Atomkraft
Bürgermeister schlägt dreimonatige Abschaltung von Fessenheim vor

Max Delmond, Bürgermeister von Folgensbourg und neuer Generalrat des Kantons Huningue, fordert eine breite Debatte und eine Abstimmung über das AKW Fessenheim.

Annette Mahro
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Drei Schweizer Kantone fordern das Aus für das Atomkraftwerk Fessenheim (Archiv)

Drei Schweizer Kantone fordern das Aus für das Atomkraftwerk Fessenheim (Archiv)

Keystone

Seit 2001 ist Max Delmond Bürgermeister von Folgensbourg, das wenige Kilometer von der Schweizer Grenze bei Schönenbuch entfernt liegt. Seit den Wahlen vom 27. März vertritt der 49-Jährige auch die gut 50000 Einwohner des Kantons Huningue. 89 Prozent der Folgensbourger wollten sich von ihrem Maire im Generalrat Haut-Rhin, dem südelsässischen Parlament, vertreten lassen und immer noch 51,4 Prozent der Wähler im Kanton. Dieser sendet 2011 erstmals einen Grünen in den Conseil nach Colmar. Die bz unterhielt sich mit dem neuen Generalrat über das Atomkraftwerk Fessenheim.

Monsieur Delmond, Sie sind unter dem Banner der Ecologistes in den Conseil Général gewählt worden.

Max Delmond: Nein, unter Cap21, das ist eine Partei, die nicht nur Themen aus dem Ökobereich vertritt. Es geht auch um eine partizipative Demokratie, in der alle Bürger Mitspracherecht haben. Natürlich geht es bei Cap21, das die frühere französische Umweltministerin und heutige Europa-Abgeordnete Corinne Lepage gegründet hat, auch immer um Ökologie. Der Mensch in der Gesellschaft und in seiner Umwelt ist aber das Zentrale in unserer politischen Vision. Ich denke, es kann in der Politik im 21. Jahrhundert nicht mehr um Blöcke denken, links gegen rechts oder umgekehrt. Wenn wir etwa Fessenheim nehmen, da gibt es gemässigte Rechte, die das zum Thema machen wollen, aber auch den linken Flügel der Grünen.

Im Conseil Général reichen Sie am kommenden Donnerstag eine Motion zum AKW Fessenheim ein. Worum geht es Ihnen darin?

Zuerst muss einmal klar sein, dass sich die Menschen Fragen stellen und zwar alle und jeden Tag und wissen wollen, was weiter geschieht mit Fessenheim. Im Elsass liest man die deutschen und die Schweizer Zeitungen. Wir wissen, dass es ein altes Kraftwerk ist, in einem Erdbebengebiet liegt und dass es durch den höher gelegenen Canal d’Alsace ein Hochwasserrisiko gibt. Was wir also zuerst brauchen, ist eine echte öffentliche Auseinandersetzung über die Zukunft von Fessenheim.

Wie könnte die aussehen?

Ich schlage als Erstes eine dreimonatige Abschaltung vor. In dieser Zeit gibt es eine Inspektion mit Beteiligten aus der Zivilgesellschaft, beispielsweise aus den drei Ländern, die auch offen ist für Menschen, die nicht grundsätzlich Atomkraftbefürworter sind. Vom Ausgang jeder Diskussion abgesehen steht ja ohnehin fest, dass Fessenheim irgendwann abgebrochen wird, auch wenn man das immer wieder verschiebt. Im Bezug auf die weitere Laufzeit muss man sich doch auch fragen. Ist das überhaupt ökonomisch vertretbar, ist es wirklich sinnvoll, noch weiter in den Meiler zu investieren? Da bin ich mir nämlich nicht so sicher.

Die Eigentümerin EDF hat ja bereits verlauten lassen, wenn Fessenheim abgebrochen wird, baue man ein neues AKW an dieselbe Stelle.

Es gäbe ja auch die Möglichkeit, etwas anderes zu bauen. Es gibt den Platz und die Infrastruktur, also ein Netz, um die Energie weiterzuleiten. Warum bauen wir nicht etwas Umweltverträgliches, etwas, das mit erneuerbaren Energien arbeitet. Als Elsässer stelle ich Frankreich die Frage: Ihr habt aus dem Haut-Rhin eine Pionierregion in Sachen Kernenergie gemacht, damals war das ja eine neue Energie und Fessenheim war der erste französische Standort. Warum werden wir jetzt nicht Pioniere in Sachen erneuerbare Energien? Warum richten wir hier keinen Forschungsstandort ein für diesen Sektor?

Haben Sie Vorstellungen, was als Neues gebaut werden könnte?

Die Tür ist offen für alle, die Ideen haben. Vielleicht wäre etwas in Sachen Solarenergie denkbar oder Biogas. Es muss eine Diskussion geben. Heute haben wir Fessenheim. Wollen wir es behalten oder abschalten? Da geht es ja auch um Arbeitsplätze, um wirtschaftliche Fragen. Ich bin für Wirtschaftswachstum, aber es muss nachhaltig sein. Meiner Meinung nach müssen wir Fessenheim sowohl aus ökonomischen als auch aus ökologischen Gründen abschalten. Aber das ist meine persönliche Meinung. Ich würde sagen, wir brauchen ein Referendum. Wenn die Mehrheit sagt, wir wollen die Anlage behalten – also gut, dann wäre das so entschieden. Das ist meine Vision einer Politik im 21. Jahrhundert, da können nicht mehr einige wenige für Hunderttausende entscheiden.

Was denken Sie: Wie ist die Meinung der Mehrheit im Elsass?

Ich glaube, die Leute denken heute nach, sie sind eher gegen die Atomenergie. Aber als Erstes muss man sie offen informieren.