Betreutes Wohnen
Das gibt älteren Leuten Sicherheit

Betreutes Wohnen im Alter: Das Liestaler Modell mit Siedlungsbegleiterin hat sich bewährt und gilt als zukunftsweisend.

Andreas Hirsbrunner
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Siedlungsbegleiterin Christina Stingelin besucht den 94-jährigen Edgar Strub in seiner Alterswohnung in Liestal.

Siedlungsbegleiterin Christina Stingelin besucht den 94-jährigen Edgar Strub in seiner Alterswohnung in Liestal.

Martin Toengi

«Das ist vom Konzept und von der Zeitdauer her einzigartig im Kanton», sagt Gabriele Marty, Leiterin Alter bei der kantonalen Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion, über das Liestaler Modell des betreuten Wohnens im Alter. Die Macher dahinter, die Spitex Regio Liestal und der Gemeinnützige Verein für Alterswohnungen, feiern dieser Tage das zehnjährige Jubiläum ihres Kooperationsmodells – und sie sind zufrieden. Spitex-Leiterin Claudia Aufdereggen sagt: «Das betreute Wohnen ist für uns und die Angehörigen eine Entlastung und eine wunderbare Ergänzung zum Spitex-Angebot.»

Dreh- und Angelpunkt des Modells ist Christina Stingelin (60). Die von der Spitex in einem 40-Prozent-Pensum angestellte Siedlungsbegleiterin steht den 80 Bewohnern der 69 Alterswohnungen des Gemeinnützigen Vereins als Ansprechperson für fast alles zur Verfügung. Und das seit Projektbeginn. Stingelin, ausgebildete Pflegefachfrau, sagt: «Mehr als die Hälfte meiner Arbeitszeit besteht aus Einzelgesprächen.»

Bei neueren Bewohnern geht es dabei in erster Linie darum, eine Vertrauensbasis aufzubauen. Ist die einmal da, kommen die Leute mit ihren alltäglichen Problemen zu Stingelin. Und das sind oft Gesundheitliche. Dazu Aufdereggen: «80 Prozent der Bewohner der Alterswohnungen haben Einschränkungen, sei das beim Sehen, Gehen oder kognitive Schwierigkeiten.» Das hat auch mit dem gestiegenen Alter zu tun: Als das Projekt betreutes Wohnen im Alter vor zehn Jahren startete, betrug das durchschnittliche Eintrittsalter von neuen Alterswohnungs-Mietern 72,5 Jahre; mittlerweile ist dieses auf über 80 Jahre gestiegen.

Fast drei Viertel der Bewohner ziehen eines Tages in ein Pflegheim. Grund dafür ist oft eine fortgeschrittene Demenz. Auch bei diesen nicht immer einfachen Übertritts-Entscheiden wirkt Stingelin beratend mit. Daneben hilft sie bei Fragen zu Patientenverfügungen und Beistandschaften, führt auf Wunsch Gespräche mit Angehörigen, macht Spitalbesuche, vermittelt bei Konflikten, führt kleine Handreichungen aus und organisiert regelmässig Veranstaltungen. Stingelin: «Das Gesellige ist sehr wichtig.»

Stimmung hat sich gebessert

Eine Bewohnerin, die Stingelin seit Beginn erlebt hat, ist Margrit Klein (92). Sie sagt zum Wandel in dieser Zeit: «In unserem Haus herrschte früher keine gute Atmosphäre. Heute ist die Stimmung gut.» Das sehe man auch an der viel höheren Beteiligung an den von Stingelin organisierten und «immer sehr gut vorbereiteten» Hocks.

Daneben gebe Stingelin vielen Leuten Sicherheit, weil man sie bei Problemen anrufen könne. Auch klingle sie bei Leuten, die sie länger nicht gesehen habe, schaue wo nötig für Entlastungen, vermittle und berate. Und Klein ergänzt, dass sie sich selber bei einer «delikaten Angelegenheit» auch schon habe beraten lassen. Ihr Fazit: «Ohne Frau Stingelin würde etwas fehlen hier.» Dabei war der Start harzig. Es habe, so erzählt Klein, «Klamauk» gegeben, weil die Bewohner monatlich 70 Franken an die Kosten der Siedlungsbegleiterin hätten zahlen sollen. Daraufhin hätten sie Unterschriften gesammelt und der Preis sei gesenkt worden.

Allerdings steht jetzt erstmals seit 2011 wieder eine Preiserhöhung an. Laut Peter Schäfer, Präsident des Gemeinnützigen Vereins für Alterswohnungen, prüft der Vorstand derzeit eine Erhöhung des Monatsbeitrags von 50 auf kostendeckende 65 bis 70 Franken. Denn in den letzten Jahren habe der Verein stets das Defizit getragen. Für Schäfer sind die Beiträge Solidaritätszahlungen: «Oft brauchen die Leute die Siedlungsbegleiterin lange nicht, dann aber intensiv.» Die Alterswohnungen kosten übrigens zwischen 900 und 1400 Franken pro Monat.

Später ins Pflegheim

Ob Schäfer, Aufdereggen oder Klein, alle sind sich einig: Betreutes Wohnen funktioniert nur, wenn die Siedlungsbegleiterin nicht häufig wechselt. Andernfalls fehlt das Vertrauen als Basis fürs Gelingen. Stingelin dürfte jedenfalls den Bewohnern der Alterswohnungen noch bis zur Pensionierung erhalten bleiben: «Hier zu arbeiten, war mein bester beruflicher Entscheid.»

Dass Spitex und Gemeinnütziger Verein mit ihrem Modell in Liestal auf dem richtigen Weg sind, bestätigt auch Gabriele Marty vom Kanton: «Begleitetes Wohnen wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen und zu einem wichtigen Standbein werden. Denn es ermöglicht den älteren Menschen, länger in ihren Wohnungen zu bleiben.»