Arbeitsmarkt
Der gebürtige Sissacher Daniel Neugart verhilft Über-50-Jährigen wieder zu Jobs

Daniel Neugart macht Über-50-Jährige, die ihren Job verloren haben, mit seinem Verband wieder fit für den Arbeitsmarkt. Eine Herausforderung, doch Neugart weiss, von was er spricht: Er war selbst arbeitslos und musste sein Leben umkrempeln.

Mirjam Bollinger
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«Noch nie habe ich etwas gemacht, das mich dermassen erfüllte», sagt Daniel Neugart in seiner «Kapelle».

«Noch nie habe ich etwas gemacht, das mich dermassen erfüllte», sagt Daniel Neugart in seiner «Kapelle».

Kenneth Nars

Daniel Neugart öffnet die verschnörkelte Tür in einem mittelalterlichen Gebäude Rheinfeldens direkt gegenüber der Stadtkirche. Prompt steht man im kleinen Raum, der als Beratungsbüro dient. «Das ist meine Kapelle», scherzt Neugart und deutet auf das mit Flipcharts, Wandtafel, Leinwand, Tischen, Ordnern und Kursmaterialien überladene Zimmer. Eine Umgebung, in der man schnell Vertrauen fasst, ist denn auch von grundlegender Bedeutung. «Das Selbstwertgefühl der Leute, die zu mir kommen, ist oft am Boden», erzählt Neugart. «Daher liegt ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit darin, meine Klienten wiederaufzubauen.»

2012 hat der gebürtige Sissacher den Arbeitnehmerverband «Save 50Plus» gegründet, der sich seither für Menschen über 50 starkmacht, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind oder eine solche befürchten. «Vor allem Fälle von psychologischem Altersdruck haben zugenommen», erklärt Neugart. Rund ein Drittel seiner Klienten hätten Angst, ihren Job zu verlieren, weil sie glauben, aufgrund ihres Alters zu teuer oder zu wenig produktiv zu sein. Neugart bietet Schulungen an, die zum Ziel haben, aus den entstandenen Firmenkontakten konkrete Arbeitsanstellungen zu schaffen.

Neugart war Bäcker, Maler – und selbst arbeitslos

Was es bedeutet, arbeitslos zu sein, hat der 57-Jährige am eigenen Leib erfahren. Der gelernte Bäcker und Maler führte über zehn Jahre ein Malergeschäft und wechselte dann in den Aussendienst verschiedener Baufirmen. «Ich habe gedacht, mit 40 könne mir gar nichts mehr passieren. Alles war wunderbar. Dann hörte mein alter Chef auf, sein Sohn übernahm und zwei Wochen später stand ich vor der Tür.» Mitten im Leben habe er erfahren müssen, wie schwierig es sei, eine neue Anstellung zu finden. Immer und immer wieder habe er die Floskeln «Sie sind überqualifiziert! Sie sind zu teuer!» gehört. Furchtbar aufgeregt habe er sich: «Ich konnte einfach nicht glauben, dass mich keiner wollte. Wenn einer mit Dampf schon nichts findet, was machen dann andere, die diese Energie nicht haben?»

Wo normalerweise Not erfinderisch macht, führte Neugarts Schicksalsschlag zu Trotz – und zu einem Strategiewechsel. «Nach zwei, drei Monaten, in denen ich nichts fand, musste ich meine Strategie ändern, dass ich nicht in ein Loch falle.» Dank langjähriger Erfahrung im Verkauf habe er den Spiess umgedreht, stellte das Schreiben von Bewerbungen ein und bot stattdessen Firmen aktiv seine Kompetenzen und Dienstleistungen an. Dieses Konzept der Selbstvermarktung lehrt Neugart nun seinen Klienten: «Die älteren Arbeitssuchenden müssen erkennen, dass an ihnen selbst nichts falsch ist. Im Gegensatz zu Jüngeren haben sie einen Vorteil: Nebst Kompetenzen bringen sie Erfahrung mit.»

Die Verbandsgründung war zu dieser Zeit noch in weiter Ferne. In den Jahren zwischen 40 und 50 arbeitete Neugart für verschiedene Firmen, versuchte sich zum ersten Mal in Jobsplitting und verdiente – zu seinem eigenen Erstaunen – so viel Geld wie nie. Das hat ihn geprägt und ist eine der Kernbotschaften des Verbandes. Er müsse immer wieder feststellen, dass viele Arbeitslose mit unrealistischen Vorstellungen auf Arbeitssuche gehen. «Sie suchen den genau gleichen Job, den sie verloren haben mit der Vorstellung, dass sie mehr verdienen werden als zuvor und diese Stelle bis zur Pensionierung behalten.»

Mit diesen Forderungen räumt Neugart auf: «Ich nenne das den Titanic-Effekt: Man hält sich an einer Stange des untergehenden Schiffs fest und meint, einen sicheren Halt zu haben. Da springt man stattdessen besser ins Wasser, lernt zu schwimmen – wir liefern ja die Schwimmweste – und irgendwann hat man wieder Sand unter den Füssen.» Neugart verlangt von seinen Klienten demnach Bereitschaft zur Veränderung, Flexibilität und Durchhaltewille. Dass manche Klienten damit überfordert sind, kann Neugart nicht von der Hand weisen: «Natürlich gibt es Leute, die zu faul sind oder sich querstellen. Aber der Wandel der Arbeitswelt hat stattgefunden, da können die Leute noch so stur im Wind stehen!»

