Pratteln
Boom-Town mit zwei Gesichtern

Pratteln hat den Ruf der rauen Industrie-Gemeinde. Dabei wandelt sich der Vorort wie kaum ein zweiter.

Benjamin Wieland
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Blick vom Hagebächli: Dieses Panorama bekommen die Hunderttausenden, die täglich an Pratteln vorbei fahren, leider kaum je zu Gesicht.

Blick vom Hagebächli: Dieses Panorama bekommen die Hunderttausenden, die täglich an Pratteln vorbei fahren, leider kaum je zu Gesicht.

Nicole Nars-Zimmer

Manchmal erfasst eine Anekdote die Seele eines Orts. Etwa diese:

«Wir Muttenzer Schüler schrien denen aus Pratteln, die zeitweise zu uns zur Schule kamen, nach, sie kämen aus ‹Prattela›; das Ortsschild von Pratteln trage jetzt wegen der vielen Italiener den Namen ‹Prattela›. Da wurden diese sauer, und wir bekamen auf den Ranzen.»*

Wann sich diese Neckereien zugetragen haben sollen, ist nicht überliefert. Das macht aber nichts, denn die Motive sind beinahe zeitlos für Pratteln: Die ewige Rivalität zur Nachbargemeinde Muttenz, die Prägung als Industriegemeinde mit hohem Ausländeranteil, der Ruf als hartes Pflaster.

Dabei hat es Pratteln doppelt schwer. Der idyllische Dorfkern und die grünen Hügel liegen weitab vom Bahnhof, von der Autobahn und vom Tram. Das heisst: An Pratteln kommt man kaum vorbei, aber das, was man sieht, verlockt nicht zum Verweilen – ausser, man sucht gezielt eines der vielen Einkaufs- und Möbelzentren auf, etwa die Ikea. Es ist aber nur die eine Seite von Pratteln, welche die hunderttausenden von Durchreisenden Tag für Tag zu Gesicht bekommen: die Industrielle, gewerbliche, dicht überbaute oder brach liegende, wenig einladende. Buchstäblich links liegen gelassen werden der Schmittiplatz, der Jörin-Park, die alten Bauernhäuser, der Rebberg, die beiden Kirchen – und vor allem das Schloss, das bis 1773 von einem Wassergraben umgeben war.

Ausgerechnet Pratteln ist nun die Boom-Town im Baselbiet. Noch 2011 bezog Pratteln eineinhalb Millionen Franken vom horizontalen Finanzausgleich. Heute zahlt die Gemeinde fast sechs Millionen Franken in den Topf ein. Die Bevölkerung wächst, kürzlich wurde die 16 000-Einwohner-Schwelle überschritten. Ausser Allschwil und Münchenstein wies in den letzten Jahren im Baselbiet kaum eine andere Gemeinde ein derart starke wirtschaftliche Dynamik auf.

Das prägt auch das Ortsbild. Symbole der Entwicklung sind das neue Coop-Verteilzentrum entlang der Autobahn, vor allem aber die drei neuen Hochhäuser: Der Aquila am Bahnhof (66 Meter), der Helvetia-Tower (75 Meter) wenige hundert Meter weiter östlich, ebenfalls entlang der Bahngeleise; dann in der Nähe der A2 der Ceres-Tower. Mit 82 Metern wird der Turm, der sich im Rohbau befindet, dereinst das höchste Gebäude sein im Kanton.

Bekenntnis zur eigenen Geschichte

Mit den drei Hochhäusern setzt das ehemalige Bauerndorf ein mutiges Statement: Wir sind Stadt, wir stehen zu unserer Geschichte. Das zeigt stellvertretend der Aquila-Turm. Mit seiner metallenen Fassade verweist er auf die industrielle Vergangenheit Prattelns. Die feuerverzinkten Platten kann man als Anspielung auf die Eisenbahn lesen. Somit erhalte das Metall, sagt Architekt Christoph Gantenbein, «eine zusätzliche Bedeutung».

Apropos Bedeutung: Ein Blick auf die Entstehung des Dorfnamens zeigt, dass «Prattela» gar nicht so falsch wäre. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Pratteln 1103 als Dinghof des Klosters St. Alban in Basel. Name: Bratello. Bratello wiederum soll von lateinisch Bratellum herrühren, eine Zusammenführung von Pratis lata = breite, weitläufige Wiesen oder Pratellum = kleine Wiese. Laut der Prattler Chronik von 2003 erinnert der Ortsname an die römische Vergangenheit des Dorfes, zusammen mit Augst, das auf die 44 vor Christus gegründete Augusta Raurica zurückgeht. So schliesst sich also der Kreis von den Römern zu den italienischen Einwanderern in der Nachkriegszeit.

*aus «Müschterli us em Baselbiet». Eduard Strübin und Paul Suter. Liestal, 1980.