Rickenbach
Der Fusionsturbo aus dem Oberbaselbiet tritt zurück

Er ist erst 28 Jahre alt und schon Gemeindepräsident: Marco Geu aus Rickenbach. Besser gesagt: Er ist noch Gemeindepräsident. Denn trotz seines jugendlichen Alters tritt Geu zurück. Warum, erfahren Sie hier.

Simon Tschopp
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Marco Geu: «Ich bin ein politischer Mensch und bringe mich gerne ein. Das wird auch so bleiben.»

Marco Geu: «Ich bin ein politischer Mensch und bringe mich gerne ein. Das wird auch so bleiben.»

Simon Tschopp

Marco Geu, nach nur drei Jahren als Gemeindepräsident treten Sie schon zurück. Weshalb?

Marco Geu: Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ändert sich in meinem persönlichen Umfeld einiges; ich bin nach dem Geschichtsstudium seit Kurzem berufstätig. Zum anderen zählen für mich die acht Jahre Gemeinderat und nicht nur die drei Jahre als Präsident. Langsam schleicht sich Routine ein, es stellen sich immer wieder die gleichen Fragen. Ich brauche aber von Zeit zu Zeit neue Herausforderungen. Deshalb sagte ich mir: Acht Jahre sind genug, und es sind gute gewesen. Während dieser Zeit war ich nacheinander für drei verschiedene Ressorts zuständig.

War Ihre kurze Präsidialzeit absehbar?

Als ich das Präsidium übernahm, war ich in einer anderen Lebenssituation als meine Gemeinderatskollegen. Das kommunizierte ich auch so. Damals studierte ich noch und wusste nicht, wohin es mich verschlägt. Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil ich diese Amtsperiode nicht zu Ende führe.

Was haben Sie als Gemeindepräsident im Dorf bewegen können?

Wir haben während der letzten drei Jahre vor allem viel investiert: Mehrzweckgebäude und Strassen saniert, einen neuen Spielplatz realisiert und neue Strassen erschlossen. Letzteres generierte auch Steuersubstrat. Ich finde, wir müssen zur Infrastruktur Sorge tragen, und ich habe dies auch immer vertreten. Die Stimmbevölkerung sah das ebenfalls so. Positiv werte ich auch die wertvolle Kooperation mit Amtskolleginnen und -kollegen aus anderen Gemeinden. In der Region Gelterkinden pflegen wir informell eine sehr gute Zusammenarbeit. Der Tenor ist klar: Eine verstärkte Zusammenarbeit ist unabdingbar. Das Problem ist, dass die Bevölkerung das momentan anders sieht. Da muss noch grosse Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Beenden Sie mit Ihrem Rücktritt Ihre politische Karriere?

Ich bin ein politischer Mensch und bringe mich gerne ein. Das wird auch so bleiben. Vorerst ist für mich aber eine Denkpause gut. Ich kann mir gut vorstellen, zu gegebener Zeit wieder ein Amt anzunehmen – durchaus auf kantonaler Ebene. Durchs Gemeindepräsidium kam ich stark mit der kantonalen Politik in Kontakt: Finanzausgleich, Gemeindestrukturgesetz, Tagsatzungen.

Sie sind der jüngste Gemeindepräsident im Baselbiet. Wie wurden Sie von älteren Amtskollegen an Konferenzen oder Treffen aufgenommen?

Zu Beginn meiner Amtszeit als Gemeinderat gab es vereinzelt Leute, die mir gegenüber Scheuklappen zeigten. Sie haben nicht so recht gewusst, was sie von einem 20-Jährigen und erst noch von einem Studenten erwartet. Das änderte sich aber bald. Spätestens als Gemeindepräsident fühlte ich mich sehr gut akzeptiert. Meine fachliche Kompetenz wurde nie angezweifelt.

Sie plädieren für Gemeindefusionen. Damit sind Sie im Oberbaselbiet ein Querdenker. Spüren Sie das?

Sicher. Aufgrund der Rückmeldungen nehme ich wahr, dass dieses Thema nicht mehrheitsfähig ist. Ich stelle aber fest, dass doch bei einigen Leuten ein Sinneswandel stattfindet, von denen ich das nicht erwartet hätte. Meine Devise war: In den Wald rufen und abwarten, welches Echo zurückkommt. Ich bin kein Freund von Pseudolösungen. Auf dem Papier sind kleine Gemeinden noch eigenständig, in der Realität stimmt das aber nicht. Wir müssen, um zu fusionieren, die positiven Punkte herausarbeiten und nicht immer alles negativ sehen. Als junger Kommunalpolitiker kann ich da ungestümer vorgehen und fürchte den Gegenwind nicht.

Weshalb stehen Oberbaselbieter Fusionen ablehnend gegenüber?

Weil man sich vornehmlich mit Details auseinandersetzt und viel Emotionen darin stecken: Wo ist künftig die Verwaltung domiziliert? Wie heisst die neue Gemeinde? Welches Wappen hat sie? So kommen wir nicht weiter und werden von den Fakten rechts überholt. Schliesslich werden uns Fusionen aufgrund von Zwängen diktiert. Mir wäre lieber, wir würden die Energie jetzt für gute Lösungen aufwenden. Zu Fusionen sehe ich nur sehr begrenzte Alternativen.

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