Baselland
Die Agglo und das Auto fremdeln: Motorisierung nimmt in stadtnahen Gemeinden ab

Noch immer fahren viele Baselbieter Auto. In Gemeinden in Stadtnähe nimmt die Anzahl jedoch leicht ab. Der Grund könnte in der Stadt liegen.

Michel Ecklin
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In Agglogemeinden nimmt die Anzahl Autos ab. (Symbolbild)

In Agglogemeinden nimmt die Anzahl Autos ab. (Symbolbild)

bz Basellandschaftliche Zeitung

Es ist nicht so, dass das Auto im Baselbiet nicht mehr beliebt wäre. Über den ganzen Kanton gesehen ist die Anzahl Autos pro 1000 Einwohner zwischen 2013 und 2019 von 502 auf 512 gestiegen. Kleine Gemeinden im Oberbaselbiet erreichen Werte von über 700. Doch je mehr man sich der Stadt Basel nähert, um so mehr flacht der Anstieg ab, von einem tiefen Niveau aus. In der Agglomeration stagnieren die Zahlen. In manchen stadtnahen Orten ist die Anzahl Autos pro 1000 Einwohner seit 2013 sogar gesunken, etwa in Binningen (heute 431), Oberwil (494) Reinach (502) oder in der autoärmsten Gemeinde des Kantons, Birsfelden (391). Falls der Trend anhält, nähert sich die Agglomeration der Situation in Basel-Stadt (309 Autos/1000 Einwohner). Dort sinkt seit einigen Jahren die Anzahl Personenwagen, trotz steigender Bevölkerung.

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Rund um Tram und Bus wurde verdichtet

Der Grund für die sinkende Autoliebe der Vorortbewohner ist vielleicht auch in der Stadt zu suchen. Das meint Christian Pestalozzi, der der Verkehrs- und Raumplanungskommission der Region Leimental Plus vorsteht. In Basel würden immer mehr Arbeitgeber restriktiv Parkplätze zuteilen, sagt er. Da verzichte manch ein Haushalt ganz aufs Auto, weil man auch in der Freizeit keins brauche. Zudem wachse die Bevölkerung im Leimental zu einem beträchtlichen Teil dank Zuzügern aus Basel, «und die möchten weiterhin so leben, wie sie das von der Stadt her kennen».

Was auch eine Rolle spielen könnte: In den vergangenen Jahren haben die Vorortsgemeinden verdichtetes Wohnen gefördert, gezielt dort, wo der öffentliche Verkehr in die Stadt gut ist. Und je mehr Wohnungen es in einer Überbauung gibt, um so weniger Autos besitzen die Bewohner. Das fand eine Studie des Kantons 2019 heraus.

E-Bikes und Car-Sharing gewinnen an Beliebtheit

Die Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) führt auf Anfrage weitere mögliche Gründe für den Autoverzicht auf: Die hohe Auslastung des Verkehrsnetzes in Spitzenstunden, die Beliebtheit von E-Bikes und Car-Sharing, die verbesserten Velorouten, das erhöhte Umweltbewusstsein und die Tatsache, dass bei den Jungen das Auto eine untergeordnete Rolle spiele. Zudem erwähnt die BUD «die eingeschränkte Verfügbarkeit von Parkplätzen im Agglomerationskern» - also in Basel.

Für Andreas Dürr, Präsident des ACS beider Basel, ist letzteres sogar der Hauptgrund für die Stagnation in der Agglo. «Wenn ein Familienmitglied nicht mehr mit dem Auto in die Stadt pendeln kann, verzichtet man auf das Zweit- oder Drittauto.» An eine nachhaltige Trendwende glaubt er aber nicht. Denn der Bedarf nach individueller Mobilität sei ungebrochen. «Basel kann einem das Autofahren nur so lange vermiesen, bis man sich sagt: Ich orientiere meinen Alltag nicht mehr auf die Stadt.»

Geplant wird nicht für eine Zukunft mit weniger Autos

Florian Schreier, Geschäftsführer des VCS beider Basel, hält die Basler Verkehrspolitik nicht für extremer als diejenige anderer Städte. «Die täglichen Staus halten jedenfalls niemanden vom Autofahren ab.» Wer aber feststelle, dass man sich in der Stadt mit dem öffentlichen Verkehr oder dem Velo gut bewegen könne, verzichte vielleicht auf ein Auto. Eine Rolle spiele auch die Verfügbarkeit eines Parkplatzes am Wohnort. «Das Baselbiet schreibt 1,3 pro Wohnung vor», sagt Schreier. Und die Parkkarten seien günstig, sodass niemand darauf verzichte. «Solange das so bleibt, wird sich die Anzahl im Autos nie so entwickeln wie in Basel.» Neuerdings sind aber Ausnahmen von der Parkplatzpflicht erlaubt, in Liestal wird derzeit die erste autofreie Überbauung des Kantons erstellt.

Die täglichen Staus halten jedenfalls niemanden vom Autofahren ab.

Die BUD sieht mit dem autoarmen Wohnen sogar einen neuen Trend aufkommen. Die Planer des Kantons sehen zwar punktuell eine Entwicklung hin zu weniger Autos, wollen aber nicht generell für eine Zukunft mit weniger Autos planen. Denn eine Veränderung beim Autobesitz beeinflusse nicht automatisch das Verkehrsaufkommen. «Es wäre zu früh, jetzt schon bei den hochausgelasteten Strassennetzen zu entwarnen», so die BUD. Die Kapazitätsmängel würden auch langfristig bestehen, weshalb es punktuell zusätzliche Strassen brauche.