Zersiedlung
«Der Kanton setzt zu sehr auf Laisser-faire»

Pro Natura kritisiert, dass das Baselbiet zu sorglos mit der Bebauung der Landschaft umgeht. Deshalb sei der kantonale Richtplan auch schon mehrmals vom Bundesamt für Raumplanung zurückgewiesen worden.

Boris Burkhardt
Merken
Drucken
Teilen
Das typische Dorf im Oberbaslbietier, hier Bubendorf

Das typische Dorf im Oberbaslbietier, hier Bubendorf

Die Siedlungsfläche in der Schweiz ist seit 1972 von 2000 um die Hälfte auf 3000 Quadratkilometer gewachsen. Laut eidgenössischer Gebäudestatistik steht mittlerweile jedes vierte Gebäude (total 540000) ausserhalb der Bauzone. Auch die Bauzonen selbst wachsen ungebremst. Deshalb will Pro Natura Schweiz mit seiner Landschaftsinitiative eine verpflichtende Bauzonenbremse in der Bundesverfassung verankern.

Den Flächenverbrauch deckeln

«Der erste Schritt muss sein, bei den Bauzonen einen Deckel zu setzen», sagt Marcus Ulber, Projektleiter Naturschutzpolitik von Pro Natura Schweiz mit Sitz in Basel. Für die gesamte Schweiz müsse ein maximaler Flächenverbrauch festgelegt werden, der in Zukunft noch möglich sei. «Unter diesem Deckel kann man noch handeln», nimmt Ulber in Gedanken bereits den übernächsten Schritt vorweg. Analog zum CO2-Handel schwebe Pro Natura ein Zertifikatenhandel mit Baurechten vor.

Die Gesamtmenge an noch verbaubarer Fläche würde über Kantone und Gemeinden bis auf den einzelnen Einwohner einer Gemeinde aufgeteilt. Wenn also nach diesem System jedem Einwohner einer Gemeinde beispielsweise 10 Hektar Bauland zur Verfügung stünden, rechnet Ulber vor, könnte jemand, der 20 Hektar benötigt, einem anderen seinen hypothetischen Anteil abkaufen. Dieses Modell ist laut Ulber für die Schweiz völlig neu, werde aber in den USA bereits praktiziert.

Zusätzlich zum Zertifikatenhandel der Einwohner untereinander ist für Ulber auch ein Abtausch unter den Gemeinden vorstellbar: Mehrere Nachbargemeinden könnten sich so an gemeinsamen regionalen Industriezonen beteiligen. «Die einzelne Gemeinde behält sich so mehr von ihrer Landschaft, muss aber nicht auf Steuereinnahmen verzichten», pointiert Ulber.

«Heutige Gesetze reichen aus»

Aber bereits jetzt sieht Pro Natura vor Ort genügend Instrumente zum Handeln: «Die heutigen Gesetze reichen bereits aus», sagt Rico Kessler, Leiter Politik und Internationales. Die Baselbieter Regierung habe bisher aber zu stark auf Laisser-faire gesetzt und den kommunalen Zonen- und Bauplänen zu viel Spielraum gelassen. Deshalb sei der kantonale Richtplan auch schon mehrmals vom Bundesamt für Raumplanung zurückgewiesen worden.

Bauzonen sollen für den Bedarf von 15 Jahren ausgewiesen werden, zitiert Kessler das Raumplanungsgesetz; tatsächlich reichten sie teilweise aber für drei Jahrzehnte. Vor allem in den kleinen Dörfern des Oberbaselbiets genehmige der Kanton zu leichtfertig sehr grosse Bauzonen für Einfamilienhäuser. «Die Raumausnutzung ist sehr schlecht. Der Kanton sollte die Situation kritisch überprüfen.»

Agglomeration ist kein Dorf mehr

Auch im Unterbaselbiet kann Kessler die Kritik vieler Gemeinden an der Bauverdichtung nicht nachvollziehen: «Wenn die Agglogemeinden heute noch das Gefühl haben, sie wohnen in einem Dorf, ist das ein falscher Eindruck.» Die Herausforderung der Gemeinden im Speckgürtel sei es, städtische Qualität zu entwickeln und nicht den dörflichen Charakter zu erhalten.

Bei der Siedlungsfrage geht es laut Kessler nicht nur um den Landschaftsschutz. Die Folgen der mangelnden Nachhaltigkeit würden die Kantonsbewohner auch im eigenen Geldbeutel spüren: Die Kosten für die Infrastruktur trage die Allgemeinheit. Jedes noch so kleine Dorf habe heute das Gefühl, es müsse «doch noch wachsen können», moniert Kessler: «Ich wünsche mir Gemeinden und Regionen, die sagen: Wir wollen gar nicht mehr quantitativ wachsen.»