Schulreform
Der Aargau schliesst auf und überholt das Baselbiet

Der Nachbar Aargau steigt ein Jahr früher auf sechs Jahre Primarschule um als das Baselbiet. Sollte es im Grenzgebiet der beiden Kantone zu Problemen kommen, würden individuelle Lösungen gesucht werden.

Boris Burkhardt
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Im Aargau gehen die Schüler künftig sechs Jahre in die Primarschule.

Im Aargau gehen die Schüler künftig sechs Jahre in die Primarschule.

Silvan Wegmann

Der Aargau war bis gestern der zweitletzte Kanton, der sein Schulsystem noch nicht auf das Harmos-getreue 6/3-System mit zweijährigem Kindergartenobligatorium umstellen wollte: Jetzt wird er sogar den Kanton Baselland bei der Umstrukturierung überholen. Mit über 80 Prozent stimmten die Aargauer am Sonntag für das Paket «Stärkung der Volksschule», das die Umstellung von fünf auf sechs Primarschuljahre bis zum Schuljahr 2014/15, ein Jahr vor dem Baselbieter Termin, vorsieht.

Aargau: Harmos durch die Hintertür eingeführt

2009 lehnte das Aargauer Volk die Kleeblatt-Initiativen ab, die das kantonale Bildungssystem noch über die Harmos-Vorgaben hinaus angepasst hätten. Das gestern mit grosser Mehrheit von knapp 80 Prozent angenommene Paket «Stärkung der Volksschule» umfasst einen Teil der damals gescheiterten Massnahmen, in erster Line ein zweijähriges Kindergartenobligatorium, der Wechsel von der fünf- zur sechsjährigen Primarschule (System 6/3 statt 5/4) und Zusatzlektionen für sozial belastete Schulen. Dazu kamen weitere Punkte wie die Reduktion der Klassengrösse von 28 auf 25 Schüler, eine Entlastung der Real- und Sekundarschullehrern durch die Möglichkeit von Assistenzeinsätzen oder die Festlegung einer Minimalgrösse von mindestens sechs Abteilungen für Bezirksschulen. Das Reformpaket gilt als «klassisches Kompromisswerk» zwischen den Parteien. Weiteren Schulreformen erteilte der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler, dessen SVP Hauptgegnerin der Kleeblatt-Abstimmung war, mittelfristig eine Absage. Der Kanton Ticino bleibt nun der letzte in der Schweiz mit einem 5/4-System. (Bob)

Gemeinsamer Lehrplan möglich

Christian Aeberli, im Aargau zuständig für den tetrakantonalen Bildungsraum Nordwestschweiz, sieht vor allem den inhaltlichen Vorteil der Anpassung: Der deutsch-schweizerische Lehrplan sei damit ein gutes Stück nähergerückt. Von der «strukturellen Annäherung» im Nachbarkanton verspricht man sich auch im Baselbiet eine bessere Zusammenarbeit im Schulbereich, in der kulturellen Weiterentwicklung und der Lernkultur, wie der zuständige Projektleiter Alberto Schneebeli mitteilt. Der Kanton habe «grosse Freude», dass die Vorlage im Aargau so eindeutig angenommen wurde.

Konkret erhofft sich Schneebeli Verbesserungen im Fremdsprachenbereich: Im Gegensatz zu beiden Basel beginne der Aargau bisher mit Englisch als Erstsprache. Durch die Umstellung könnte nun auch dort Französisch als zweite Primarschul-Fremdsprache eingeführt werden.

Individuelle Lösungen bei lokalen Problemen

Auch Bildungs-Generalsekretär Roland Plattner gibt sich «sehr angetan» vom Entscheid im Aargau. Er sieht weder ein quantitatives noch qualitatives Problem in der Tatsache, dass das Baselbiet im Schuljahr 2014/15 noch fünf, der Aargau aber bereits sechs Schuljahre haben wird.

Sollte es etwa im Grenzgebiet zwischen den Kantonen zu lokalen Problemen kommen, werde man «zweifellos individuelle Lösungen mit Fingerspitzengefühl» finden. Ausserdem ist Plattner sicher, dass «umzugsbedingte Wechsel der Schule nicht zwingend Schaden zur Folge haben, sondern das Gegenteil eintreten kann». Das belegten «bekannte Biographien von Schulkindern».

22 Baselbieter auf Aargauer Schule

Tatsächlich besuchen derzeit 22 Baselbieter Schüler aus Maisprach und Buus die Kreisschule Unteres Fricktal in Rheinfelden und Magden. Das sei eine Familientradition, berichtet Schulsekretärin Katharina Küng; die Tendenz sei allerdings abnehmend.

Max Schafroth, Gemeindeverwalter in Maisprach, bestätigt, dass die Kinder im Ort die Wahl zwischen den weiterführenden Schulen in Rheinfelden und Gelterkinden hätten. Für welchen Schulort sie sich entscheiden, hänge von den sozialen Kontakten ab. Das Sprachproblem fängt man im Fricktal bisher mit Englisch-Zusatzunterricht für die Baselbieter auf.