Pflegegrossfamilie
Buntes Familienleben: Bei den Meiers will das Teilen gelernt sein

Auf sieben eigene Kinder folgten bei Thomas und Katja Meier fünf Pflegekinder. Die «Schweiz am Wochenende» war in Augst zu Besuch bei der buntesten Familie des Baselbiets.

Leif Simonsen
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Thomas und Katja Meier mit drei der fünf Pflegekinder, die allesamt ihre Ämtli haben. Für die Ziegenfütterung ist der siebenjährige Pavel (Mitte) verantwortlich.

Thomas und Katja Meier mit drei der fünf Pflegekinder, die allesamt ihre Ämtli haben. Für die Ziegenfütterung ist der siebenjährige Pavel (Mitte) verantwortlich.

Zur Verfügung gestellt

Hier ist es nicht einfach, die Übersicht zu behalten. Thomas und Katja Meier haben sieben eigene Kinder aus früheren Partnerschaften. Und noch ehe die jüngsten ausgezogen waren, kamen Pflegekinder hinzu. Mittlerweile sind es bereits fünf – und an der Sichelenstrasse in Augst hat es noch Platz für ein weiteres Kind. Mit insgesamt zwölf Kindern, wovon sechs zuhause leben, fällt man in einer eher konservativen Baselbieter Gemeinde auf. Bei einigen Nachbarn zieren Schweizerfahnen die Fassaden. Bei Meiers hängen Banner für die Vollgeldinitiative. Katja Meier sagt: «Ich habe den Eindruck, dass viele im Dorf sich nicht vorstellen können, so wie wir zu leben. Aber ich spüre auch einen grossen Respekt vor dem, was wir machen.»

Dabei legen Meiers darauf wert, keine Exoten zu sein. Sie wollen nicht als Gutmenschen belächelt werden. «Wir sind keine Veganer, nein; nicht mal Vegetarier. Wir sind trotz des grossen Gartens keine Selbstversorger. Und wir sind auch nicht in irgendeiner Form religiös», sagen sie. Nur ein Credo liege ihrem Lebensmodell zugrunde. «Wir sind der Meinung, dass sich die Freude vermehrt, wenn man sie teilt.»

Mädchen mit Suizid-Gedanken

Die Geschichte begann vor zehn Jahren. Das Paar, erst seit einem Jahr liiert, stolperte eher zufällig über das Angebot des Augster Mietshauses in Kantonsbesitz. Für all die Kinder, welche die beiden in die Beziehung mitbrachten, brauchte man Platz. Bei der Besichtigung sagte die gelernte Kinderkrankenschwester und Familientherapeutin zu ihrem Partner: «Wenn wir hier einziehen, dann müssen wir dieses Glück mit anderen Menschen teilen.» Es war absehbar, dass dereinst die Kinder ausziehen würden. Und so öffnete das Paar vor fünf Jahren für das erste Pflegekind die Tore. Für die 12-jährige Lena (alle Namen der Pflegekinder geändert), die in einem «desolaten» Zustand gewesen sei und sich mit Selbstmordgedanken getragen habe, sei es «die letzte Gelegenheit gewesen, noch eine familiäre Bindung einzugehen», sagt Katja Meier. Danach sei das «wunderschöne» Mädchen auf die Spur gekommen. Sie schauspielert heute am Theater Basel auf der Jungen Bühne.

Die familiären Verhältnisse der Pflegekinder waren fast immer schwierig, bisweilen auch prekär. Kurz nach der Ankunft Lenas folgten drei Geschwister. Pavel sprach als Vierjähriger noch kein Wort, als er vor rund drei Jahren einzog. Die Diagnose lautete: Asperger Syndrom; das ist eine leichte Form von Autismus. Heute zeugt davon lediglich sein leicht wippender Gang. Ansonsten hat er zu den Gleichaltrigen aufgeschlossen. Pavels Pflegemutter wirft sonst nicht mit Superlativen um sich, wenn sie den Werdegang ihrer Pflegekinder beschreibt. Beim mittleren der drei Geschwister aber sagt sie, es handle sich «um ein kleines Wunder». Bevor Pavel zu sprechen begann, musste das gefangene Leid aus dem Körper rausgeschrien werden. «Eineinhalb Stunden brüllte er nur», erinnert sie sich. «Wenn die Not gross ist, halte ich die Kinder, damit sie den seelischen Schmerz loswerden können», sagt Katja Meier.

Pavel war von seinem früheren Pflegevater gepeinigt und unter anderem in seinem Bett festgebunden worden. Nicht viele Kinder erinnern sich daran, wie sie sprechen lernten. Pavel tut es. Als ihn der Logopäde nach dem angesprochenen Schrei das nächste Mal sah, behauptete er, es könne nicht der gleiche Junge sein. Heute artikuliert sich der Siebenjährige wie ein Altersgenosse, wenn er über seine Berufsziele spricht. «Am liebsten bin ich in der Werkstatt und will später einmal Häuser bauen – oder Arbeiter sein», sagt er. Seine älteste leibliche Schwester Janina ist seit dem Einzug bei der Familie Meier auch vom Problemkind zur normalen Primarschülerin gereift. Früher konnte sie ihren Frust nicht zügeln, begann unvermittelt zu schreien. «In den vergangenen vier Jahren habe ich in der Schule aber nur zweimal gebrüllt», sagt sie und krallt sich stolz an die Pflegemutter, die sie «Mima» nennt. Zuhause darf sie so viel brüllen, wie sie will.

