Virus
Corona und fünf Baselbieter Vereine: Wie wirkt sich die Pandemie auf sie aus?

Die Gastronomie verhungert am ausgestreckten Arm, der Tourismus verkriecht sich im Schneckenhaus, die Kultur pfeift schon bald aus dem letzten Loch – fast alle Berufsfelder leiden seit Monaten unter Corona. Aber auch der Ausgleich zum Arbeitsalltag, den viele in der regelmässigen Ausübung eines Hobbys finden, fehlt. Wie sich die Pandemie auf das Vereinsleben auswirkt und wie die verschiedenen Vereine damit umgehen, darüber berichten ein Sportchef und vier Vereinspräsidenten aus dem Baselbiet.

Eva Oberli
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Keine Musik beim Musikverein Niederdorf...
...und Hörproben beim Jodlerclub Farnsburg Gelterkinden.
Der Wasserfahrverein Muttenz plant bereits für das laufende Jahr.
Schützenverein Niederdorf-Lampenberg: Nur wenige Schiessanlässe wurden durchgeführt.

Zur Verfügung gestellt

TV Oberwil, Sektion Unihockey: Kein Training, aus Solidarität

Die Sektion Unihockey, die eine von drei Sektionen im Turnverein Oberwil darstellt, handelt nach dem Prinzip: «Gleiches Recht für Alle». Auch wenn das Training für unter 16-Jährige mit entsprechenden Schutzmassnahmen grundsätzlich erlaubt wäre, werden auf sämtliche Trainings verzichtet. Unter den 199 Aktivmitgliedern im Alter von 6 bis 60 Jahren ist das nicht zuletzt ein Akt der Solidarität. Während das Hallentraining für Erwachsene verboten ist, sollen erwachsene Trainer das Hallentraining der Jüngeren betreuen? Ein Paradox, das ohne Zweifel einen gewissen moralischen Konflikt mit sich brächte. Denn damit würde man nicht zuletzt die ehrenamtlich engagierten Trainer dazu verpflichten, sich unnötigerweise einem gesundheitlichen Risiko auszusetzen.

Mehr als die Hälfte der Trainings der Saison mussten bisher schon ausfallen. Der Vorstand prüft deswegen gegenwärtig die Option, die Jahresgebühren für die Mitglieder zu kürzen, da diese ja Leistungen vergüten, die nicht erbracht werden konnten. Aber wie steht’s um die Teams, die darauf warten, wieder zum Hockeystock zu greifen? «Anders als der Leistungssport ist der Breitensport keinem Leistungsauftrag verpflichtet», erklärt der Sportchef Unihockey Daniel Höin. Deshalb sei es bei ihnen auch nicht wie in der Schule, wo der Ausfall des Präsenzunterrichts mit Homeoffice kompensiert werden müsse. Trotzdem wird den Spielerinnen und Spielern die Möglichkeit geboten, die eigenen Fertigkeiten zuhause zu verfeinern. So finden sich auf der Website des Turnvereins zahlreiche Videos, für einige gibt es gar die Möglichkeit, an einem begleiteten Onlinetraining über Zoom teilzunehmen. Höin schätzt, dass unter 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen das Angebot noch immer aktiv fürs Heimtraining nutzen. Alle warten darauf, wieder in der Halle mit den Teamkameraden zu spielen. Auch ein Konzept für den Wiedereinstieg liegt bereits parat. Wenn der Bundesrat und der Kanton den Startschuss geben, ist der TV Oberwil bereit.

