Landzunge und Stadtmund
Der Spätsommer im Mais

Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.

Eva Oberli
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Bevor wir endgültig Norwegerpullover und Weihnachtsschmuck wieder hervorholen, ist erstmal noch Herbst.

Bevor wir endgültig Norwegerpullover und Weihnachtsschmuck wieder hervorholen, ist erstmal noch Herbst.

Keystone/AP/SVEN KAESTNER

Fertig aus mit dem ewigen Sommer! Jetzt kommt die kalte Jahreszeit. Mittlerweile flimmern bereits die ersten Werbespots für Adventskalender über den Bildschirm, am Wegesrand blühen die Herbstzeitlosen, und ein jeder ist ganz wild aufs Kürbissuppe-Kochen.

Man könnte fast meinen, den Leuten ist die Lust auf Sonne, Hitze, Eis, gebräunte Haut und Badeausflüge vergangen. Die Sonnenanbeterinnen und Sonnenanbeter der letzten Monate machen sich jetzt winterfest. Allen ist danach, gläserweise Obst einzukochen, wieder richtige Schuhe statt Flip Flops zu tragen und das Haus mit Tannenzapfen und Vanilleduftkerzen zu dekorieren respektive zu beduften.

Aber bevor wir endgültig Norwegerpullover und Weihnachtsschmuck wieder hervorholen, ist erstmal noch Herbst. Der Herbst mit seinem gefärbten Laub, den neblig-kühlen Regentagen und den Schals im Format von Picknickdecken ist wunderbar und hat vor der gehypten, glühweingetränkten Adventszeit auch eindeutig noch mehr Anerkennung verdient. Ebenso unterschätzt wie der Herbst selbst ist der Vorläufer des Herbstes: der Spätsommer im September. Der Monat, in dem sich die ersten Zugvögel auf den Telefonleitungen versammeln, die Morgenbrise allmählich auffrischt und der Abendhimmel tagtäglich aussieht wie eine Handvoll Löhrpflaumen mit Honig.

Doch Mutter Natur ist zurzeit nicht nur äusserst fotogen, sondern auch reich und reif: Die Erntezeit ist in vollem Gange. Das bedeutet Hochsaison für die Lohnunternehmen, die im ganzen Kanton unterwegs sind und tonnenweise herangekarrten Mais zu Ballen pressen.

Im ganzen Oberbaselbiet röhren die Traktormotoren, rattern die Kratzböden, und ausserorts wird in der Kolonne hinter einem maisbeladenen Diesel-Koloss konsequent mit 30 Stundenkilometern gefahren. Ein heiteres Spiel, begleitet von viel Zeichensprache unter den Chauffeuren und Chauffeusen und weithin blinkendem, orangenem Rundumlicht auf der Führerkabine. Anschliessend zeigt der Whatsapp-Status der Jung- und Altbauern – anstelle einer himmlischen Abendstimmung– gefüllte Silos oder einen stilsicher vor dem leer geräumten Feld positionierten Traktor mit Doppelanhänger.

Nur wenige Umstände vermögen diesen Zahnradlauf aus der Bahn zu werfen: Wenn etwa urplötzlich eine Wildschweinfamilie zwischen den Stauden auftaucht oder der Maishäcksler die zerfetzten Überreste eines verirrten Kleidungsstücks ausspuckt. Dann werden alle nervös. Und die Verschwörungstheorien laufen heisser als die Keilriemen.

Zeugt ein einzelnes T-Shirt inmitten von zwei Hektar Mais von den Hinterlassenschaften eines verrückten Pärchens oder eher von einem kaltblütigen Mord in der ländlichen Idylle? Liegt sonst noch etwas da im Feld? Was haben die Wildschweine damit zu tun? Im einen oder anderen Zusammenhang fällt dann noch das Wort Pump Gun oder ein Schuss und dann beruhigen sich auch alle wieder. Schliesslich müssen die Rundballen ja noch nach Hause geführt werden.