Finanzmarkt
Den grossen Gemeinden wird das Geld nur so nachgeworfen

Je grösser das Gemeinwesen, desto tiefer die Zinsen: Kantone bekommen auf kurzfristige Kredite von Privaten locker Negativzinsen. Kleine Gemeinden können dagegen von der Geldschwemme nur beschränkt profitieren.

Daniel Haller
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Negativzinsen stellen vieles auf den Kopf

Negativzinsen stellen vieles auf den Kopf

Roland Schmid

Davon träume wohl nicht nur ich: Jemand drückt mir 50 Millionen Franken in die Hand, ich vergrabe sie im Garten und bekomme nach einem halben Jahr bei der Rückgabe 235 000 Franken aufs Konto überwiesen.

Eine Illusion? Mitnichten! Genau dies hat der Kanton Aargau im vergangenen Jahr gemacht, als er einen sechsmonatigen Kredit zu 0,9 Prozent Negativzins aufnahm. Allerdings vergräbt ein Kanton das Geld nicht im Garten, sondern finanziert seinen Haushalt.

Was dem Aargau recht ist, ist den beiden Basel billig: So hat Basel-Stadt «im Januar eine öffentliche Anleihe im Umfang von 275 Millionen Franken über 6 Jahre zu einem Zins von -0,2 Prozent herausgegeben», teilt das Generalsekretariat des Basler Finanzdepartements mit. «Die Geldaufnahme erfolgte im Zusammenhang mit der Refinanzierung von fällig werdenden Schulden.» Zudem habe Basel verschiedene Kredite im Geldmarkt mit einer Laufzeit bis 12 Monate mit Negativzinsen getätigt. Details will man nicht nennen.

Auch die Baselbieter Finanzdirektion beantwortet die Frage, ob der Kanton Kredite zu Negativzinsen oder zum Zinssatz Null aufnehmen konnte, mit «Ja». Zu Beträgen, Zinssätzen und Laufzeiten heisst es: «Das können wir leider nicht beantworten, da es sich um eine interne Information handelt, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.»

Aargau verdiente 1,5 Millionen

Da ist man im Aargau offener: Bis Ende 2015 hat der Kanton 0,3 Milliarden Franken am Geldmarkt aufgenommen. Die einzelnen Darlehen betrugen meistens 50 oder 100 Millionen Franken mit 1 bis 6 Monaten Laufzeit und Zinssätzen zwischen -0,5 und -0,9 Prozent, durchschnittlich -0,7 Prozent. Damit erwirtschaftete der Aargau 2015 einen Ertrag von rund 1,5 Millionen Franken. Doch weist Peter Reimann, Leiter Abteilung Finanzen, darauf hin, dass der Kanton, wenn er selbst Gelder deponiert, auch keine Zinsen mehr bekommt.

Folgendes Aargauer Detail dürften auch auf die beiden Basel zutreffen: Der grössere Teil der Gelder stammt aus dem Ausland. Wer Geld im sicheren Hafen Schweiz deponieren und weniger Negativzins zahlen will, als die Nationalbank verlangt, greift auf öffentlich rechtliche Körperschaften zurück: Kantone, Städte und Gemeinden können praktisch nicht Konkurs gehen.

Firmen stellen Rechnung später

Auch Gemeinden können von der aktuellen Zinssituation profitieren. So liegt bei einer grossen Baselbieter Gemeinde ein Kredit-Angebot zu Negativzinsen auf dem Tisch. Sie möchte aber nicht genannt werden, da noch kein Entscheid gefallen ist. Auch Allschwil als grösste Gemeinde des Baselbiets (20 500 Einwohner) hat bereits Kredite zu Negativzinsen angeboten bekommen, wegen der kurzen Laufzeiten aber nicht zugegriffen.

Teilweise bekommt Allschwil aber ungefragt zinsfreien Kredit: «Firmen stellen teilweise ihre Rechnung bewusst später, weil sie sonst zuviel Liquidität hätten», berichtet Finanzverwalter Joseph Hammel. Auch würden Unternehmen die Steuern oft schon im alten Jahr überweisen, damit sie das Geld loswerden und Negativzinsen vermeiden können.

Dies deckt sich mit der Aussage von CEO Beat Oberlin an der Bilanz-Pressekonferenz der Basellandschaftlichen Kantonalbank: «Der Bedarf, Geld zu platzieren, ist immens.» So habe 2015 die Bank gut 5 bis 6 Milliarden parkplatzsuchende Gelder abwehren müssen.

Kleine zahlen mehr Zins

Null- oder Negativzins-Offerten hat man in einer kleinen Gemeinde wie Waldenburg (1200 Einwohner) noch nicht gesehen. «Wegen der Wasserversorgung haben wir derzeit eine hohe Pro-Kopf-Verschuldung», berichtet Gemeindeverwalter Markus Meyer. Trotzdem bekomme auch Waldenburg problemlos Kredit: Eine Anfrage bei Postfinance resultiere innerhalb von fünf Minuten in einem Angebot.

Negativzinsen sind an kurze Laufzeiten gebunden. Um da mitzuspielen fehlt kleinen Gemeinden aber Fachwissen und Personal. «Der Markt schwankt enorm, bis zu 0,3 Prozentpunkte pro Woche», berichtet der Läufelfinger Gemeindeverwalter Thomas Faulstich. Sein Amtskollege Philipp Thüring aus Niederdorf bestätigt: «In einem Miliz-Gemeinderat will man jeweils mit Sicherheit wissen, was das Geld auf längere Zeit kostet.»

Eine Möglichkeit für Gemeinden, an private Kreditgeber heranzukommen, die bereit sind, kurzfristig Geld zu Null- oder Negativzinsen zu parkieren, sind Finanzbroker wie die Finarbit AG. «Nullzinsen liegen auch für Gemeinden durchaus drin», bestätigt Daniel Zimmermann, Mitglied der Finarbit-Direktion. Der Broker beschränke sich aber auf Gemeinden mit einer Mindestgrösse von 2000 Einwohnern. Bei kleineren sei das Verhältnis zwischen Aufwand und Kreditsumme zu ungünstig.

Zwei Drittel der Baselbieter Gemeinden sind also für Broker uninteressant. Auch bei den langfristigen Krediten scheinen die Kleinen im Nachteil: Liestal konnte einen 10-Jahres-Kredit zu +0,3 Prozent aufnehmen. Mittlere und kleine Gemeinden berichten hingegen für solche Kreditlaufzeiten von Zinsen im Bereich von +0,6 Prozent.