Comeback
Bobpilotin Sabina Hafner: «Sie nennen mich Granny, die Affen!»

Nach mehrjähriger Pause mischt die 32-jährige Liestaler Bobpilotin wieder an der Spitze mit. Ihr Ziel sind die Olympischen Winterspiele 2018.

Simon Tschopp
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Sabina Hafner und Eveline Rebsamen rasen im gestrigen Training den St.Moritzer Eiskanal hinunter.

Sabina Hafner und Eveline Rebsamen rasen im gestrigen Training den St.Moritzer Eiskanal hinunter.

KEYSTONE

Nach der Saison 2011/12 hatte sie die Nase gestrichen voll. Bis dahin feierte Sabina Hafner grosse Erfolge als Bobpilotin: dreimal Junioren-Weltmeisterin, einmal Silber an Europameisterschaften, fünf Schweizermeistertitel. Dazu nahm sie an Weltmeisterschaften sowie an vielen Weltcup- und Europacup-Rennen teil. Zweimal startete die heute 32-Jährige an Olympischen Spielen. 2006 in Turin wurde sie Zehnte, vier Jahre später in Vancouver Zwölfte – für Hafner eine Enttäuschung.

Noch eine Rechnung offen

«Zweimal Riesenfrust, das waren die schlechtesten Saisonresultate. Mit Olympia habe ich noch eine Rechnung offen», sagt Sabina Hafner mit knirschenden Zähnen. Das ist einer der Gründe, weshalb es die Liestalerin im Bobrun noch einmal wissen will. In gut einem Jahr finden wieder Olympische Spiele statt, im südkoreanischen Pyeongchang, wo sie durchstarten will.

«Ich geniesse den Weg nach Südkorea und werde dort genau das machen, was ich immer im Weltcup tue, was ich geübt habe», sagt die Bobfahrerin. Sie werde nicht nochmals probieren, die Welt neu zu erfinden. Auch der Verband müsse mitziehen, «denn in Turin und Vancouver wollte er immer noch ein Brikett drauflegen, und das ging schief».

Die ersten Rennen auf dem Weg zu ihrem grossen Ziel hat die Baselbieterin hinter sich. In bisher fünf Europacup-Einsätzen schauten je zwei Siege und dritte Plätze heraus, im ersten Wettkampf klassierte sie sich im fünften Rang. Nach mehrjähriger Rennabstinenz fährt Sabina Hafner gleich wieder vorne mit. Wie geht das? «Ich profitiere von meiner reichen Erfahrung», erklärt Hafner ihre jüngsten Erfolge, «und ich habe super Material, einen Bob vom Team des Piloten Billi Meyerhans.» Dies sei zwar nicht billig, doch wenn sie sich schon erneut in ein solches Abenteuer stürze, dann gerade richtig. Verbesserungspotenzial macht die Powerfrau im athletischen Bereich aus. «Am Start müssen wir schneller werden, auch beim Material, vor allem bei der Kufenwahl, liegt noch etwas drin.»

Die Liestalerin kann zwar auf keine grossen Sponsoren zählen, dafür auf zahlreiche Gönner. Viele davon haben eine Firma im Hintergrund, wollen aber keine Gegenleistung. «Das ist toll», freut sich Hafner.

Erster Ernstfall

Heute ist für die 32-Jährige der «erste Ernstfall»: In St. Moritz steht für sie das erste Weltcup-Rennen dieser Saison an. Aus ihrem Team mit fünf Starterinnen hilft heute Eveline Rebsamen den Schlitten anstossen. «Sie ist Hürdensprinterin und bringt viel Schwung mit. Mit ihr habe ich im Europacup schon einmal gewonnen», nennt die Baselbieterin die Vorzüge Rebsamens. Geht Sabina Hafners Fahrplan auf, sollte sie in St. Moritz in die Top Ten fahren – wie sie das in früheren Jahren schon mehrmals geschafft hat. Mit Rebsamens Zwillingsschwester Rahel errang Hafner Anfang Jahr an den Schweizer Meisterschaften ihren sechsten Titel.

Sabina Hafner hat während ihrer ersten Karriere als Bobpilotin stets über ihr zu geringes Körpergewicht geklagt. Dieses Problem ist nun behoben. Zwar sei sie mit 1,67 Metern minim kleiner als vor Jahren, dafür habe sie von 59 auf 66 Kilogramm zugelegt. Ihre Starterinnen bringen zwischen 73 und 81 Kilo auf die Waage. «Nun sind wir perfekt im Gewicht», ist Hafner überzeugt, die mit ihren 32 Jahren die Älteste im Bobsport ist. «Deshalb nennen sie mich Granny, die Affen!», meint sie mit Augenzwinkern. Alter und Routine sind jedoch Sabina Hafners Vorteil. «Ich bin reifer geworden und die Chefin. Ich kommuniziere klar, wer Rennen fährt, und erkläre, weshalb. Dies ist wichtig für die Athletinnen.» Deshalb sei die Stimmung in ihrem Team angenehm.

Bei der Arbeit fehlt sie fünf Monate

Nachdem Sabina Hafner vor fünf Jahren den Bobsport erstmals an den berühmten Nagel gehängt hatte, raste sie eine Saison lang im Skeleton die Eiskanäle hinunter. Doch von ihrem persönlichen Umfeld spürte sie zu wenig Support. So wurde Skeleton bloss zu einem kurzen Intermezzo. Danach nahm die gelernte Elektronikerin ein Studium in Elektrotechnik an der Fachhochschule Winterthur auf. Weil sie dieses in Teilzeit absolvierte, benötigte sie dafür umso länger. «Nur studieren ist nichts für mich.» Nun ist sie an der Bachelor-Arbeit.

Mit einem 40-Prozent-Pensum ist Hafner beim Institut an der Fachhochschule angestellt. Der Arbeitgeber trug dazu bei, dass sie nochmals zu den Seilen im Bobcockpit griff. «Er sagte, ich könne als Ingenieurin arbeiten. Und es sei kein Problem, wenn ich im Winter fünf Monate fehle. Wow! Wo gibts das schon?», schwärmt Sabina Hafner.

Wieder selbstsicherer werden

Die frühere Sprinterin und Hürdenläuferin spielte während ihrer Bob-Auszeit auch Fussball – in einem Drittliga-Frauenteam. Der Körperkontakt sei sehr herausfordernd gewesen, das habe ihr Mühe bereitet. «In der Leichtathletik und im Bobsport hast du deine Bahn, es kommt dir niemand in die Quere. Und plötzlich hauen dich so Weiber um, obwohl es gar keinen Grund dazu gibt», berichtet Sabina Hafner über ihre Fussball-Erlebnisse.

Die Bobsportlerin muss fürs Ziel Olympia wieder selbstsicherer werden. Sie schaue, statt auf sich zu fokussieren, zu viel nach rechts und nach links und beobachte, was ihre Konkurrentinnen tun würden. «Das muss bessern bis in einem Jahr.» Um für die Olympischen Spiele gut vorbereitet zu sein, verzichtet Hafner zwischen laufender und nächster Saison auf eine Trainingspause. Sie ist überzeugt: «Weil ich so spät in diese Saison eingestiegen bin, brauche ich eine längere Aufbauphase. Und nach fünf Jahren wettkampffreier Zeit ist mein Körper ohnehin erholt.»