Broschüre
Wenn aus lustig lästig wird: Baselbiet will Jugendliche für sexuelle Belästigung sensibilisieren

Was gilt noch als Flirt, wo beginnt Belästigung und wo kann man sich vertraulich Hilfe suchen? Die Fachstelle für Gleichstellung BL verteilt eine neue Broschüre an Jugendliche.

Kelly Spielmann
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«Lustig, lästig, Stopp»: So sieht die neu gestaltete Broschüre aus.

«Lustig, lästig, Stopp»: So sieht die neu gestaltete Broschüre aus.

zVg

«Flirten macht Spass. Anmache kann lästig sein.» So steht es in der neu aufgelegten Broschüre gegen sexuelle Belästigung von Gleichstellung BL und der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion. Sie soll helfen, die Grenzen zwischen lustig und lästig zu erkennen – und was man tun kann, wenn man von sexueller Belästigung betroffen ist.

«Sexuelle Belästigung kann Betroffenen psychisch und physisch schwer zusetzen»,

sagt Bettina Schucan, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Gleichstellung BL. Sie höre oft von Opfern, die wochenlang weinen, unter der Belastung leiden oder sich zurückziehen. Teilweise sogar aus dem Job. «Dabei wäre es so wichtig, dass sie sich wehren.» Weshalb das viele nicht tun? Man kennt die Erniedrigung von früheren Belästigungen, hinterfragt die Mechanismen nicht. Gerade für Jugendliche sei es schwierig, Vorfälle einzuordnen und zu melden.

Damit aus Belästigung nicht Gewalt wird

Sexuelle Belästigung könne ausserdem Vorläuferin sexueller Gewalt sein. Umso wichtiger sei es, dass Jugendliche bereits früh auf das Phänomen aufmerksam gemacht werden. Die Broschüre gibt Tipps, wie das möglich ist, und zeigt, wer vertraulich Hilfe anbietet – per Telefon, online oder persönlich.

Für Baselland gibt es keine Zahlen, aber schweizweit seien junge Menschen am häufigsten mit unangemessenem Anstarren, unerwünschten Berührungen und sexuell suggestiven oder aufdringlichen Kommentaren konfrontiert. In Zürich wurde festgestellt, dass mehr als ein Viertel der 16- bis 25-Jährigen regelmässig belästigt werden – aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. «Diese Erkenntnisse dürften analog auch fürs Baselbiet gelten», fasst Schucan zusammen.

Auch Männer sind betroffen

Mit der Wiedereröffnung von Restaurants, Bars und Freizeiteinrichtungen sind wieder vermehrt Treffen möglich. «Das bringt sicher freudige Wiedersehen und neue Kontakte mit sich», sagt Schucan, «aber vermutlich auch wieder ein erhöhtes Risiko für sexuelle Belästigung.»

Laut Umfragen kommt es besonders in Bars, Clubs oder im öffentlichen Verkehr zu sexueller Belästigung. Plätze also, die nun wieder zugänglicher und belebter sind. Ein weiterer Ort ist die Strasse. Schucan:

«Auf dem nächtlichen Nachhauseweg stehen Frauen Ängste aus, für die es eigentlich keinen Anlass geben dürfte.»

Das Thema haben auch zwei junge Studentinnen im Kanton Basel-Stadt kürzlich mit ihrem Projekt «Raum für alle» aufgenommen.

Jugendliche nennen weiter das Privatleben, die Schule und den Arbeitsplatz. An letzterem steigt das Risiko für sexuelle Belästigung durch das langsame Ende des Homeoffice ebenfalls wieder an. Eine schweizweite Umfrage von 2019 zeigte: 80 Prozent der jungen Frauen wurden schon sexuell belästigt. Ein Drittel aller Befragten gab an, dass dies schon mindestens einmal im Arbeitsalltag geschehen ist.

Dabei sind nicht nur Frauen betroffen, wie Schucan bestätigt. «Natürlich ist die Broschüre auch für Männer. Denn sie können genauso von sexueller Belästigung betroffen sein.» Die Erhebung von 2019 zeigte auch auf, dass fast jeder zweite junge Mann schon sexuelle Belästigung erfahren hat.

Broschüre wird an Schulen verteilt

Die Broschüre wird ab Herbst an Baselbieter Schulen verteilt – Schülerinnen und Schüler der ersten Klassen der Sekundarschulen, Gymnasien, Fachmittelschulen und Berufsfachschulen erhalten sie. «Idealerweise nicht wortlos, sondern eingebettet in einen Austausch, die Nähe und Distanz oder den Respekt im Umgang untereinander behandelt», so Schucan. Damit mache der Kanton einen weiteren Schritt zur Umsetzung der Istanbul-Konvention: Sie verlangt bessere Prävention sexueller Gewalt.