Chemiemüll
Der Grossteil des Chemiemülls wird recycelt

Walter Jörg, Abfallchef der Novartis, refertierte zum Thema umweltgerechte Abfallentsorgung. Giftiger Abfall der chemischen Industrie wird heute verbrannt oder recycelt, sagt Novartis-Experte.

Lucas Huber
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Das grosse Aufräumen in der Sondermülldeponie Kölliken. archiv/smdk

Das grosse Aufräumen in der Sondermülldeponie Kölliken. archiv/smdk

Es ist einer der grössten Giftmüllskandale, den unsere nördlichen Nachbarn erleben. Im sächsischen Pohritzsch wurden in den vergangenen zwölf Jahren über eine Million Tonnen vorwiegend hochgiftiger Abfälle «verwertet». Toxische Filterstaubreste, Aschen und Schlacken aus der Metallurgie sollen hier mit ungiftigen Abfällen vermischt und verdünnt statt unschädlich gemacht worden sein. Das Verfahren läuft.

Sicher ist gar nichts

Eine halbe Autostunde nördlich von Mailand liegt Seveso. Der Name der Gemeinde, über der sich 1976 nach einem Chemieunfall eine hochgiftige Dioxinwolke senkte, ist Sinnbild geworden für die Gefahren der chemischen Industrie – und ihrer Skandale. 1982 wurde der Reaktorinhalt in 41 Fässer geladen und unter Notarbegleitung dazu losgeschickt, entsorgt zu werden. Doch die Fässer verschwanden spurlos.

Die Fässer-Suche hielt Europa ein halbes Jahr lang in Atem. Bis die Fässer mit dem Dioxin, das so tödlich ist, dass weniger als ein Milligramm zum Tod führen kann, wieder auftauchten: im Hinterhof einer Metzgerei in Nordfrankreich. Seveso, hiess damals die Parole, sei überall.

Verschwundene Fässer wie in den 1970ern schliesst Walter Jörg heute, wenn auch nicht kategorisch, aus; zumindest für Mitteleuropa: «Wir haben das Abfallgeschäft im Griff.» Die Kontrollen seien heute derart rigide, dass bei Transporten vom Verlad in den Lastwagen über die exakt festgelegte Route bis zur Annahme beim Entsorger alles dokumentiert ist, erklärt der Abfallchef («Waste Manager») der Novartis. Überfährt die Ladung ein falsches Zollamt oder kommt einen Tag zu spät an, beginnen die Mühlen zu mahlen.

Umweltgerechte Abfallentsorgung

Trotzdem kommt Jörg nicht umhin, zu relativieren: «Mit Gewalt kann man aber auch heute noch betrügen.» Jörg, schwarzes Hemd, knallige Krawatte, hat eine Einladung der Naturforschenden Gesellschaft Baselland angenommen, am vergangenen Freitag über die umweltgerechte Abfallentsorgung in der chemischen Industrie zu referieren.

In Zeiten, in denen todbringende Substanzen nicht in rostigen Fässern modern, wie man es aus Filmen oder anderen Kontinenten kennt, sondern verbrannt werden, sinkt auch der Anreiz, kriminell zu handeln. Doch Pohritzsch beweist: Sicher ist gar nichts.

Bei 1200 Grad verbrannt

Bei den Giftstoffen der Novartis, die laut Jörg nach strengen Richtlinien entsorgt und schon bei der Produktion ansetzt, um Giftiges möglichst marginal zu halten, handelt es sich vornehmlich um Lösungsmittel aus der Produktion. Bei der Herstellung eines Kilogramms Diclofenac, Wirkstoff von Voltaren, entstehen über 40 Kilo Abfall.

Der Grossteil des Chemiemülls wird recycelt, etwa kontaminierte Gebinde, einen Grossteil der Entsorgung erledigt der Pharmariese mit Drehrohröfen im eigenen Werk, die giftige Substanzen bei 1200 Grad verbrennen und so praktisch unschädlich machen. Das sind rund 34000 Tonnen jährlich. Was bleibt, sind Asche und Schlacke, die etwa im Elbisgraben landen. «Alles können wir nicht in Luft auflösen», sagt Jörg abschliessend. Denn trotz modernster Techniken: Schadstoffe werden in die Luft freigesetzt. Und es gibt Stoffe, die weder recycelt noch eingeäschert werden können. Sie landen in Untertagedeponien – den wohl giftigsten Orten der Welt.