Waldameisen
Das grosse Krabbeln: Die Waldameisen der Region bekommen Pateneltern

Seit diesem Sommer schauen Gotten und Göttis nach den Waldameisen. In einem Projekt des Waldwirtschaftsverbandes beider Basel suchen die Paten die Lage der Ameisenhaufen und schützen die Insekten vor Gefahren wie Dunkelheit, Kälte und den Menschen.

Boris Burkhardt
Drucken
Teilen

Auf Hansueli Stohler herrscht grosses Gekrabbel: Zig schwarze Ameisen wuseln auf seiner langen Hose umher. Ihre Säure könnten sie bis zu 80 Zentimeter hoch spritzen, wenn sie sich bedroht fühlten: Für das Auge kann das durchaus gefährlich werden. Doch der 64-jährige Stohler aus Pratteln ist als Hobbyimker das kribbelnde Gefühl von Sechsbeinern auf seinem Körper gewohnt.

Seine Faszination für das soziale Wesen der Staaten bildenden Insekten war auch mit ein Grund, warum er sich freiwillig als einer von bisher 15 Ameisengöttis meldete. Seine Aufgabe ist es, in einem Waldgebiet von drei Gemeinden Ameisenhaufen zu entdecken, ihre Position zu notieren und die Bauten zu überwachen.

Plätze sollen unbekannt bleiben

«Es war keine grosse Frage, ob ich mich als Pate um die Ameisen kümmern wollte», erzählt Stohler: «Ich habe selber einen grossen Garten und bin viel im Wald unterwegs.» Zudem habe er guten Kontakt zu den Förstern, wenn zum Beispiel ein Baum dem Ameisenhaufen zu viel Licht nehme. Als Götti kümmere er sich um die von ihm entdeckten Bauten, befreie sie von überwuchernden Brombeer- oder Himbeerstauden oder grenze die Haufen mit Pfählen ab, damit Landwirte nicht versehentlich mit Maschinen darüberfahren.

Auffälliger markiert Stohler die Haufen jedoch nicht: Kein ungebetener Besucher soll auf sie aufmerksam werden. «Ameisen sind sehr sensible Tiere», sagt er. So müsse im Bau, in dem bis zu zwei Millionen Tiere leben, immer eine konstante Temperatur herrschen. Wer mit einem Stock in den Bau sticht, zerstört das komplizierte Belüftungs- und Wärmesystem in den unzähligen Gängen.

Sein Ameisenwissen hat Stohler von Isabelle Glanzmann, der Leiterin des Projekts «Ameisenzeit». Zusammen mit dem Basellandschaftlichen Natur- und Vogelschutzverband rief der Waldwirtschaftsverband beider Basel das Ameisenprojekt ins Leben, um die wichtigen Tiere im Ökosystem Wald zu erhalten. Seit den 1960ern stehen die Waldameisen in der Schweiz unter Naturschutz. Die Allesfresser Ameisen seien wichtig bei der Schädlingsbekämpfung, sagt Glanzmann: «Bei einer Invasion können sie sehr schnell reagieren.» Mit ihren unterirdischen Gängen, die je nach Bodenbeschaffenheit weit um den Hügel herumreichten, lockerten sie die Erde auf.

Die Ameise zählt als Kollektiv

In einem Kurs Anfang Juni instruierten Glanzmann und weitere Experten 60 interessierte Paten und Forstleute über die Waldameisen. Stohler machte sich danach daran, die Waldwege seines Gebiets abzulaufen. Innert drei Wochen fand er dort 13 Haufen. «Es hat sicher mehr», sagt er; «aber man muss sie halt finden.» Die Koordinaten der entdeckten Ameisenhügel ermittelt er mit einer Handyapp und teilt sie der Projektleitung mit.

Stohlers Antrieb ist eher der Naturschutz als die Tierliebe. Die Ameisen sieht er wie seine Bienen als Kollektiv. «Die einzelne Ameise zählt nichts», sagt er. «Man kann nicht verhindern, auf sie zu treten.» Gewöhnt hat sich Stohler aber dennoch an seine Schützlinge: «Natürlich hat man sie ‹gern›. Wenn ich jetzt im Wald wandere und keine Ameisen auf dem Weg sehe, dünkt es mich fast ein wenig fad: Da ist nichts los.»

Aktuelle Nachrichten