Im Gespräch
Der bz-Stammtisch: Sozialhilfe-Notruf stösst auf Verständnis

Der bz-Stammtisch fand in der historischen Dampfbahn «Waldenburgerli» statt und fuhr von Liestal nach Waldenburg. Die Spurbreite der Waldenburgerbahn gab mehr zu diskutieren als Kürzung von Sozialhilfe.

Andreas Hirsbrunner
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Sie diskutierten am bz-Stammtisch bei der Abfahrt in Liestal (von links): Hannes Schweizer, Peter Widmer, Autor Andreas Hirsbrunner, Monica Gschwind, Gesprächsleiter Bojan Stula und Kurt Grieder.

Sie diskutierten am bz-Stammtisch bei der Abfahrt in Liestal (von links): Hannes Schweizer, Peter Widmer, Autor Andreas Hirsbrunner, Monica Gschwind, Gesprächsleiter Bojan Stula und Kurt Grieder.

Nicole Nars-Zimmer niz

Das war auch für die bz ein Novum – ein rollender Stammtisch. Und dieser Stammtisch am Donnerstag zur Feierabendzeit im Waldenburgerli von Liestal nach Waldenburg und wieder zurück hatte seine eigenen Gesetzmässigkeiten: Die Diskussionsrunde änderte sich ständig, weil Leute zu- und ausstiegen. Doch die Themen blieben mehr oder weniger konstant. Auf der Bergfahrt dominierte die Spurbreite der Waldenburgerbahn (WB), auf der Talfahrt der schweizweit auf Beachtung gestossene Vorschlag von Waldenburgs Gemeindepräsidentin Andrea Kaufmann (FDP), die Sozialhilfe für unkooperative Bezüger auf ein Notgeld von zehn Franken pro Tag zu kürzen (siehe auch bz von gestern).

Doch überraschenderweise spaltete die Stammtisch-Teilnehmer weniger dieser provokante Vorstoss als die künftige Breite der Geleise der WB, bei der das Meinungsspektrum extrem auseinanderging – von 75 bis 143,5 Zentimeter. Monica Gschwind (FDP), Gemeindepräsidentin von Hölstein, Landrätin und Regierungsratskandidatin, bevorzugt es eng. Sie plädierte aus historischen Gründen für eine Spurbreite von 75 Zentimetern, um den Dampfbetrieb beibehalten zu können. Damit liegt sie ganz auf der Linie ihres Parteikollegen Kurt Grieder, alt Gemeindepräsident von Waldenburg und neuerdings Präsident des Vereins Dampfzug Waldenburgerbahn.

Waldenburg-Basel direkt

Grieder sieht auch keinen Spielraum für Kompromisse. So antwortete er auf die Frage von Gesprächsleiter Bojan Stula, stellvertretender bz-Chefredaktor, ob man nicht einen Dampfzug mit einer Spurbreite von einem Meter zukaufen könne, mit einem klaren «Nein». Sein Verein wolle sich nicht für etwas einsetzen, das gar keinen historischen Bezug zum Waldenburgertal hat. Und Grieder, der lange im Verwaltungsrat der Waldenburgerbahn sass, ergänzte: «Bei den neuen Zügen geht es um Sicherheit, Pünktlichkeit und Kundenfreundlichkeit. Das ist alles auch mit 75 Zentimetern Spurweite zu haben.» Landrat Hannes Schweizer (SP) redete ebenso dem «Kulturgut Waldenburgerbahn» das Wort und erntete mit seinem Geständnis mitten unter den regelmässigen Bahnfahrern einen Heiterkeitserfolg: «Ich bin 62 Jahre alt und benutze heute zum ersten Mal das Waldenburgerli. Ich bin hell begeistert.»

Für WB-Direktor Peter Widmer ist der Entscheid über die künftige Spurbreite, der nächstes Jahr im Landrat fällt, ein Abwägen von politischen und wirtschaftlichen Argumenten. Zu Letzteren sagte er: «Wir haben Berechnungen angestellt. Der Unterhalt für die 75-Zentimeter-Spur ist aufwendiger, weil es keine dafür spezialisierte Firmen gibt. Und es gibt nur einen Lieferanten für das Rollmaterial.» Die Gleisabnutzung sei aber bei schmalerer Spur nicht höher, beantwortete Widmer eine Frage von Heinrich Holinger (Grüne), der im November in den Landrat nachrückt. Eine ganz andere Sichtweise vertrat Lorenz Degen, der im Beirat der WB sitzt. Er plädierte für die Meter-Spur, doch seine Ideallösung sieht anders aus: «Ich habe die Vision, dass man eines Tages direkt von Waldenburg nach Basel SBB fahren kann. Das wäre eine grosse Aufwertung für unser Tal. Doch dafür braucht es die SBB-Spurweite von 1,435 Metern.»

Während sich Degen und Widmer in ein Abteil zurückzogen und unter vier Augen weiterdiskutierten, wendete sich der Stammtisch mit dem Zustieg von Andrea Kaufmann in Waldenburg der Sozialhilfe zu. Kaufmann stellte klar, dass sie mit ihrem Vorschlag keinesfalls die Sozialhilfe schwächen wolle. Es gebe viele, vor allem ältere Bezüger, die die Unterstützung absolut zu Recht erhielten. Kaufmann: «Mit geht es in erster Linie um die 18- bis 30-Jährigen. Hier haben wir in Waldenburg viele, die sich weigern zu arbeiten. Und wenn ich ihnen mit der gesetzlich maximal zulässigen Kürzung von 20 Prozent drohe, lachen sie mir ins Gesicht.»

Kaufmann sieht bei solchen Bezügern keine Alternative zu dem von ihr eingebrachten Vorschlag. Dies umso mehr, da die Sozialhilfe-Kosten in Waldenburg explodieren. Sie hätten sich zwischen 2008 und 2013 von 283'000 auf 541'000 Franken fast verdoppelt. «Gleichzeitig können wir mangels Geld die Strassen nicht mehr sanieren, das gibt Unzufriedenheit bei uns», sagte Kaufmann. Niemand mochte ihr widersprechen.