Kontroverse
BLT-Direktor zu Kuss-Plakaten: «Eltern könnten sich unwohl fühlen»

BLT-Direktor Andreas Büttiker erklärt, weshalb er keine Plakate mit küssenden Homosexuellen duldet. Unter anderem sagt er: «Mit unserem Entscheid bieten wir uns als Projektionsfläche an. Man wirft uns Intoleranz vor, um sich daran zu enervieren.»

Michel Ecklin
Merken
Drucken
Teilen
Dieses Plakat dürfen Tramfahrgäste auf dem Land nicht sehen, in der Stadt schon.

Dieses Plakat dürfen Tramfahrgäste auf dem Land nicht sehen, in der Stadt schon.

Zur Verfügung gestellt

Zwei Männer oder zwei Frauen, die einander innig küssen und zärtlich berühren: Ein solches Bild ist in unseren Breitengraden nichts Ungewöhnliches mehr. Doch die Baselland Transport AG (BLT) will ihren Fahrgästen diesen Anblick ersparen. Deshalb wird sie vier Plakate des Basler Jugendtreffs Anyway, die küssende homosexuelle Paare zeigen, nicht in ihren Trams aufhängen. Die übrigen Plakate des Jugendtreffs, die nicht küssende, schwule und lesbische Paare zeigen, sind hingegen der BLT genehm, sie werden in den gelben Trams bald zu sehen sein.

Der Jugendtreff Anyway ist ein Teil des Vereins Homosexuelle Arbeitsgruppen Basel und richtet sich an nicht heterosexuelle 15- bis 25-Jährige. Ziel ist, deren Coming-out zu erleichtern, damit sie in der Öffentlichkeit zu ihrer sexuellen Orientierung stehen können. Der Jugendtreff, der nur von Freiwilligen betrieben wird, hat im vergangenen Jahr den Chancengleichheitspreis der Regierungen beider Basel erhalten. Mit der so erhaltenen Geldsumme finanziert Anyway die Plakatkampagne, die am 2. Februar startet.

Vollständig zu sehen sein wird sie in den Fahrzeugen der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB). Diese haben keinerlei Bedenken gegenüber küssenden Schwulen und Lesben in ihren Trams. BLT-Direktor Andreas Büttiker hat anders entschieden und begründet das im bz-Interview.

Herr Büttiker, was ist so schlimm an den Plakaten, die Sie nicht in Ihren Trams sehen wollen?

Andreas Büttiker: Wir transportieren täglich 140 000 Fahrgäste aus allen Bevölkerungsschichten, darunter viele Kinder und ältere Personen. Wir hatten den Eindruck, dass gewisse Personen die Plakate kritisch betrachten oder sogar anstössig finden könnten. Wir haben zum Beispiel zahlreiche Eltern, die ihre Kinder mit dem Bus zur Schule fahren lassen und sich beim Anblick der Plakate unwohl fühlen könnten. Solche Gefühle muss man respektieren. Auf dem Stimmungsbarometer der Zeitung «20 Minuten» sind rund 50 Prozent der Leser der Meinung, dass wir richtig gehandelt haben. Das zeigt: Mit unserer Einschätzung liegen wir nicht ganz falsch.

Wer hat den Entscheid gefällt, Sie persönlich?

Im Vertrag mit der Allgemeinen Plakat-Gesellschaft (APG), die für die BLT die Werbung akquiriert, steht, dass wir unter anderem auf Polemik, Sexismus, politische Werbung und Werbung für Alkohol und Tabak verzichten. Als die Anyway-Anfrage kam, hat uns die APG auf die Kampagne aufmerksam gemacht und zur Beurteilung unterbreitet. Das ist so üblich und passiert ungefähr vier bis fünf Mal pro Jahr. Daraufhin fällten unser Marketingleiter und ich gemeinsam den Entscheid, auf die vier Plakate zu verzichten. Ich möchte aber die Grundhaltung der BLT in dieser Sache betonen: Grundsätzlich ermöglichen wir die Kampagne des Jugendtreffs Anyway mit acht anderen Sujets.

Sie sind aktiv in einer Kirchgemeinde engagiert. Spielte das eine Rolle beim Entscheid, auf die Ihrer Meinung nach heiklen Plakate zu verzichten?

Es stimmt, ich glaube an Gott und bin gläubiger Christ. Aber ich muss als Geschäftsführer der BLT von meinem Glauben abstrahieren können. Deshalb hat unser Entscheid mit meiner persönlichen Grundhaltung nichts zu tun. Und auch als Christ lasse ich mich nicht in irgendeine Glaubensecke abdrängen. Ich bin nicht in Dogmen gefangen. Der Entscheid ist auch nicht moralisch. Es ging uns einzig und allein um das Wohl unserer Fahrgäste.

Gestern ging im Internet ein kleiner Shitstorm los. Man wirft der BLT Homophobie und Zensur vor. Wie gehen Sie damit um?

Mit unserem Entscheid bieten wir uns als Projektionsfläche an. Man wirft uns Intoleranz vor, um sich daran zu enervieren. Da werden uns Sachen unterstellt, die nichts mit uns zu tun haben. Wir werden von gewissen Gruppierungen instrumentalisiert, und ich bin überzeugt: Das hat System. Aber bei der BLT wird geführt und es werden Entscheide gefällt. Wir tragen schliesslich eine Verantwortung dafür, was in unseren Bussen und Trams passiert.

Die Schwulenorganisation Pink Cross hat für nächste Woche zu einem öffentlichen Kiss In in BLT-Trams aufgerufen. Stört sie das?

(lacht) Ich freue mich über alle Fahrgäste, die mit einem gültigen Billett unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

Die meisten BLT-Fahrgäste dürften die küssenden Paare trotz Ihres Verzichts zu Gesicht kriegen, denn die BVB hängen alle Anyway-Plakate auf. Hätten Sie sich mit den BVB besser koordinieren sollen?

Wir kämen nirgends hin, wenn wir jetzt auch noch solche Details absprechen müssten. Wir koordinieren die wichtigen strategischen und operativen Aufgaben, aber nicht solche Themen.

Geschieht es oft, dass Fahrgäste sich über Plakate in Ihren Fahrzeugen beklagen?

Das gibt es hin und wieder mal, aber es hält sich in einem vernünftigen Rahmen. Sobald etwas politisch sein könnte, kommt schnell der Vorwurf, die BLT ergreife für die eine oder andere Seite Partei. Zu reden gibt auch immer wieder sexistische Werbung.