Gastbeitrag
Der erste Baselbieter oder: Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Die Baselbieter Staatsarchivarin Regula Nebiker wirft einen Blick in die chaotische und zugleich aufschlussreiche Zeit der Kantonsgründung.

Regula Nebiker
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«Nottaufe»: Die Radierung von spielt wohl auch auf die Baselbieter Kantonsgründung an.

«Nottaufe»: Die Radierung von spielt wohl auch auf die Baselbieter Kantonsgründung an.

Museum BL

Mein liebstes Dokument im Staatsarchiv ist das erste Regierungsratsprotokoll des jungen Kantons Baselland aus der Zeit der Partialtrennung von 1832. Es bildet den Anfang einer ununterbrochenen Protokollreihe, die noch heute jede Woche um eine weitere Sitzung ergänzt wird. Der erste Protokollband beginnt mit einem knapp und trocken verfassten Traktandum: Elisabeth Währi von Pfeffingen um Legitimation ihres Kindes Josef.

Man wundert sich darüber, dass dieses Protokoll nicht mit mehr Pathos beginnt, wenn man weiss, dass dieser Kanton gerade eben aus einer Revolution heraus entstanden war und dass die Wogen der politischen Erregung noch keineswegs geglättet waren. Erst die Schlacht bei der Hülftenschanz führte rund ein Jahr später zur Totaltrennung. Erwartet hätte man doch mindestens eine Deklamation zur neu gegründeten Republik und ihrer volksgegebenen Verfassung. Erstaunlich ist auch, dass die erste protokollierte Sitzung erst am 24. Juli stattgefunden hat, obwohl doch die Regierung vom Landrat bereits am 29. Mai ernannt worden war. Auf des Rätsels Lösung bin ich erst nach einer Weile gestossen: Ich fand ein dickes Bündel loser Notizen. Natürlich hatte sich die erste Regierung des jungen Kantons sofort und regelmässig zu Sitzungen getroffen – schliesslich ging es um den Aufbau eines neuen Staats mit allem, was dazu gehört. Nur hatte man in diesen ersten Wochen offenbar noch kein Buch, um ordentlich Protokoll zu führen.

Regula Nebiker Die Autorin (57) ist Staatsarchivarin des Kantons Baselland, sie politisiert für die SP im Liestaler Stadtrat und sie kandidiert bei den Regierungswahlen vom 8. Februar 2015.

Regula Nebiker Die Autorin (57) ist Staatsarchivarin des Kantons Baselland, sie politisiert für die SP im Liestaler Stadtrat und sie kandidiert bei den Regierungswahlen vom 8. Februar 2015.

Kenneth Nars

Obwohl der Zufall eine grosse Rolle gespielt hat, finde ich es von grossartiger Symbolik, dass ausgerechnet die Legitimierung eines Kindes als erstes Geschäft der neuen Regierung dieses jungen Kantons protokolliert wurde. Hier geht es um die wichtigste Kernaufgabe eines jeden Staatswesens: Heimat, Schutz und Zugehörigkeit für seine Bevölkerung. Es ist nicht bekannt, wie es dem kleinen Joseph in seinem Leben gegangen ist. Die Umstände seiner Geburt lassen aber vermuten, dass er es nicht einfach hatte. Im Text steht erläuternd: «Die Jungfrau Elisabeth Währin, des Johannes Währis selig Tochter von Pfeffingen, darmalen verlobt mit H. Franz Thomman von Himmelried im löblichen Canton Solothurn, wünscht ihr am 24 December 1828 im ledigen Stand geborenes Söhnlein... legitimieren zu lassen.»

Ohne diese Legitimierung und damit seiner Anerkennung als Bürger wäre dieses Kind ein «Sans-Papiers» geblieben und das war von existenzieller Bedeutung. Im 19. Jahrhundert wurden Heimatlose in «Betteljagden» auf grausame Art verfolgt. Als die Basler Regierung im Frühling den aufständischen Gemeinden auf der Landschaft einfach die Verwaltung entzog, war die Bevölkerung zutiefst verunsichert. Für Josef jedoch war ab dem 24. Juli 1832 klar: Hier gehöre ich dazu, wenn mir etwas passiert wird mir hier geholfen. Diese Verantwortung hat der neu gegründete Kanton Baselland mit dieser ersten Legitimation übernommen. Wen wundert es da, dass der kleine Josef ausgerechnet am 24. Dezember zur Welt gekommen ist.