Bruderholz-Spital
Das Bruderholz-Spital hat keine kohärente Strategie für die Zukunft

Bisher unveröffentlichte Berichte zeigen die Strategielosigkeit bei der Baselbieter Spitalplanung. Die Ideen von Bruderholz-Direktor Heinz Schneider decken sich nicht mit der Analyse von Hamburger Experten, die der Strategie des Spitals ein schlechtes Zeugnis ausstellen.

Aline Wanner und Christian Mensch
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Wenn das Spital selbst zum Notfall wird: Konzeptlosigkeit in der Spitalplanung führen zu Verunsicherung bei Belegschaft und Patienten.

Wenn das Spital selbst zum Notfall wird: Konzeptlosigkeit in der Spitalplanung führen zu Verunsicherung bei Belegschaft und Patienten.

Kenneth Nars

Diese Woche bestätigte das Kantonsspital Baselland, was die «Schweiz am Sonntag» Ende Februar öffentlich machte: Nicole Bürki, Chefärztin der gynäkologischen Abteilung in Liestal, verlässt das Spital. Die Gynäkologie-Stationen der Spitäler Liestal und Bruderholz werden zusammengeführt. Die Leitung des neuen Frauenzentrums übernimmt Bürkis interner Rivale und bisheriger Gynäkologie-Chef des Bruderholzspitals, David Hänggi.

Nur minimale Kommunikation

Spitaldirektor Heinz Schneider sah sich durch den Abgang zu einer Minimalkommunikation gezwungen. Er verschickte die spärliche interne Mitteilung an die Medien, war jedoch für eine Stellungnahme gegenüber der «Schweiz am Sonntag» nicht erreichbar. Dabei ist das Zentrum «Frau und Geburt» einer der wenigen bisher bekannten Eckpunkte von Schneiders Strategie für das Bruderholz-Spital.

Die Gynäkologie-Episode fügt sich nahtlos in das Bild, das Spitaldirektor Schneider in der Öffentlichkeit abgibt: Er kommuniziert nur was und wann es ihm passt. Niemand weiss, ob Schneider über eine nachhaltige Strategie verfügt, das dringend sanierungsbedürftige, vierzigjährige Spital in eine Zukunft zu führen. Das Misstrauen unter den Mitarbeitenden gegenüber der Spitalleitung steigt.

Für die schlechte Stimmung macht Schneider jedoch «falsche Medienberichte» sowie die städtische Gesundheitspolitik verantwortlich. Diese hätten ein Interesse, das Bruderholzspital schlecht zu machen. So jedenfalls argumentierte er an einer FDP-Veranstaltung im Gundeldinger-Casino Anfang März.

Anlass zu neuen Zweifeln bezüglich der Spitalplanung geben zwei bisher unveröffentlichte Berichte. Die Baselbieter Regierung gab sie nach einer Anfrage der «Schweiz am Sonntag» gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz diese Woche zur Einsicht frei. Es handelt sich um die Analysen der Hamburger Firma UKE Consult und Management GmbH (UCM), welche die Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion erstellen liess, bevor die Baselbieter Spitäler Anfang 2012 verselbstständigt wurden.

Der kürzlich verstorbene CVP-Gesundheitsdirektor Peter Zwick hielt die Dokumente konsequent unter Verschluss. Erst Ende 2012, acht Monate nachdem er hatte bekannt geben müssen, dass der Neubau auf dem Bruderholz nicht zu realisieren sei, veröffentlichte Zwick Auszüge aus dem ersten Bericht vom Sommer 2010. Die Regierung hatte diesen in Auftrag gegeben, um das ursprünglich geplante Neubauprojekt auf «Effizienz und Einsparpozentiale» zu überprüfen.

Vernichtendes Fazit aus Hamburg

Das Fazit der Hamburger war vernichtend: Es liege keine «explizite Strategie» bis 2015 vor. Um die zukünftige Leistungsentwicklung mitzugestalten, sei eine Strategie zur Marktpositionierung allerdings zwingende Voraussetzung, heisst es. Die detaillierte Analyse enthält kritische Punkte wie die schlechte räumliche Anordnung der Ambulatorien, der zu hoch kalkulierte Bedarf an Operationssälen oder die übertriebene Ausstattung mit Grossgeräten.

Abhilfe in Bezug auf die Strategielosigkeit bei der Zukunftsplanung sollte eine zweite, bisher komplett unveröffentlichte Analyse der UCM vom Mai 2011 geben. So lautete der Auftrag von Zwicks Direktion, ein «Soll-Konzept 2020 inklusive Plausibilisierung» zu erarbeiten. Dazu gehöre unter anderem die Entwicklung einer «Angebotsstrategie und ein darauf aufbauendes Soll-Raumprogramm». Der 34-seitige Bericht schildert die zu erwartenden Herausforderungen in Bezug auf die demografische Entwicklung und die Einführung der seit Anfang 2012 geltenden Fallkostenpauschalen.

Die Experten betonen in der Analyse die zunehmende Bedeutung der Ambulatorien. Wachstumspotenzial biete ausserdem die Orthopädie, die Akutgeriatrie und die Rehabilitation. Schneiders Problem: Drei Orthopädie-Kader-Ärzte, unter ihnen der ehemalige Chefarzt Niklaus Friedrich, haben das Bruderholz in Richtung Dornach verlassen. Das geplante Geriatriezentrum musste Zwick mit dem Neubau beerdigen. Und die Reha kennt kaum jemand, wie etwa die Baselbieter Gesundheitspolitikerin Pia Fankhauser (SP) moniert.

Für die von Schneider in den Vordergrund gehobene Spezialisierung des Bruderholzspitals auf Fast-Track-Behandlungen und Gynäkologie findet sich in den Expertenberichten jedoch keine Empfehlung. Im Gegenteil: Die ambulante Gynäkologie könne zwar mit einem Zuwachs rechnen, der Bedarf an Betten sinke jedoch um ein Viertel.

Schneider, der ehemalige Direktor des Kantonsspitals Liestal, war 2011 nur an einer der insgesamt sieben Strategiebesprechungen zum Bruderholz mit dabei. Vielleicht ist das der Grund, warum er seine Arbeit nicht auf den vorhandenen Expertisen aufbaut, sondern lieber über irgendwelche anderen Ideen spricht. Wenn überhaupt.