Universitätsspital Liestal
Chefarzt Jörg Leuppi: «Wir müssen forschen, sonst droht der Stillstand»

Der 49-jährige Chefarzt der Medizinischen Universitätsklinik in Liestal, Jörg Leuppi, spricht über seine neue Stelle an der Universitätsklinik in Liestal und die kantonalen Herausforderungen und die Probleme des Gesundheitswesens.

Leif Simonsen
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«Grundsätzlich ist die Geschwindigkeit die grösste Veränderung. Die Abläufe wurden optimiert, die Diagnosen werden heute schneller gestellt.»

«Grundsätzlich ist die Geschwindigkeit die grösste Veränderung. Die Abläufe wurden optimiert, die Diagnosen werden heute schneller gestellt.»

Herr Leuppi, Sie sind seit etwas über 100 Tagen im Amt als Chefarzt der Medizinischen Universitätsklinik des Kantonsspitals Baselland in Liestal. Hat sich der Wechsel vom Unispital Basel in die «Provinz» gelohnt?

Jörg Leuppi: Es weht ein guter Geist hier und die Medizin ist hochprofessionell. Das habe ich nicht erwartet, nachdem viele die Stirn runzelten und mich fragten, ob ich tatsächlich nach Liestal will. Wir können vielmehr mit der internationalen Spitzenmedizin mithalten. Ich bin begeistert.

Wie muss man sich Ihr Aufgabenfeld vorstellen? Arbeiten Sie noch mit Patienten oder sind Sie nur noch Manager?

Ich habe viele verschiedene Aufgabenbereiche. Erstens bin ich Mediziner und betreue Patienten direkt zusammen mit einer Assistenzärztin auf der Privatstation. Ich gehe mehrmals wöchentlich mit auf Chefvisite und sehe hier viele Patienten. Diese klinische Aktivität ist wichtig, sonst weiss ich nicht mehr, wovon ich spreche. Darüber hinaus gehören natürlich Manager-Aufgaben - etwa Mitarbeitergespräche und die Zusammenarbeit mit der Spitalverwaltung.

Wie positionieren Sie das Kantonsspital auf der akademischen Landkarte?

Wir müssen uns als Unistandort an der Ausbildung von Studenten beteiligen; das bedeutet unter anderem die Weiterbildung von Assistenzärzten zu Fachärzten sowie die Fortbildung von Ärzten. Dann gibt es die universitäre Forschung, wo ich einen Fokus auf die klinische Forschung und Epidemiologie lege. Konkret läuft derzeit ein Projekt mit ETH-Sportstudentinnen, in dem wir das Bewegungsausmass in den verschiedenen Berufsgruppen unter die Lupe nehmen, um anzuschauen, wie arbeitsfähig der Mensch ist. Daneben betreuen wir schon viele Jahre eine Studie, in dem wir Patienten mit chronischer Bronchitis oder Raucherlunge beobachten. Hier geht es darum, zu erkennen, welcher Patient plötzlich Verschlechterungen aufweist. Und dann gibt es auch Arbeiten innerhalb der Klinik: Soeben konnten wir nachweisen, dass bei einer akuten Verschlechterung der Obstruktiven Raucherbronchitis mit viel geringeren Cortison-Dosen der gleiche Effekt erreicht wird wie bis anhin. Hier wird Wissen erarbeitet, das für die ganze Welt relevant ist.

Diese Forschung ist gewiss von hoher Qualität. Aber ist die universitäre Forschung für den Kanton Baselland wichtig oder könnte man das nicht dem Basler Unispital überlassen?

Ein grosser Teil der universitären Kliniken ist in Basel; aber die Uni wird ja von beiden Basel getragen. Speziell für die klinische Forschung beziehungsweise Epidemiologie ist Baselland sehr gut geeignet. Wie ich finde, müssen wir uns an der Forschung beteiligen, sonst droht der Stillstand. Wir sind unseren Bewohnern und Patienten schuldig, dass wir nach immer besseren Behandlungsmöglichkeiten streben. Gleichzeitig bin ich an einer standortübergreifenden, multizentrischen Forschung interessiert. Forschungsprojekte sollen nicht nur an unseren drei Standorten Liestal, Bruderholz und Laufen durchgeführt werden, sondern in Zusammenarbeit mit weiteren grossen Kliniken wie Bern oder Basel.