Musikverein Niederdorf: Die Blasinstrumente bleiben stumm

Beim Musikverein Niederdorf (MVN) bleiben die Hörner, Posaunen und Cornets zurzeit stumm. Wie Präsident Thomas Wüthrich auf Anfrage berichtet, ist das Musizieren zurzeit aus diversen Gründen unmöglich. Der Verein, der aktuell 23 Aktivmitglieder zählt, kann aufgrund der verordneten Versammlungsbegrenzung bei Sport und Kultur von maximal fünf Personen nicht im Plenum proben. Das Probelokal selbst ist ebenfalls ein Hindernis, es zählt zu den öffentlichen Räumlichkeiten der Gemeinde Niederdorf, deren Nutzung für Vereine derzeit untersagt ist. Grundsätzlich möglich wäre eine Probe zu fünft, jeweils vier Musikantinnen oder Musikanten mit dem Dirigenten. Ob überhaupt Proben durchgeführt werden sollten, an dieser Stelle driften die Ansichten innerhalb der Gruppe auseinander. Während die einen darauf sinnen, baldmöglichst weiterzumachen, möchten die anderen lieber zuwarten. Sie hoffen auf die Wirksamkeit der Impfung und eine Besserung der Situation.

Was tun gegen die diktiere Flaute? Beim MVN gibt es Ideen für Alternativen, etwa schildert Wüthrich sein noch unkonkretes Vorhaben, alle Mitglieder beim Spielen ihres Instruments zu Hause aufzunehmen und daraus ein Video zu produzieren. Nur, dasselbe sei das eben nicht. Immerhin: Zwei kleine Auftritte im Jahr 2020 konnte der MVN während der zwischenzeitlichen Lockerung im Spätsommer in die Wege leiten und später auch abhalten. So gab es ein kurzes Intermezzo zwischen August und Oktober, in dem der MVN mit dem neuen Dirigenten Patrik Schlumpf musizieren und einige Stücke einstudieren durfte. Diese wurden als Ersatz für den ausgefallenen Musikabend bei einem kleinen Platzkonzert in Niederdorf vorgetragen. In der Adventszeit spielten einige gewillte Mitglieder dann zu einem Weihnachtsbot im Dorf auf.

Wann und wie eine Wiederaufnahme der Proben möglich ist, hängt gänzlich von den Entscheiden der Behörden ab. Wüthrichs Prognose: «Vor Monatswechsel wird’s bestimmt nichts.»

Jodlerklub Farnsburg Gelterkinden: Mitglieder erhalten Hörproben

Bei all dem Frust rund um diesen verlorenen Teil des Soziallebens im Kanton ist es geradezu rührend zu hören, wie manche Leute mit kleinen symbolischen Gesten die Wertschätzung ihrem Verein gegenüber zeigen.

So erzählt beispielsweise Ruedi Hirsbrunner, der Präsident des Jodlerklub Farnsburg Gelterkinden, von einer Aktion im Advent, bei der er zusammen mit seiner Frau Doris, der Dirigentin, selbstgemachte Pralinés in die Briefkästen ihrer 24 Jodler verteilte. Solche «Lebenszeichen» brauche es, denn auch ihre Gesangsstunden sind seit Mitte Oktober und bis auf weiteres zwangspausiert und darüber herrsche natürlich grosses Bedauern. Kontakt per Telefon und Whatsapp und gelegentliche Hausbesuche, um sich auf dem neusten Stand zu halten, finden zwar statt, aber auch hier heisst es: «Ein Ersatz ist das natürlich nie!»

Dirigentin Doris Hirsbrunner war während des ersten Lockdowns auf Zack, ein Ersatzprogramm für die gestrichenen Gesangsstunden zu organisieren. Sie hat die verschiedenen Stimmen für ein kleines Repertoire an Liedern aufgenommen und zum selbstständigen Üben an die Jodler geschickt, darunter auch das geplante Wettlied fürs damals noch nicht endgültig abgesagte Eidgenössische Jodlerfest in Basel. Ein nächstes solches Dossier plant sie für dieses Frühjahr bereits, denn das gemeinsame Singen am Mittwochabend zeitnah wieder aufzunehmen, ist nicht vorgesehen. Obwohl viele Mitglieder wenig Sorge um die eigene Gesundheit haben, fürchten sie doch umso mehr, etwas zu verschleifen und Familienmitglieder oder Nahestehende dadurch zu gefährden.

