Chemie-Unfall
Chemieunfall bei Schweizerhalle: Personen aus Spital entlassen

Am Dienstag kurz vor Mittag kam es im Novartis-Werk Schweizerhalle zu einem Chemie-Unfall. Eine ätzende Flüssigkeit trat aus. Von den sechs ins Spital eingelieferten Personen konnten mittlerweile alle wieder nach Hause.

Benjamin Wieland
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Der Unfall ereignete sich im vierten Stock des Produktionsgebäudes WSH-2060 von Novartis.
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Vom Unfall sind von aussen keinerlei Spuren zu sehen.
Die Werksfeuerwehr war innert Minuten vor Ort.
Johnson Controls, die Betriebsfeuerwehr, hat im Gebäude und in der Umgebung Messungen vorgenommen. Die Grenzwerte wurden laut Feuerwehr nicht überschritten.
Unfall Schweizerhalle

Der Unfall ereignete sich im vierten Stock des Produktionsgebäudes WSH-2060 von Novartis.

Benjamin Wieland

Am Dienstag um 11.40 Uhr traten in einem Pharma-Produktionsbetrieb der Novartis AG «einige wenige Liter einer ätzenden Flüssigkeit aus», wie die Polizei Baselland schreibt. Es sei zu einer Reaktion gekommen, aus welcher Gas entstand. Dieses führte zu Reizungen der Schleimhäute und starkem Hustenreiz.

Sechs Personen mussten ins Spital eingeliefert werden. Alle konnten dieses in der Zwischenzeit wieder beschwerdefrei verlassen. Fünf der eingelieferten Personen arbeiten für eine externe Reinigungsfirma, eine Person ist bei Novartis angestellt. Sieben weitere Personen wurden vor Ort medizinisch betreut. Für Personen ausserhalb des Geländes bestand keine Gefahr. Laut Polizei-Baselland handelte es sich bei der ausgetretenen Flüssigkeit um Thionylchlorid. Diese Substanz wird bei der Herstellung von pharmazeutischen Wirkstoffen eingesetzt.

Stockwerk evakuiert

Als erste Rettungseinheit war die Werksfeuerwehr Johnson Controls vor Ort. Sie rückte mit sechs Mann mit Atemschutzgeräten aus und evakuierte das gesamte Stockwerk des betroffenen Gebäudes. Johnson Controls-Mitarbeiter nahmen danach auch Luftmessungen im Gebäude und in der Umwelt vor. Dabei seien keine Grenzwerte übertreten worden, bestätigte der anwesende Kommandant der Johnson Controls-Werkfeuerwehr Roland Schneitter.

Novartis war mit mehreren Mediensprechern vor Ort. Diese durften jedoch nicht selbständig Auskunft erteilen. Diese Aufgabe obliegt bei Unfällen mit chemischen Substanzen dem Kanton Baselland. Die kantonale Störfallverordnung sieht das so vor.

Keine sichtbaren Schäden

Beim betroffenen Gebäude waren von Aussen keinerlei Schäden sichtbar. Bereits wenige Stunden nach dem Vorfall war die kurzzeitig unterbrochene Produktion laut Novartis wieder in Betrieb. Das Gebäude wurde dafür entlüftet.

Im Einsatz stand neben Johnson Controls und der Kantonspolizei auch Sanitätsfahrzeuge des Universitätsspitals Basel und des Kantonsspitals Liestal. Es wurde keine Bezirks- oder Berufsfeuerwehr aufgeboten. Die Ursachenabklärung (Spurensicherung) der Staatsanwaltschaft und der Kriminaltechnik laufen an. Bis dato wird von einer technischen Ursache oder von menschlichem Versagen ausgegangen.

Thionylchlorid ist eine farblose Flüssigkeit. Sie reagiert heftig mit Wasser und Basen sowie mit einigen Alkoholen.

Umweltkatastrophe Schweizerhalle: Der Rhein war blutrot verfärbt

Die Menschen gingen mit Gasmasken durch die Strassen, es stank nach verfaultem Kohl und der Rhein war rot verfärbt: Was an jenem Samstag, dem 1. November 1986, in Schweizerhalle geschah, nannten ausländische Medien die schlimmste Umweltkatastrophe des Jahrzehnts in Westeuropa. 19 Minuten nach Mitternacht hatten eine Polizeipatrouille und ein Angehöriger des Werkschutzes der Sandoz AG Flammen in der Lagerhalle 956 entdeckt. Darauf gab es erste Explosionen.
In der Lagerhalle der damaligen Firma Sandoz waren Fässer gelagert, die Insektizide und Unkrautvertilger enthielten. Die Fässer standen auf Paletten und waren mit Plastikplanen umwickelt. Ein Untersuchungsbericht kam später zum Schluss, dass beim Umgang mit diesen Plastikplanen falsche Handhabung zu einem Glutherd führte und die Explosionen verursachte.

220 Tonnen tote Aale

In den folgenden Stunden verbrannten 1350 Tonnen Chemikalien. Eine stinkende Wolke lag über der Stadt Basel. Der Chemiealarm wurde ausgerufen, die Behörden ermahnten die Bevölkerung, die Fenster zu schliessen. 200 Feuerwehrleute kämpften gegen den Brand, aber keine der ansässigen Firmen besass Becken zum Rückhalten des Löschwassers. Dieses wurde in den Rhein geleitet - mit der Folge, dass bis nach Amsterdam die Fische starben. 220 Tonnen tote Aale wurden aus dem Rhein gefischt.
In der Folge wurden bei Schweizerhalle Rückhaltebecken gebaut. Sandoz, 1996 mit Ciba-Geigy zu Novartis fusioniert, leistete Schadenersatzzahlungen und finanzierte Projekte zur Verbesserung der Wasserqualität des Rheins. Heute wäre eine Katastrophe dieses Ausmasses vermutlich nicht mehr möglich. (hug)