Baselworld
Das grosse Geschacher um die Standplätze

Den Ausstellern an der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld ist etwas gemeinsam: Sie haben gerade gar keine Zeit. Während an der Baselworld Uhren verkauft werden, kämpfen die Aussteller um ihre Standplätze

Michael Heim
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Die neue Messehalle wird auch für die Aussteller Veränderungen bringen. zVg

Die neue Messehalle wird auch für die Aussteller Veränderungen bringen. zVg

Die Kunden sind da. Diese wollen die Neuheiten sehen – und auch gleich ordern. Manche Uhrenfirmen schreiben an der Messe die Hälfte ihres weltweiten Jahresumsatzes. Da ist Zeit Geld.

Dieses Jahr haben die Aussteller noch etwas weniger Zeit. Denn gleichzeitig mit der Messe läuft ein weiterer Handel, der mindestens so wichtig ist wie der Verkauf: jener um die Messe 2013.

Derzeit ruht zwar die Baustelle am Messeplatz, doch nach Ende der aktuellen Baselworld fahren die Bagger wieder auf. In einem Jahr werden die Hallen nicht mehr zu erkennen sein. Und mit ihnen auch die Messe. Man schlage ein neues Buch auf, nicht einfach ein Kapitel, sagt Baselworld-Leiterin Sylvie Ritter grossmundig. Aber sie hat wohl recht.

Erstmals seit 1999 werden die Karten neu gemischt. Die Themenwelten – Uhren, Schmuck, Zubehör, andere Luxusprodukte – werden neu auf die Hallen verteilt. Für die 1815 Aussteller heisst das, dass sie ihren angestammten Standplatz verlieren und sich neu um einen möglichst guten Platz bewerben müssen. Denn eines ändert sich mit dem Umbau nicht: Der Platz an der Uhrenmesse bleibt knapp. Und begehrt.

Bei der Vergabe der Standplätze gilt die klare Hackordnung unter den Ausstellern: Erst werden die ganz grossen Marken bedient, ganz am Ende kommen die kleinen dran.

Firmen wie die Swatch Group, Rolex oder Patek Philippe wurden früh in die Planung der Messeleitung eingebunden. «Schon als man die Pläne der Halle zeichnete, fragte man sich, wen man wo hin platzieren könnte», sagt Ritter. «Wir waren von Anfang an im Gespräch mit den Ausstellern.» So weiss etwa die Swatch Group als grösste Ausstellerin bereits, welchen Platz sie haben wird. Unklar ist lediglich, welche Swatch-Marken (Omega, Tissot, Rado) wie viel davon bekommen. Dieser interne Prozess sei noch im Gange, sagt eine Angestellte der Firma.

Auch die Aussteller in der zweiten Garde sind schon seit langer Zeit informiert. Walter Häusermann vom Trauring-Hersteller Furrer Jacot sagt, er habe schon vor anderthalb Jahren in ersten Gesprächen mit der Messe gestanden. «Man sagte uns damals, dass der Bereich der grossen Marken ausgebaut werde.» Und dazu gehört im Schmuckbereich Häusermanns Firma. So sei bereits klar, dass Furrer Jacot zusammen mit den wichtigsten Schmuck-Brands neu als «Insel» bei den grossen Uhrenmarken ausstellen dürfe. «Das ist natürlich sehr wichtig für uns», konstatiert Häusermann.

Das Gerangel um die besten Plätze sei «riesig», sagt André Bernheim, Chef und Inhaber von Mondaine, die für ihre SBB-Uhren bekannt ist. Er sei seit Anfang Jahr in Verhandlungen mit der Messeleitung. In verschiedenen Sitzungen sei seither besprochen worden, in welches Umfeld die Marke passe. «Uns ist natürlich wichtig, dass wir bei den Schweizer Uhren sind», sagt Bernheim, der neben Mondaine auch die in der Schweiz nicht so bekannte Luminox vertritt. Messeleiterin Ritter gibt sich derweil diplomatisch. Es gebe keine guten oder schlechten Plätze. Nur richtige und falsche.

Kleine Firmen hingegen wissen noch gar nicht, wohin es sie treibt. Einer, der nicht namentlich zitiert werden will, sagt etwas verärgert, er sei gar nie von der Messe kontaktiert worden und habe dann Anfang Jahr das Gespräch gesucht. Ihn störe der «Gigantismus» der Messe, die immer mehr auf noch grössere Auftritte der Weltmarken setze.

