Polizeiseelsorge
Der erste Polizei-Rabbiner in Baden-Württemberg ist Lörracher

Es ist eine Premiere für Deutschland: Baden-Württemberg ernennt einen Polizeirabbiner. Moshe Flomenmann kennt auch Basel bestens.

Peter Bollag
Drucken
Teilen
Soll der Beamtenschaft die ganze Palette jüdischen Lebens näherbringen: Polizeirabbiner Moshe Flomenmann, hier in der Lörracher Synagoge.

Soll der Beamtenschaft die ganze Palette jüdischen Lebens näherbringen: Polizeirabbiner Moshe Flomenmann, hier in der Lörracher Synagoge.

Juri Junkov (13. Juni 2016

Deutschland kennt seit anfangs 2021 im Bereich der Seelsorge eine Art neue Berufskategorie: Es gibt nämlich nun im Land sowohl Armee- als auch Polizeirabbiner. Doch während es um die ersteren eine längere Debatte gab, beispielsweise um Frage, ob die wenigen jüdischen Bundeswehrsoldaten tatsächlich einen separaten geistlichen Beistand bräuchten, kam diese Frage bei den Polizeirabbinern gar nicht erst auf.

Das hat wohl weniger damit zu tun, dass deren Ernennung kurzfristig bekanntgegeben wurde, sondern eher mit den Vorkommnissen der vergangenen Wochen und Monate um rechtsextreme Polizistinnen und Polizisten in Deutschland. Aber auch Ereignisse wie den Anschlag eines Nazis auf eine Synagoge in Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur im Oktober 2019. Dass dies kein Einzelfall war, zeigt eine Statistik: Im Durchschnitt gib es heute fünf antisemitische Vorfälle pro Tag in Deutschland.

All dies macht es wohl auch nötig, den Beamtinnen und Beamten das Bewusstsein für die jüdische Minderheit im Lande näherzubringen. «Die Polizistinnen und Polizisten stehen vor unseren Synagogen, aber haben sie auch schon einmal eine von innen gesehen?», formuliert es Moshe Flomenmann.

Nachhilfe über jüdisches Leben für 2500 Beamte

Er ist neben Shneur Trebnik von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs einer der beiden per 1. Januar neu ernannten Polizeirabbiner im Bundesland Baden-Württemberg, die ersten in Deutschland. Bisher kannte man die Funktion vor allem aus Israel und den USA. Moshe Flomenmann ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach sowie Landesrabbiner von Baden. Letzteres ist eine Art Chefrabbiner der zehn badischen Gemeinden mit rund 5500 Mitgliedern.

«Die Planung zur Schaffung dieser beiden Stellen lief schon länger», erzählt Rabbiner Flomenmann. Sie gehe zurück auf Gespräche des Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Rami Suliman, mit dem Antisemitismusbeauftragten von Baden-Württemberg, Michael Blume.

Die Planung zur Schaffung dieser beiden Stellen lief schon länger.

(Quelle: Moshe Flomenmann)

Natürlich hätten die unerfreulichen antisemitischen Vorfälle sowie die Schlagzeilen um rechtsextreme Aktivitäten deutscher Polizeibeamtinnen und -beamten da durchaus auch eine Rolle gespielt, sagt Moshe Flomenmann: «Es geht aber eben auch darum, dass ein Polizeirabbiner der Beamtenschaft die ganze Palette jüdischen Lebens näherbringen kann». Unterrichtet werden sollen an Polizeiakademien zwischen Lörrach und Karlsruhe rund 2500 Polizistinnen und Polizisten – der Rabbiner muss also auch reisen.

Flomenmanns Tochter geht in Basel zur Schule

Dotiert ist die Stelle eines Polizeirabbiners mit etwa 50 Prozent, doch müsse sich zeigen, wie gross der tatsächliche Aufwand sei, sagt Flomenmann.

Ihm entgegen kommt sicher etwa die Tatsache, dass die Gottesdienste in der Jüdischen Gemeinde Lörrach wegen Corona zurzeit nicht oder dann zeitverschoben nur online stattfinden. Doch soll die Arbeitsaufteilung zwischen der Tätigkeit als Gemeinde-, Landes- und Polizeirabbiner auch nach Corona weiter funktionieren.

Über die Situation der Basler jüdischen Gemeinschaft und überhaupt der Region Basel ist der 38-Jährige stets gut informiert. Dies unter anderen darum, weil Flomenmanns Tochter eine Basler Schule besucht und er schon darum relativ häufig in der Stadt anzutreffen ist.

Seine Wurzeln hat er allerdings nicht im Dreiländereck, sondern einige Tausend Kilometer weiter östlich, in Berditchev, Ukraine. Die Stadt hatte bis zum Zweiten Weltkrieg eine bedeutende jüdische Minderheit und hat auch zahlreiche bekannte Rabbiner hervorgebracht; eine Minderheit, die von den Nazis weitgehend ermordet wurde.

Gymnasium in Dänemark, Studium in England

Dass Moshe Flomenmann, der in Berditchev aufwuchs und dort die Schulen besuchte, Rabbiner wurde – sein Diplom erwarb er ungewöhnlich früh, mit 21 – zeichnete sich schnell ab, sein Urgrossvater hatte denselben Beruf, sein Grossvater war Direktor eines jüdischen Gymnasiums. Die Bar-Mizwa, die Konfirmation, feierte der Dreizehnjährige dann bereits in Deutschland, wohin die Familie, wie so viele andere, anfangs der Neunzigerjahre ausgewandert war. Es folgten Gymnasiumsjahre in Kopenhagen sowie anschliessend das Rabbinerstudium an einer Torah-Hochschule in Manchester.

2004 wird Moshe Flomenmann als knapp 22-Jähriger bereits Rabbiner der Gemeinde Lörrach, die sich erst wenige Jahre zuvor wieder neu gegründet hatte. Dies allerdings nur kurz, denn bald wechselt er als Landesrabbiner nach Sachsen-Anhalt. Vielleicht spielt bei diesem Entscheid eine Rolle, dass die Familie nach ihrer Einwanderung in Chemnitz wohnte, also ebenfalls in einer Stadt der früheren DDR. Die Beziehung zu Lörrach riss aber nicht ab: 2011 kehrte er zurück.

Antisemitischer Vorfall an Lörracher Schule

Bereut habe er diesen Schritt nie, meint er, auch wenn das Umfeld für die jüdische Gemeinschaft hier ebenfalls etwas rauer geworden sei, wenn sicher weniger stark als in den Grossstädten. Weil es beispielsweise aber auch in einer Lörracher Schule zu einem antisemitischen Vorfall gekommen sei, plane die Gemeinde anfangs März ein Podium zum Thema. Erwartet wird auch der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume. Zeit vielleicht, bereits Zwischenbilanz des neuen Polizeirabbiners in Baden zu ziehen.