Nicht nur der Verzicht auf das Singen schmerzt, sondern auch das Wegfallen aller traditionellen, lieb gewonnenen Anlässe. Hirsbrunner erwähnt an dieser Stelle den «Schlusshock», ein wahres Highlight kurz vor Weihnachten, der stets mit viel Vorfreude erwartet wurde.

Wasserfahrverein Muttenz: Abstandhalten ist das kleinste Problem

Während viele Vereine für die Zukunft nur sehr vage planen, setzt der Wasserfahrverein Muttenz (WFVM) auf Optimismus. Seine Website ziert ein vollumfängliches Jahresprogramm für das Jahr 2021. Es wird erwartet, dass einige der Termine nicht stattfinden, davon lässt sich der WFVM aber nicht betrüben. Sie brauchen auch nicht pessimistisch zu sein, denn die Wasserfahrer haben das Glück, einen sehr krisenkonformen Sport zu betreiben. Auf dem Wasser sind sie an der frischen Luft, maximal zu zweit und können den Mindestabstand einhalten. Sofern keine Verschärfungen in Kraft treten, können sie ihre Leidenschaft bald wieder aufnehmen. Der Verein befindet sich derzeit coronaunabhängig in der Winterruhe. Zwischen Oktober und März ist selbstständiges Training angesagt, um sich fit zu halten. «Wir bereiten uns quasi im ruhigen Gewässer vor, bis alles wieder normal wird», sagt Vereinspräsident Daniel Strohmeier.

Das gilt nicht nur für die Wasserfahrer, sondern auch für ihre Schiffe. Der Unterhalt ist eine Riesenarbeit und erfordert den Einsatz aller rund 70 Vereinsmitglieder. Auch deswegen ist der Jahresbeitrag sehr tief, und da 2020 das traditionelle Fischessen, die Haupteinnahmequelle, ausfallen musste, ist der WFVM nun dankbar für die Jahresgebühren und die Hilfe der Mitglieder.

Auch hier hofft man, dass gesellige Stunden bald wieder möglich sind. Strohmeier: «Sport, den man gerne macht, mit Leuten, mit denen man gerne zusammen ist. Darum geht’s!»

Schützenverein Niederdorf-Lampenberg: Das Beisammensein fehlt

Am 18. Dezember beschloss der Bundesrat die Schliessung von Sporteinrichtungen. Davon betroffen sind Indoorlokale wie Schwimmbäder, Fitnessstudios, Turnhallen – aber auch Schiesskeller. Schützen dürfen also in geschlossenen Räumen nicht mehr ihrem Hobby nachgehen, das trifft auch den Schützenverein Niederdorf-Lampenberg. Zwar könnten sie nach draussen in die Schiessanlage, doch im Winter bei eisigen Temperaturen ist ein Freilufttraining auch ohne Pandemie und Schutzmassnahmen nicht besonders einladend.

Die Jahresgebühren für einen Schützen setzten sich aus Abgaben an den Bezirk, den Kanton und den Schweizer Schiesssportverband zusammen, wie der Präsident Markus Gysin erklärt. Diese Beträge sind wie die Lizenzen für alle Distanzen nicht abhängig von der Anzahl besuchter Schützenfeste oder abgehaltener Trainings. Daher werden sie an die aktuelle Lage nicht angepasst – die Mitglieder bezahlen also unabhängig davon, wie oft sie schiessen können. Im vergangenen Jahr machte sich der Einfluss von Corona besonders bei älteren Semestern bemerkbar. Wie Gysin berichtet, erschien bei einem der wenigen durchgeführten Schiessanlässe letzten November nur die Hälfte der erwarteten Schützen.

Lang ersehnte Wiedersehen mit Freunden und Bekannten blieben auf der Strecke, ebenso das anschliessende gemütliche Zusammensitzen bei einem Bier. Das fehle schon, findet Gysin: «Das Kollegiale findet bei diesem Sport im Restaurant statt.»