Auf was ich hinaus wollte: Warum legt man nicht das Unispital Basel und das Kantonsspital Baselland zusammen, wenn man schon fast mantramässig von Kooperationen und Zusammenarbeiten spricht?

Ich denke, man könnte es einfacher lösen: Die Spitalleitungen sollten mehr aufeinander zugehen. Wenn wir uns koordinieren, spielt es keine grosse Rolle, ob das Kantonsspital und das Unispital zwei Spitäler oder ein Spital sind.

Seit 2012 gilt in der Schweiz das neue Krankenversicherungsgesetz. Spitäler müssen stets das Budget vor Augen haben und entlassen die Patienten früher. Wie hat sich die Arbeit dadurch geändert?

Grundsätzlich ist die Geschwindigkeit die grösste Veränderung. Die Abläufe wurden optimiert, die Diagnosen werden heute schneller gestellt. Als ich vor über 20 Jahren als Arzt anfing, hatte ich vielleicht 20 Patienten - aber die habe ich bis zu vier Wochen betreut. Heute betreut ein Assistenzarzt vielleicht 12, 14 Patienten, aber die sind nach einer Woche weg. Viel hat auch mit den neuen Erkenntnissen zu tun: Früher band man Patienten mit einer Lungenembolie eine Woche ans Bett und begann erst dann langsam mit der Mobilisierung. Heute wissen wir, dass wir bei diesem Befund den Patienten schnell aus dem Bett holen können. Es ist unheimlich anspruchsvoll, bei dieser organisatorischen Herausforderung Qualität zu bieten - und Zeit für den Patienten zu haben.

Sind die Ärzte überhaupt in der Lage, all diese Pflichten zu erfüllen?

Sie arbeiten sehr, sehr viel. Wir müssen schauen, dass diese Mitarbeiter zufrieden bleiben und ihre Arbeit korrekt entlöhnt wird.

Verspüren Sie finanziellen Druck von Ihren Vorgesetzten, die Patienten früher zu entlassen? Schliesslich wird heute mit Fallkosten abgerechnet - wenn der Patient zu lange bleibt, zahlt das Spital drauf.

Druck verspüre ich nicht von den Vorgesetzten, der ist tatsächlich nur systembedingt. Es kommt aber hinzu, dass die Patienten nicht in erster Linie aufgrund der Finanzen früh entlassen werden, sondern aus Platzgründen. Heute haben wir volle Notfallstationen.

Ab dem 1. Juli hat Baselland einen neuen Gesundheitsdirektor, Thomas Weber. Wo liegen seine grossen Herausforderungen im kantonalen Gesundheitswesen?

Ganz klar in der demografischen Entwicklung. Die Versorgung und Betreuung der Älteren rückt immer mehr in den Fokus. Da muss man sich auch mit neuen Ideen auseinandersetzen. Ist das Altersheim heute noch zeitgemäss oder sollte man nicht vermehrt auf gemeinsames Wohnen setzen? Das sind sozialpolitische Überlegungen, die man machen muss. Denn wenn die Betreuung zu Hause nicht mehr gewährleistet ist, dann staut sich das Problem zurück in die Spitäler, was wiederum sehr teuer wird.

Reichen die Subventionen für die gemeinwirtschaftlichen Leistungen?

Sicher ist, dass die Weiterbildungsbeiträge für die Assistenzärzte nicht gekürzt werden dürfen. Wenn wir die Versorgung langfristig garantierten wollen, müssen wir genug Studenten zu Fach- und Hausärzten ausbilden.

Der Spital-CEO Heinz Schneider hat die grosszügige Abgeltung gemeinwirtschaftlicher Leistungen in Basel-Stadt kritisiert. Würden Sie auch sagen, dass dies eine Form von Wettbewerbsverzerrung ist?

Über richtig und falsch will ich nicht urteilen. Aber eines ist klar: Wenn Basel-Stadt dem Unispital mehr Geld gibt, dann verschafft das den Baslern einen Vorteil. In Baselland haben wir diese Möglichkeiten eben nicht; aber darüber will ich nicht klagen.

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