Auch die Firma Kienzle 1822 mit ihrer Kabine in der Halle 5 gehört zu den ganz kleinen Ausstellern. Inhaber Rolf Wuethrich möchte sich nicht über die Priorisierung der Messe beklagen. Sie sei halt ein kommerzielles Unternehmen, das Geld verdienen müsse. «Die ist keine soziale Institution mehr.» Auch Wuethrich dürfte demnächst seinen künftigen Platz zugewiesen erhalten. Ziel sei es, noch im Verlauf der aktuellen Messe Klarheit zu schaffen, sagt René Kamm, Chef der Messe Schweiz (MCH Group). «Wir haben diese Tage noch etwa fünfhundert Sitzungen zu dem Thema.» Bereits «durchplatziert» sei die neue Halle über dem Messeplatz.

Unternehmer Wuethrich will den Moment nutzen, um mit seiner Firma in eine höhere Liga aufzusteigen. Anstelle des kleinen Standes von heute soll es ein zweistöckiger Bau in der prominenteren Halle 2 sein. «Zumindest optisch brauchen sie dort zwei Etagen, um die Skyline in der Halle zu halten», sagt er.

Viele werden es Wuethrich gleich- tun. Auch die Lausener Uhrwerkherstellerin Ronda wird einen neuen Stand bauen müssen. Sie weiss bereits, dass sie in eine andere Halle ziehen wird, die allerdings weniger hoch ist als die heutige. «Wir müssen von neun auf sechs Meter reduzieren», sagt Firmenchef Erich Mosset. Dafür werde die Fläche etwas grösser. Bereits habe er mit dem Standbauer gesprochen. «Es geht jetzt noch 14 Monate bis zur Messe 2013, aber wir wollen das nicht auf den letzten Drücker organisieren», sagt der Baselbieter.

«Gehen Sie davon aus, dass 99 Prozent der Aussteller nächstes Jahr grössere Stände haben werden», sagt MCH-Konzernchef Kamm. Das geht ins Geld. Ein Stand der Mittelklasse koste rund eine Million Franken, schätzt Ronda-Chef Mosset. «Der muss dann schon ein paar Jahre halten.» Ein Vielfaches davon kosten die Villen, die sich Unternehmen wie Rolex oder Patek Philippe leisten.

Gewisse Stände würden im nächsten Jahr 50 Prozent grösser, sagt Kamm. Insgesamt werde aufs kommende Jahr hin wohl etwa gleich viel Geld für neue Stände ausgegeben wie die Messe für den Neubau bezahle. Und der soll immerhin 430 Millionen Franken kosten.

Noch haben die Standbauer aber keine definitiven Aufträge. «Die Kunden warten den Verlauf der Messe ab», sagt Nadia Caruzzo von Messerli, einem der grossen Anbieter. Man habe bereits beim Aufbau der aktuellen Baselworld Gespräche mit den Kunden geführt. «Aber fixiert wird erst nach der Messe». Wenn klar ist, wie viel Geld vorhanden ist.

Nicht alle Aussteller arbeiten mit klassischen Standbau-Firmen zusammen. Die Standverantwortliche einer grossen Uhrenmarke sagt, sie plane den neuen Stand lieber mit den eigenen Architekten. Andere beauftragen eine Werbeagentur, denn längst ist der Messeauftritt Teil der Markenstrategie und wird auch als «3D-Marketing» bezeichnet.

Die Paläste der Uhrenhersteller sind mehr als nur Ausstellungsräume, sie sind Träger des Markenimages: der Rolex-Bunker, die modische Tissot-Boutique, der schlichte Kubus von Oris. Sie kommen so daher, wie der Kunde die Uhr wahrnehmen soll. Geradezu einen Palast hat sich Bulgari eingerichtet. In einer eigenen Messehalle.

Die Neuvergabe der Standplätze stellt für die Aussteller Chancen, aber auch Risiken dar. «Heute wissen wir, wo welches Publikum durch die Halle geht», sagt Kienzle-Chef Wuethrich. «Wie das in der neuen Halle sein wird, weiss noch niemand.» Der Entscheid für oder gegen einen Standplatz wird nachhaltig sein. «Alle sind sich bewusst: Den neuen Stand habe ich für die nächsten zehn Jahre», sagt Ronda-Chef Mosset. «Entsprechend gross ist das Gerangel.»«