Seltisberg
Der neue Heimleiter hat den Weg aus der Krise gefunden

Der Kontrast könnte nicht grösser sein: Als die Krise im Seltisberger Kinderheim «Auf Berg» vor vier Jahren ihren Höhepunkt erreichte, herrschte Fotoverbot und Journalisten waren nicht willkommen. Das hat sich nun geändert.

Andreas Maurer (Text)und Kenneth Nars (Fotos)
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Der wichtigste Ort im Seltisberger Kinderheim: Der Esstisch. Der stellvertretende Heimleiter Thorsten Binus (links) und Sozialpädagogin Nathalie Müller (2. v. r.) mit einer Schülergruppe.
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Ein Besuch im Kinderheim «Auf Berg»
Einige Heimkinder teilen sich ein Zimmer zu zweit.

Der wichtigste Ort im Seltisberger Kinderheim: Der Esstisch. Der stellvertretende Heimleiter Thorsten Binus (links) und Sozialpädagogin Nathalie Müller (2. v. r.) mit einer Schülergruppe.

Heimleiter Pascal Tanner (48) gewährt dem «Sonntag» auf Anfrage gerne einen Rundgang durchs Heim, nimmt an diesem selber aber nicht teil. Er überlässt die Führung zwei Heimkindern, die sich freiwillig gemeldet haben: Tristan (10) und Raphael (12).

Der zehnjährige Brillenträger, der wegen seiner Scharfsinnigkeit «Professor» genannt wird, hat den grössten Teil seines Lebens im Heim verbracht. Seit sieben Jahren lebt er hier. «Naja», antwortet er auf die Frage, ob es ihm hier gefalle. Seine Kritik bewegt sich auf hohem Niveau: «Es gibt zu wenig Süssigkeiten.» Auf dem Rundgang verdeutlicht er, dass er die Freiheiten des Heims schätzt: Das ganze Haus stellt für den «Professor» ein Spielplatz dar. Im Keller, unter der Treppe und im Lift weist er auf Plätze hin, die sich besonders gut fürs Versteckspiel eigenen. Die Kinderschar darf die Nachmittage frei gestalten.

Früher wies der Betrieb militärische Züge auf. Das Kinderheim wurde vor neunzig Jahren im defizitären Hotel Belvedere und zwei angebauten Kriegsbaracken des Roten Kreuzes gegründet. Der Katholische Fürsorgeverein führte das Seltisberger Heim bis 2011. Im letzten Jahrzehnt wurde er verantwortlich gemacht für heftige Konflikte, da er sich aus Sicht der Heimleitung zu stark ins Tagesgeschäft eingemischt hat. Die Fluktuation war hoch. Die Heimleiter kamen und gingen. Unter den Angestellten herrschte Verunsicherung.

Darunter litt die Betreuung der Kinder. Der Amtsvormund des Kreises Liestal warnte die Vormundschaftsbehörden 2008 deshalb, Jugendliche im Seltisberger Heim zu platzieren. Eine Gruppe um den heutigen Liestaler Stadtratspräsidenten Lukas Ott, die sich «Watchdogs» nannte, prangerte Missstände an. Heute stellt Ott fest, dass das Heim wieder ein professionelles sozialpädagogisches Umfeld biete. Die «Wachhunde» beendeten ihre Wächterrolle.

Dazu beigetragen hat, dass der Katholische Fürsorgeverein Baselland eine Aktiengesellschaft zwischengeschaltet hat. Deren Verwaltungsrat führt das Heim seither. Präsidiert wird dieser vom früheren Reinacher CVP-Politiker Urs Baumann. «Unter dieser starken Persönlichkeit ist die Kommunikation klarer und direkter geworden», lobt Tanner.

Mit dem Betriebsklima stiegen auch die Bewohnerzahlen. Heute spricht Tanner von massiver Überbelegung: «Wir platzen aus allen Nähten.» Vor vier Jahren belegten 28 Kinder die 32 Heimplätze. Inzwischen sind es bis zu 37. Mehr Kinder wohnen deshalb in Doppel- statt Einzelzimmern. Tanner, der sich selber als Paradiesvogel bezeichnet, hat eine neue Kultur ins Heim gebracht. Die schalldichte Bürotür seines Vorgängers liess er durch eine geräuschdurchlässige ersetzen. Er habe für alle Probleme ein offenes Ohr. Gleichzeitig signalisiert er Distanz: Er ist grundsätzlich mit allen Mitarbeitern per Sie. Den bisherigen Namen «Familien» für die Wohngruppen hat er abgeschafft. Sie heissen seither schlicht «Gruppen». «Das ist eine wichtige Voraussetzung, um den richtigen Umgang mit Nähe und Distanz zu finden», meint Tanner.

