sich nach der Stunde zufrieden. «Mich selber spricht Frühfranzösisch an», sagt sie. Die Kinder werden gestern am Mittagstisch nichts anderes erzählt haben. Wie lange die Begeisterung für die neue Sprache anhält, «das ist dann aber wieder eine andere Frage», sagt Kathrin Thommen und lacht.