Liestal
Die Baselbieter S3 piepst, die Fahrgäste störts

Seit dem Fahrplanwechsel erklingt bei jeder Türschliessung der S-Bahn ein lautes Piepsignal. Es ist für Sehbehinderte gedacht, erfreut diese aber nur bedingt. Die Neuerung beruht auf EU-Recht, da die Züge der S3 zukünftig auch in Frankreich fahren-

Sebastian Moos
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Piepsende S-Bahn-Türe (Symbolbild)

Piepsende S-Bahn-Türe (Symbolbild)

Keystone

«Der Ton ist einfach ätzend», bringt es eine junge Passantin beim Bahnhof Liestal auf den Punkt. Die Rede ist vom piepsenden Signal, das neuerdings noch lauter erklingt, wenn sich die Türen der S3 zwischen Olten und Porrentruy schliessen. Was hat es mit dem Signal auf sich?

Gemäss Lea Meyer, Mediensprecherin der SBB, ist es eine Folge von EU-Richtlinien. Diese sollen seh- und hörbehinderten Menschen das Reisen vereinfachen. Laut Beat Schweingruber von der Fachstelle Barrierefreier öffentlicher Verkehr (BöV) «haben Sehbehinderte nun aber das unangenehme Problem, dass sie schuldig an dem Lärm sein sollen».

Die zwingende Anwendung von EU-Recht rührt daher, dass die sogenannten «FLIRT France»-Züge der S3 zukünftig auch im grenzüberschreitenden Verkehr eingesetzt werden. Obwohl die Kompositionen noch nicht im grenzüberschreitenden Einsatz stünden, sei die EU-Regelung zwingend, erklärt Meyer. «Der Signalton kann nicht länderspezifisch angepasst werden.»

Bisher kaum Reklamationen

Neben der S3 sind die Piepstöne bereits seit letztem Frühling bei der S1 zu hören. Auf deren Einführung hat die SBB zahlreiche Reklamationen erhalten. «Bei der S3 scheinen sich die Reisenden bereits daran gewöhnt zu haben. Die neuen Signaltöne sind seit dem letzten Fahrplanwechsel Mitte Dezember aktiv, Reklamationen hat es bisher nur sehr wenige gegeben.» Meyer betont, dass «die SBB nicht viel dafür könnten. Wir halten uns nur an die Regeln.»

Auf die Herstellung der Züge hat die Signalgebung übrigens gemäss Herstellerin Stadler Rail kaum Einfluss. «Die Signaltöne spielen vom Aufwand her eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sind bei grenzüberschreitenden Zügen die Stromsysteme der Länder. Sind diese unterschiedlich, muss eine entsprechende Zwei- oder gar Mehrfachsystem-Ausrüstung eingebaut werden», erläutert Vincenza Trivigno, Kommunikationsbeauftragte der Firma.

«Übertrieben und unnötig.»

Laut Schweingruber «sind wir hier mit europäischen Regeln konfrontiert, die uns Bauchschmerzen bereiten.» Zwar sei «für sehbehinderte Menschen ein grosser Bedarf da, akustisch gewarnt zu werden, wenn Türen schliessen». Schon etliche hätten bei unerwartet schliessenden Türen ihren Blindenstock verloren. Andere waren noch im Zug und der Hund schon draussen oder umgekehrt. Diese Regelung schiesse aber über das Ziel hinaus, «sie ist übertrieben und unnötig.»

Aus Sicht der BöV sei es wichtig, zwischen temporär und endgültig schliessenden Zugtüren zu unterscheiden. Laut Schweingruber wäre es ideal, wenn «ein zweimaliges Piepsen erklingt, bevor die Türe zugeht, aber noch freigegeben bleibt. Wenn die Türe allerdings schliesst und nachher nicht mehr geöffnet werden kann, sollte das Piepsen andauern, bis die Türe geschlossen ist; und nicht jedes Mal, wenn die Türe zugeht». Auch die SBB unterstütze diese Lösung und wende sie bei einem Teil der Flotte an.

Schweingruber betont weiter, dass die Lautstärke des Signals klar zu hoch sei: «Die Regeln der EU verlangen generell 70 Dezibel, für Deutschland gelten leicht tiefere Werte.» Zusammenfassend meint er, Warnsignale seien zwar auch für Nichtbehinderte nützlich, «man muss es aber nicht übertreiben».

Ganz für die Katz sind die Signaltöne also nicht. Auch einige Zugreisende scheinen ihnen Positives abgewinnen zu können. Eine Frau betont den Sicherheitsaspekt, ein Passant zeigt sich gar sichtlich erfreut: «Das Piepsen hat mich schon daran erinnert, dass ich aussteigen muss.»