Im belebten Gebäude herrscht eine fröhliche Stimmung wie in einem Lagerhaus. Es seien in der Regel ganz normale Kinder, betont der Heimleiter. Den Bruch mit der Norm diagnostiziert er woanders: «Nur die Eltern sind nicht normal.» Viele hätten psychische Probleme oder generell zu wenig Erziehungsfähigkeiten. «Sie setzen ihren Kindern keine Grenzen, da sie sich selber keine setzen», sagt Tanner. Er staune immer wieder, mit wie viel Anstand und Sorgfalt die Heimkinder miteinander umgingen. Jedes vierte Heimkind hat kaum Kontakt mit seinen Eltern, da die Vormundschaftsbehörde diesen einschränkt. «Teilweise droht die Gefahr, dass Eltern ihre Kinder entführen», berichtet Tanner.

Die Betreuung der Kinder ist teuer: Die Kosten für einen Seltisberger Heimplatz liegen mit 9200 Franken pro Monat leicht über dem Schweizer Durchschnitt. Den grössten Teil des Aufwands bezahlt der Kanton Baselland. Die Eltern übernehmen einen einkommensabhängigen Beitrag, der oft 100 Franken pro Monat nicht übersteigt.

Der neue Erfolg des Kinderheims zahlt sich nicht für alle aus: Die Gemeinde Seltisberg beklagt sich über steigende Schulkosten. Derzeit besuchen 15 Heimkinder die Seltisberger Primarschule. Diese verursachen gemäss Gemeindepräsident Bernhard Zollinger Schulkosten in der Höhe von jährlich 100000 bis 150000 Franken. «Wir müssen pro Jahr eine zusätzliche Lehrkraft einstellen», sagt er. Mit den Herkunftsgemeinden der Heimkinder unterzeichnete Seltisberg früher Verträge im Rahmen des Regionalen Schulabkommens. In der Regel bezahlten die Gemeinden Schulgelder auf Druck des Kantons. Dieser Druck existiert nicht mehr. «Seit der Kanton seiner Rolle als Vermittler nicht mehr nachkommt, bezahlen die Gemeinden nicht mehr», ärgert sich Zollinger.

Dasselbe Problem ist in der Gemeinde des zweiten Baselbieter Kinderheims, das keine eigene Schule hat, entstanden: in Laufen. «Wir sind der Meinung, dass die Übernahme durch die Standortgemeinde nicht korrekt ist», sagt Stadtratspräsident Alexander Imhof.

Nicht alle Gemeinden werden gleich behandelt. Liestal profitiert im Gegensatz zu Seltisberg und Laufen weiterhin vom Regionalen Schulabkommen. In dessen Rahmen werden die Schulkosten jener Seltisberger Heimkinder, die in Liestal zur Schule gehen, mit den Herkunftsgemeinden abgerechnet, wie Stadtratspräsident Lukas Ott berichtet.

Aktiv geworden ist BDP-Landrat Hanspeter Kumli. Als eine seiner letzten Amtshandlungen – der Hölsteiner tritt Ende Januar zurück – hat er einen Vorstoss eingereicht, in dem er verlangt, dass der Kanton als Zuweisungsbehörde die Schulkosten sämtlicher Baselbieter Kinder- und Jugendheime übernimmt. Er kritisiert, dass die Gemeinden ungleich behandelt würden. Die angesprochene Baselbieter Bildungsdirektion nimmt mit keinem Wort Stellung. Zuerst werde sie den Vorstoss beantworten.

Im Gegensatz zu den letzten Streitereien ums Seltisberger Kinderheim kann sich der Heimleiter diesmal zurücklehnen. Unter seiner Ägide ist in Seltisberg ein gutes Arbeitsklima entstanden. Der Betrieb funktioniert wieder. Wer die Schulkosten seiner Kinder bezahlt, spielt für Pascal Tanner keine Rolle. Diesmal ist das Klima nur auf politischer Ebene getrübt.