Drei Viertel der Betreuten finden wieder eine Arbeit

Und der Erfolg des Verbandes, den Neugart genau an seinem 50. Geburtstag vor sieben Jahren gründete, gibt ihm recht: «Von unseren Kursabgängern finden 72 Prozent innerhalb von sechs Monaten ein neues Einkommen.» Die knapp 2000 Mitglieder reichen von Genf bis nach Mendrisio. Wie sehr sich Neugart durch den Verband identifiziert, zeigt sich bei der Frage nach eigenen Existenzängsten: «Ich stecke jeden Rappen in den Verband, er ist meine Lebensaufgabe geworden. Noch nie habe ich etwas gemacht, dass mich dermassen erfüllte.» Auch wenn er von schwierigen Zeiten zu berichten weiss, beispielsweise, als die Beziehung zu seiner Partnerin wegen dem Verband kaputtging.

In solch dunklen Momenten ziehe er Kraft aus dem Glauben an Gott, von dem der erzkatholisch Erzogene lange Zeit nichts wissen wollte: «Ich habe viel durch den Glauben und die christlichen Werte wie Mitgefühl und Aufrichtigkeit gelernt.» Plötzlich leuchtet ein, wieso Neugart sein Büro «Kapelle» nennt.

«Es droht ein Anstieg der Arbeitslosenquote»

Obwohl die Arbeitslosenquote bei über 55-Jährigen mit rund 2 Prozent unter dem Durchschnitt liegt, steigt das Risiko einer Langzeitarbeitslosigkeit mit zunehmenden Alter. Das schlägt sich in der zunehmenden Sozialhilfequote nieder. Wie schätzen Sie diese Problematik ein?

Daniel Neugart: In den nächsten zehn Jahren wird in der Schweiz eine bislang unvergleichbar grosse Masse in die Rente gehen: die Babyboomer. Damit droht ein massiver Anstieg der Arbeitslosenquote. Ältere Stellensuchende, die es nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurückschaffen, werden in der Sozialhilfe und damit in der Altersarmut landen. Dieses Worst-Case-Szenario nenne ich den Babyboomer-Countdown: Fallen die Babyboomer frühzeitig aus dem Arbeitsprozess, wird das eine soziale Katastrophe nach sich ziehen, die uns alle betrifft. Da wundert es mich, dass es immer noch Politiker gibt, die meinen, sie könnten das aussitzen.

Wie sehen denn Ihre konkreten Forderungen aus?

Es kann einfach nicht sein, dass wir seitens der Wirtschaft und der Politik ignoriert werden. Wir bieten ein Selbstintegrationskonzept, eine alternative arbeitsmarktliche Massnahme (AAM), an und einige unserer Verbandsmitglieder arbeiten beim RAV (Regionale Arbeitsvermittlung) und in der Sozialberatung. Ein reger Austausch findet statt, beispielsweise mit dem Schweizerischen Gewerbeverband. Wenn aber unsere Klienten beim RAV verlangen, unsere Schulungen zu machen, heisst es: ‚Das ist nicht in unserem Programm, das übernehmen wir nicht.‘ Ich verlange, dass die Sozialhilfe und das RAV unsere Schulungen in ihr Kursprogramm aufnehmen. Schauen Sie auf Deutschland: Die Bundesverband Initiative 50Plus zählt 12000 Mitglieder, bekommt ein Millionenbudget zugesprochen und betreibt sogar einen eigenen Fernsehkanal. Wenn ich an unseren regelmässigen Meetings erzähle, dass wir – in der reichen Schweiz – keine Unterstützung erhalten, verstehen sie die Welt nicht mehr.

Seit letztem Sommer ist die vom Bundesrat ausgearbeitete Überbrückungsrente für ausgesteuerte über 60-Jährige in der Vernehmlassung. Wie stehen Sie zur Überbrückungsrente?

Grundsätzlich lehne ich sowohl die AHV als auch die BVG in ihren heutigen Formen ab, weil beides nicht funktioniert. Die Überbrückungsrente ist jedoch absolut notwendig. Es kann doch nicht sein, dass Menschen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, ihr Vermögen frühzeitig antasten müssen. Mir ist klar, dass das nur Symptombekämpfung ist. Das eigentliche Problem liegt darin, dass sich die Wirtschaft zu wenig auf den demografischen Wandel eingestellt hat und Arbeitnehmer nicht bis zur Rente im Arbeitsprozess behalten werden.

Die SVP sieht einen möglichen Lösungsansatz in der von ihr lancierten Begrenzungsinitiative, die am 17. Mai an die Urne kommt. Mittels Personenfreizügigkeitsbeschränkung sollen ältere Arbeitnehmer vor Lohndumping durch billigere Ausländer geschützt werden. Ist die Initiative für Sie ein gangbarer Weg?

Im Gegenteil. Diese Art der politischen Instrumentalisierung ist für mich ein Missbrauch der Thematik, damit sich die SVP Wählerstimmen sicher sein kann. Wenn ältere Arbeitslose denken, dass sie ihre Arbeit wiederbekommen, wenn die Ausländer weg sind, denken sie ziemlich kurzfristig. Den Fachkräftemangel der nächsten Jahre werden wir ohne ausländische Fachkräfte nie stemmen können.