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Der ungehobene Schatz im Elbisgraben

Was heute Abfall ist, enthält Rohstoffe, die in Zukunft knapp und damit teuer werden. Dann wird die Deponie zum Bergwerk.

Daniel Haller
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Deponie Elbisgraben Liestal
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Solange die Schlacke aus der KVA noch nicht entschrottet ist, enthält sie rund 10 Prozent Metall. Am augenfälligsten sind dabei die eisenhaltigen Metalle. Künftig will man aber auch die in Spuren vorhandenen Edelmetalle zurückgewinnen.
Der Wiegemeister nimmt nur angemeldete Fuhren entgegen und überprüft dabei die Dokumente und die Ladung.
Der Tunnel erlaubt die Zufahrt fast direkt ab Autobahn und ohne Siedlungen zu stören.

Deponie Elbisgraben Liestal

Kenneth Nars

Die Zufahrt ist spektakulär: Ein 630 Meter langer Einspurtunnel führt von Arisdorf her zur Liestaler Deponie Elbisgraben. Gleich am Tunnelausgang werden die Lastwagen gewogen.

Eine Kamera überträgt das Nummernschild ins Innere des Waaghäuschens, eine zweite fotografiert die Ladung, teilweise nimmt der Wiegemeister Stichproben: Im Elbisgraben und in der über den gleichen Weg erreichbaren Inertstoffdeponie «Höli» will man genau wissen, was abgeladen wird. Ein Zaun rings um den 18 Fussballfelder grossen Elbisgraben soll zudem das illegale Ablagern von Müll unterbinden.

In Zukunft könnte er auch verhindern, dass Rohstoffe heimlich abtransportiert werden, beispielsweise die Klärschlamm-Schlacke. Dieses mineralische Endprodukt menschlicher Ausscheidungen enthält Phosphor, einen für das Leben unersetzbaren Baustein. «Der Phosphatbedarf der Welt wird zukünftig die Nachrichten dominieren wie Erdöl heute», prophezeit die VSN, eine Vereinigung von Offizieren des Nachrichtendienstes, die nach eigenen Angaben «Spitzen von Militär, Politik und Wirtschaft» mit strategischen Informationen beliefert.

So rechnet man damit, dass zwischen 2020 und 2030 die Spitze des Abbaus von mineralischen Phosphatvorkommen überschritten wird. Zudem befinden sich die Phosphatvorkommen in Ländern wie Marokko, das Phosphat unter anderem in der völkerrechtswidrig besetzten Westsahara abbaut. Da ist mit politischen Konflikten und entsprechender Instabilität auf dem Weltmarkt zu rechnen. Und China erhebt bereits Exportzölle, um das Lebenselement im Inland zu behalten.

Seit 2006 ist es in der Schweiz verboten, Klärschlamm direkt als Dünger zu benutzen, da er neben dem Phosphor auch Hormone und Schwermetalle enthält. Damit ist der Phosphor-Kreislauf unterbrochen – zumindest vorläufig: Im Elbisgraben lagert man die Schlacke aus der Baselbieter und Basler Klärschlammverbrennung separat ab.

Damit hat man in Zukunft, wenn wirtschaftliche technische Verfahren entwickelt sind, Zugriff auf die Asche: Aus der Deponie wird dann eine Mine. Mit welchen Verfahren man den Phosphor am besten zurückgewinnen kann, wird derzeit im Rahmen eines EU-Programms unter anderem an der Fachhochschule Nordwestschweiz erforscht. Der Bundesrat möchte mit der Phosphor-Rückgewinnung bereits in fünf Jahren beginnen.

Im Schnitt enthält Schweizer Klärschlammschlacke 8 Prozent Phosphat. In der Nordwestschweiz sind es 6 Prozent, da wegen der Industrie-Abwässer der Fäkaliengehalt im Schmutzwasser tiefer ist als dort, wo unverdünntes Siedlungs-Abwasser gereinigt wird.

Daneben enthält die ebenfalls getrennt eingebaute Hausmüll-Schlacke rund 10 Prozent Eisen sowie Bunt- und Edelmetalle. Im Baselbieter Amt für Industrielle Betriebe (AIB) studiert man die Möglichkeit, auch die Edelmetalle bis hin zu Gold zurückzugewinnen.

Sicherheit geht vor

Der Elbisgraben ist schweizweit die einzige kantonale Deponie. Sonst sind Deponien privatwirtschaftlich organisiert. Das AIB betreibt die Deponie, das Amt für Umwelt und Energie (AUE) kontrolliert sie.

«Wir legen das Schwergewicht auf Sicherheit und nicht auf Profit», betont Deponieleiter Heinz Schaub. Bereits bevor dies der Bund vorschrieb, wurde die Deponie abgedichtet: Auf eine Fundationsschicht wurde ein rund 8 Zentimeter dicker Bitumenbelag aufgebracht. Darüber liegen verschweisste Bahnen einer rund 3 Millimeter dicken Folie. Sensoren messen die auf die Deponie niedergehende Regenmenge und das austretende Deponiewasser, das anschliessend in der ARA Füllinsdorf geklärt wird. Würden die Kurven des ein- und des austretenden Wassers nicht mehr übereinstimmen, müsste man eingreifen, da beispielsweise Entwässerungsrohre verstopft sein könnten.

Mit im abgelagerten Gut eingebauten Rohren saugt das AIB die Deponiegase ab und verbrennt sie im Fernheizwerk Liestal: «Seit Betriebsaufnahme haben wir so 21 Millionen Liter Heizöl eingespart», berichtet Schaub. AIB-Leiter Pascal Hubmann ergänzt: «Der Elbisgraben ist nicht einfach ein Tal, das aufgefüllt wird, sondern eine Hightech-Anlage.»

Der Platz wird immer knapper

1993 lehnte das Baselbieter Stimmvolk den Bau einer eigenen Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) ab. Seit 2000 wird deshalb auch der Oberbaselbieter Abfall in der KVA Basel verbrannt.

Die dort entstehende Schlacke kommt zurück ins Baselbiet: Vorläufig vor allem nach Liesberg, und wenn dort die Deponie ab 2016 voll ist, in den Elbisgraben: «Die Stadt hat das Fernwärmenetz, das Baselbiet den Platz für die Endlagerung», umschreibt Hubmann die Zusammenarbeit.

Dieser Platz ist allerdings begrenzt: 2050 dürften die Baselbieter Deponien voll sein. Weiteren Deponieraum zu finden, wird extrem schwierig. Deshalb lehnt der Elbisgraben zur Schonung des Deponieraums Abfall aus anderen Landesteilen ab.