Öffentlicher Verkehr
Bis sich die Schienen biegen: Die Hitze zwingt Trams zum Schleichen

Die vergangene Hitzewelle ist an den Basler-Verkehrs-Betrieben nicht spurlos vorbei gegangen. Die Hitze hat die Gleise verformt. Stellenweise können die Trams nur noch im Schneckentempo fahren. Schuld sind die Spaghettischienen.

Benjamin Wieland
Drucken
Teilen
Achtung, Beule! So wie in Muttenz bei der Station «Im Park» kann es derzeit auf etlichen Abschnitten zu Verwerfungen kommen. Sie sind in der Regel harmlos.

Achtung, Beule! So wie in Muttenz bei der Station «Im Park» kann es derzeit auf etlichen Abschnitten zu Verwerfungen kommen. Sie sind in der Regel harmlos.

bwi

Auf der Mittleren Brücke in Basel sind derzeit keine Trams zu erblicken. Dort werden bis Mitte August die Schienen ausgetauscht. Wo die Fahrbahn war, klafft ein Graben.

Andernorts verkehren die Trams zwar, aber zumindest streckenweise unter erschwerten Bedingungen. So etwa in Muttenz. Mehrere bz-Leser teilten der Redaktion mit, die Fahrzeuge würden zwischen den Haltestellen «Käppeli» und «Zum Park» die Geschwindigkeit immer wieder stark reduzieren, ausserdem schüttle es die Passagiere durch.

Ein Augenschein bestätigt diese Beobachtungen. Kurz vor der Station «Zum Park» bremsen die von Basel her kommenden Trams sogar bis auf Schritttempo ab. Der Grund: verbogene Gleise. Besonders an einer Stelle sind die Schienen verbeult. Im Fachjargon heisst das Phänomen «Verwerfung» – im Volksmund spricht man von «Spaghetti-Schienen».

Ja, es handle sich um Verformungen, die wegen der Hitze entstanden sind, heisst es von den Basler Verkehrs-Betrieben (BVB) auf Anfrage. Sie betreiben die Strecke Muttenz–Pratteln. BVB-Mediensprecher Benjamin Schmid beschreibt, warum sich Schienen verbiegen: «Das Metall dehnt sich aus, grosse Kräfte wirken in den Untergrund. Ist dies Schotter, also loser Untergrund, geht ‹Halt verloren› und ‹Wellen› treten auf. Auf festem Untergrund kann das nicht vorkommen.»

Gleisverwerfungen seien aber nichts BVB-typisches, schreibt Schmid. Sie würden bei allen Bahnunternehmen auftreten, «insbesondere im Hochgleis». Mit Hochgleis ist das geschotterte Gleisbett gemeint, im Gegensatz zu den Gleisen, die in die Fahrbahn eingelassen sind, wie das in den meisten Abschnitten in Städten der Fall ist, so auch in Basel.

Infrastruktur

Ein Fünftel der Gleise verschlissen

Beträchtliche Abschnitte des Streckennetzes der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) befinden sich in einem alarmierenden oder schlechten Zustand. So steht es im «Netzzustandsbericht Infrastruktur», den die BVB am Dienstag erstmals publiziert haben.

Bei 21 Prozent des Streckennetzes seien «Erhaltungsmassnahmen auszulösen», heisst es im 28-seitigen Papier. Der Nachholbedarf beim Gleisersatz, aber auch bei der übrigen Infrastruktur ist laut BVB generell gross.

Bis 2020 soll eine «markante Verbesserung des Netzzustands» erreicht werden. Das Unternehmen beziffert das zu bewältigende Bauvolumen auf zirka 35 Millionen Franken pro Jahr. Saniert werden sollen dabei auch zahlreiche Wartehäuschen. (mec)

Erst vor zwei Jahren erneuert

Bemerkenswert sind die Deformationen in Muttenz, weil das betroffene Teilstück erst kürzlich total saniert worden ist. Zwischen 2014 und 2015 erneuerten die BVB für Millionen von Franken das gesamte Trassee zwischen den Stationen «Zum Park» bis «Muttenz Dorf». Es wurden also nicht nur die Gleise ersetzt, sondern auch die Fahrleitungen und das Schotterbett. Auf dem von den BVB erstmals herausgegebenen «Netzzustandsbericht Infrastruktur» (siehe unten) wird der Zustand der betreffenden Gleisanlagen in Muttenz denn auch als «gut» bewertet.

Schmid schreibt, dass die Verwerfungen keine Schäden zur Folge hätten. Die Dellen seien weder für Passagiere, noch für die Fahrzeuge gefährlich. Es könne einfach Ruckeln, wenn das Tram über eine verformte Stelle fahre. Und: Bald wird sich das Problem von alleine lösen. «Spätestens mit dem kühler prognostizierten Wetter der kommenden Tage dürfte sich diese Situation wieder entspannen.»

Die BVB sind darum bemüht, derartige Gleisbewegungen möglichst zu vermeiden. Dazu würden die Schienen «neutralisiert», schreibt Schmid, also auf eine mittlere Temperatur justiert. «Das sind bei uns etwa 26 bis 28 Grad Celsius.» Wenn es über längere Zeit deutlich wärmer wird, komme es trotzdem zur Ausdehnung.

Man könnte auch sagen: Nicht nur wir Menschen fühlen uns bei extremer Hitze nicht mehr wohl in unserer Haut. Auch die Gleise geraten in Wallung.

Aktuelle Nachrichten