Keine Konkurrenz zu den Eltern

«Mima» und Pipa»: Es sind bewusst gewählte Namen der Pflegeeltern. «Wir wollen nicht zu den richtigen Eltern in Konkurrenz treten. Aber es muss klar sein, dass wir für die Pflegekinder mehr sind als Kollegen», sagt Thomas Meier. Wer in der Familie zu Gast ist, der merkt schnell: Die Kinder fühlen sich hier wohl. Wie aber geht es den Pflegeeltern? Katja Meier ist 50, ihr Partner Thomas 56 Jahre alt. Andere Eltern zählen in diesem Alter die Tage, bis ihre pubertierenden Kinder ausziehen und sie das Haus für sich haben. Und hier soll nun das Kindergeschrei von vorne beginnen. Mit Kindern, die traumatisiert sind.

Ob sie da nicht dauernd erschöpft sind? Beide schütteln den Kopf. Es seien nicht die Kinder, die sie abends erschöpft ins Bett fallen liessen. «Wir richten ja nicht den ganzen Fokus auf die Kinder, sondern schauen, dass es uns als Eltern und Pflegeeltern gut geht. Geht es den Eltern gut, so sind die Kinder glücklich», sagen sie. Viele Kinder seien sich die Aufmerksamkeit der Eltern gewöhnt und brauchten immer mehr – das wiederum könne die Beziehung der Eltern belasten, sagt Katja Meier, die viele Jahre in der Familien- und Paarbegleitung tätig gewesen ist. «Früher mussten die Kleinen auch auf sich selber aufpassen, wenn die Väter und Mütter die Kartoffeln ernteten. Das ging doch ganz gut.» Wenn die Kinder wie beim Besuch der «Schweiz am Wochenende» an diesem Spätsommernachmittag in den Bäumen hängen, das Meerschweinchengehege putzen oder die Ziegen füttern, dann gäbe das «ein ziemlich treffendes Bild» eines normalen Tags ab.

Ein Selbstläufer ist das Zusammenleben jedoch nicht. Wo so viele Menschen mit so vielen Geschichten aufeinandertreffen, gibt es Reibungspunkte. «Im Kinderzimmer wird bisweilen gestritten, bis die Fetzen fliegen; das ist auch gut so», sagt Katja Meier. Und auch vor den pubertären Stimmungsschwankungen ihrer Kinder und Pflegekinder seien sie nicht gefeit. Doch erleichterten ein paar wenige Regeln das Zusammenleben. Im Erdgeschoss hängt die ausführliche Hausordnung. «Wir erledigen unsere Ämtli geschwind, sauber und konzentriert ohne Murren», heisst es hier etwa. Oder: «Jeden Dienstag bis 22 Uhr Zimmer ‹tip top› putzen und aufräumen.» Auch der Umgang im Familienkreis wird geregelt: Den Eltern sei vorbehalten, die Kindern zu rufen. Wer eine Dummheit begeht, der muss es innerhalb von 24 Stunden erzählen.

Noch lange nicht aufhören

Natürlich muss man darüber hinaus bereit sein, zu teilen. Das kann ein schmerzhafter Lernprozess sein, wie die jüngste Pflegetochter unlängst erfahren musste. Sie bekam von der Grossmutter gleich zwei Etuis geschenkt – ihre um einiges ältere Pflegeschwester hatte gar keines. Die Jüngste rang mit sich, ehe sie sich vom zweiten Etui trennte. «Doch dann hellte sich ihr Gesicht auf. Erstmals in ihrem Leben hatte sie etwas geschenkt. Das erfüllte sie», erinnert sich Katja Meier. Wer in der Augster Pflegegrossfamilie Unterschlupf finden will, muss sich an die Regeln halten. «Ich bin nicht vom Helfersyndrom befallen», sagt Katja Meier. Als Janina probeweise an der Sichelenstrasse wohnte, stellte die Pflegemutter klar: «Du musst folgen und normal in die Schule gehen können – ohne Sonderpädagogen. Sonst bist du in einem Heim besser aufgehoben.»

Wie lange sie Kinder bei sich aufnehmen werden, wissen Katja und Thomas Meier nicht. Die Erziehung könnten sie wohl noch bis ins hohe Alter meistern. «Wir haben sehr viele Freiheiten. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass wir hier nur am Schuften sind.» Mindestens zweimal im Jahr verreisten sie mit der ganzen Familie in die Ferien. Darüber hinaus bekämen sie Unterstützung von einer Putzfrau und einer Sozialpädagogin. Herausfordernd seien indes die vielen Facetten des Jobs. Etwa der Austausch mit den Beiständen der Pflegekinder. Auch der Kontakt zu den leiblichen Eltern könne anstrengend sein. Ans Aufhören denken sie aber nicht – nicht, solange sie das Glück, das sie besitzen, teilen und vermehren können. Und wenn es nur ein Etui ist.